Abstimmung BL
Alle wollen schlankere Lehrpläne, doch der Weg zu diesem Ziel ist völlig verschieden

Am 7. März stimmt das Baselbiet darüber ab, ob die Lehrpläne der Volksschule nur noch maximal 1'000 Kompetenzen umfassen dürfen. So will es die Initiative des Vereins «Starke Schule beider Basel». Die bz klärt die wichtigsten Fragen.

Michael Nittnaus
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Die «Starke Schule beider Basel» will die Bedeutung von Stoffinhalten und Themen im Baselbieter Lehrplan stärken.

Die «Starke Schule beider Basel» will die Bedeutung von Stoffinhalten und Themen im Baselbieter Lehrplan stärken.

Kenneth Nars

Was ist der «Lehrplan Volksschule Baselland» überhaupt?

Der Lehrplan der Baselbieter Volksschule ist die kantonale Anpassung des «Lehrplan 21», dank dem die Deutschschweizer Kantone die Ziele der Volksschule harmonisieren wollen. Er reicht vom Kindergarten über die Primarschule bis zum Ende der Sekundarschule und gibt vor, welches Wissen und Können sich die Schülerinnen und Schüler aneignen sollen. Dazu hält er auch fest, auf welchen Kompetenzen die weiterführenden Schulen der Sekundarstufe II aufbauen können. Für den Kindergarten und die Primarschule gilt dieser Lehrplan seit 2015, für die Sekundarschule wurde er seit 2018 innert drei Jahren aufsteigend eingeführt.

Um was geht es bei der Abstimmung genau?

Der Titel der formulierten Gesetzesinitiative sagt schon vieles: «Die gigantische und unerfüllbare Anzahl von 3'500 Kompetenzbeschreibungen in den Lehrplänen auf ein vernünftiges Mass reduzieren.» Der Verein «Starke Schule beider Basel» will, dass die Zahl der Kompetenzbeschreibungen in den Stufenlehrplänen der Primar- und Sekundarschule zusammengezählt auf maximal 1'000 begrenzt wird. Die Initiative schreibt auch vor, dass nicht nur Kompetenzen, sondern auch klar definierte Stoffinhalte und Themen vorgegeben werden müssen. Diese sollen für die Promotion «massgebend» sein. Ausserdem müssen die Stoffinhalte und Themen für die Sek I nach Jahreszielen und Anforderungsniveaus A, E und P differenziert werden. Letztlich zielt die Initiative gegen die vom Lehrplan 21 eingeführte hohe Gewichtung der Kompetenzbeschreibungen.

Schon wieder eine Lehrplan-Abstimmung? Das kommt mir so bekannt vor ...

Tatsächlich handelt es sich um eine Art Durchsetzungsinitiative der «Starken Schule». Im Juni 2018 sagten 84 Prozent des Baselbieter Stimmvolks Ja zum Gegenvorschlag zur damals von der «Starken Schule» zurückgezogenen Initiative «Ja zu Lehrplänen mit klar definierten Stoffinhalten und Themen». Schon der von der Regierung ausgearbeitete Gegenvorschlag schrieb ins Bildungsgesetz, dass die Stufenlehrpläne künftig nicht nur Kompetenzbeschreibungen, sondern auch Stoffinhalte und Themen enthalten müssen. In der Folge wurde für die Sekundarstufe I ein neuer Lehrplanteil A eingeführt mit Jahreszielen, Stoffinhalten und Themen. Die Kompetenzbeschreibungen sind im Teil B zusammengefasst. Lehrer dürfen selbst entscheiden, mit welchem Teil sie arbeiten.

Ist die neue Initiative dann nicht überflüssig?

In den Augen der «Starken Schule beider Basel» wurden die Vorgaben des Gegenvorschlags von 2018 nie richtig umgesetzt. Daher doppelt sie nun nach. Der neue Lehrplanteil A für Stoffinhalte und Themen sei mit Kompetenzbeschreibungen aus dem Teil B durchsetzt. Nur in Englisch und Französisch sei die Trennung vollzogen worden. Ausserdem seien die 3500 Kompetenzen «weder überschaubar noch vermittelbar», so der Verein. Er geht davon aus, dass rund drei Viertel gestrichen werden können. Der Stoff- und Themenlehrplanteil solle pro Fach und Schuljahr zudem nur noch ein bis drei Seiten umfassen.

Will Bildungsdirektorin Monica Gschwind keine schlankeren Lehrpläne?

Doch. Die Regierungsrätin wie auch das Amt für Volksschulen betonen, dass die Arbeiten am neuen Sek-Lehrplanteil A mit Stoffinhalten und Themen noch gar nicht abgeschlossen seien. Der Bildungsrat habe sich bewusst für eine aufsteigende Einführung mitsamt einem umfangreichen Rückmeldeprozess entschieden. Alle Baselbieter Seklehrer werden dafür mehrmals zum Lehrplan befragt. Bis jetzt hätten sich 700 der 1'200 Lehrpersonen daran beteiligt. In den Arbeitsgruppen, die das Feedback in den Lehrplan einarbeiten, ist seit Herbst 2020 auch der Lehrerverein Baselland (LVB) dabei. Der definitive Lehrplanteil A der Sekundarschule soll erst auf das Schuljahr 2022/23 vorliegen und «fokussierter und kürzer» sein. Eine Reduktion auf 1'000 Kompetenzen sei hingegen nicht umsetzbar und willkürlich. Die Initiative würde zudem zum Abbruch des laufenden Rückmeldeprozesses führen. Die Arbeit am Lehrplan müsste neu begonnen werden – mit entsprechenden Verzögerungen. Regierung, Landrat wie auch sämtliche Parteien empfehlen deshalb, die Initiative abzulehnen.

Was sagt eigentlich die Baselbieter Lehrerschaft?

Die Haltung der Baselbieter Lehrerinnen und Lehrer ist nicht eindeutig. Sowohl die «Starke Schule» mit ihrer Ja- als auch die Amtliche Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrer (AKK) mit ihrer Nein-Empfehlung reklamieren für sich, für die Mehrheit der Lehrerschaft zu sprechen, vertreten aber gegensätzliche Parolen. Und der Lehrerverein Baselland (LVB) wird erst nach einer internen Mitgliederbefragung in den kommenden Tagen offiziell Position beziehen. Fest steht aber, dass der aktuell gültige Lehrplan unter Lehrern hoch umstritten ist und überarbeitet werden muss. Das zeigten in der Vergangenheit bereits mehrere Umfragen. Die Frage scheint bloss, welcher Weg der bessere ist, um dasselbe Ziel zu erreichen.

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