Abstimmung Pro und Contra
Ist die Baselbieter Lehrplaninitiative nötig? Oder gefährdet sie bereits aufgegleiste Verbesserungen?

Am 7. März stimmt der Kanton Baselland über die Lehrplaninitiative ab. Michael Pedrazzi, Vorstand Starke Schule beider Basel, und Ernst Schürch, Präsident der Amtlichen Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrer, im Pro und Contra zur bevorstehenden kantonalen Abstimmung.

Michael Pedrazzi, Ernst Schürch
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Michael Pedrazzi (l.) und Ernst Schürch im Pro und Contra zur Lehrplaninitiative, über die Baselland am 7. März abstimmt.

Michael Pedrazzi (l.) und Ernst Schürch im Pro und Contra zur Lehrplaninitiative, über die Baselland am 7. März abstimmt.

zVg

Pro: «Punktuelle politische Korrekturen in der Bildung sind nötig»

Michael Pedrazzi, Vorstand Starke Schule beider Basel.

Michael Pedrazzi, Vorstand Starke Schule beider Basel.

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Die Volksabstimmung vom Juni 2018 forderte mit 84,2 Prozent klare Stoffinhalte und Themen im Lehrplan. Der politische Wille war klar; es soll zwei Lehrplanteile geben: Teil A mit «Stoffinhalten und Themen» und Teil B mit «Kompetenzbeschreibungen».

Bis heute hat das Amt für Volksschulen (AVS) diesen Volksentscheid nicht umgesetzt, sondern die Kompetenzbeschreibungen aus dem Teil B in den Teil A kopiert, sodass nun beide Teile aus Kompetenzbeschreibungen bestehen - eine Mogelpackung also, und ein fragwürdiges Demokratieverständnis. Philipp Loretz vom Lehrerverband (LVB) bringt es auf den Punkt:

«Wenn man im Restaurant eine Cola und ein Fanta bestellt, erhält man in aller Regel eine Cola und ein Fanta. Nicht so im Kanton BL. Hier bringt der Kellner zwei Flaschen Cola, die eine mit einer Fanta-Etikette versehen.»

Die Lehrpläne bestehen heute aus 3'536 einzelnen Kompetenzbeschreibungen. Diese unüberschaubare und praxisferne Menge ist im Unterricht nicht umsetzbar. Die Beschreibungen sind oft schwammig und hochtheoretisch formuliert. Ein Beispiel:

«Die Schülerinnen und Schüler können allein oder im Gespräch die kommunikative und ästhetische Wirkung und Qualitäten ihrer Texte mithilfe von Kriterien differenziert einschätzen.»

Weil die Lehrpersonen diese diffusen Beschreibungen unterschiedlich interpretieren, wird eine Harmonisierung der Schulen verunmöglicht. Die pro Fach teilweise 30-seitigen, mit Kompetenzbeschreibungen gespickten Lehrpläne sind untauglich und werden in der Folge ignoriert.

In der Zwischenzeit gaukelt die Bildungsdirektion Parlament und Öffentlichkeit vor, in Rückmeldeprozessen alle Lehrpersonen einzubinden. Eine weitere Pro-Forma-Mogelpackung, denn grundsätzliche Kritik ist nicht erwünscht. So wird nicht zur Diskussion gestellt, ob man Kompetenzbeschreibungen aus den Stofflehrplänen (Teil A) verbannen will.

Um Fehlkonzepte und unsinnige Bildungsreformen zu korrigieren, braucht es Volksinitiativen. Ohne dieses Instrument wären zum Beispiel die beliebten Fächer Biologie und Geschichte abgeschafft worden und es gäbe keine Lehrmittelfreiheit. Die Lehrpersonen müssten weiterhin mit dem untauglichen Passepartout-Lehrmittel «Mille feuilles» unterrichten.

Gute Lehrpläne bestehen sowohl aus einem stringenten Stofflehrplan im Umfang von maximal zwei Seiten pro Fach und Schuljahr sowie einem deutlich abgespeckten Lehrplanteil mit zielführenden Kompetenzbeschreibungen.

Solche von den Schulen breit abgestützten Lehrpläne könnten durch den LVB oder die Starke Schule beider Basel zügig und zum Nulltarif erarbeitet und dem Bildungsrat unterbreitet werden. Beide Verbände hätten das Knowhow dazu. Aus diesen Gründen bitte ich Sie, am 7. März zur Bildungsinitiative JA zu stimmen.

Contra: «Nein zur schädlichen und unnützen Lehrplaninitiative»

Ernst Schürch, Präsident der Amtlichen Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrer (AKK).

Ernst Schürch, Präsident der Amtlichen Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrer (AKK).

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Einmal mehr geht es bei der Lehrplaninitiative um einen Eingriff einer kleinen, politisch motivierten Gruppierung in die Geschäfte des Bildungsrates. Wir stimmen über eine Sachfrage ab, zu der von dieser Gruppierung seit Jahren mit Polemik und Behauptungen Stimmung gemacht wird. Die Initianten zeigen sich weder für einen Dialog noch für einen Kompromiss bereit. Den Schulen soll ein einseitig überarbeiteter Lehrplan vorgeschrieben werden.

Es ist richtig, dass bei der Erarbeitung des Lehrplans 21 einiges falsch lief. Frühere Lehrpläne wurden von Lehrkräften mit viel Erfahrung aus der Praxis und mit Kenntnis der kantonalen Gegebenheiten geschrieben. Dagegen wurde der Lehrplan 21 unter der Federführung der Erziehungsdirektorenkonferenz EDK fast ausnahmslos von Fachleuten der Tertiärstufe geschrieben. Diese verfügten zum grössten Teil über keinerlei Unterrichtserfahrung in der Volksschule. Zusammen mit der Vorgabe der Kompetenzorientierung entstand ein schwer lesbarer und überladener Lehrplan.

Unsere Bildungsdirektorin Monica Gschwind hat die Probleme erkannt. Sie hat die notwendigen Korrekturen unter Einbezug der Praxis veranlasst.

Historisch und schweizweit einmalig können sich alle Lehrkräfte der Sekundarschulen in drei Rückmeldeschlaufen zum Lehrplan einbringen. Der Bildungsrat lässt den zusätzlichen Lehrplanteil A unter Berücksichtigung dieser Rückmeldungen überarbeiten. Der Teil A wird gekürzt und besser lesbar. Er enthält klare Ziele und Stoffinhalte. Damit erhalten die Sekundarschulen ein sehr gutes Instrument für ihre Arbeit. Für die Primarschulen wird ein ähnlicher Rückmeldeprozess beantragt.

Dies wurde möglich, weil Monica Gschwind eine Begleitgruppe mit Vertretungen der Amtlichen Kantonalkonferenz AKK, des Lehrervereins LVB und der Schulleitungskonferenz SLK Sek einsetzte. Nach intensiven Diskussionen mit vielen kritischen Voten wurde ein guter und tragfähiger Kompromiss erzielt. Dieser wurde in wesentlichen Zügen vom Bildungsrat gutgeheissen und führt nun zu einem guten Lehrplan. Damit entstehen Planungssicherheit und Ruhe. Die Annahme der Lehrplaninitiative würde genau das Gegenteil bewirken. Die willkürliche Vorgabe einer maximalen Anzahl Kompetenzen würde die Arbeiten um Jahre zurückwerfen, jegliche Sicherheit zerstören und für grosse Unruhe sorgen. Es kommt hinzu, dass eine erneute Überarbeitung des Lehrplans rund 2,3 Millionen Franken kosten würde. Die Initiative ist unnütz und schädlich.

Auch die Politik hat dies mittlerweile erkannt und die richtigen Schlüsse gezogen. Regierung, vorberatende Bildungskommission (13 zu 0) und Landrat (77 zu 6 bei 3 Enthaltungen) empfehlen die Initiative alle sehr klar zur Ablehnung. Sagen wir deutlich Nein zur schädlichen und unnützen Initiative und lassen wir die Schulen in Ruhe mit einem guten Lehrplan arbeiten!

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