Landwirtschaft
51 Rappen reichen nicht zum Leben – Wie der Milchpreis den Bauern das Leben schwermacht

Die tiefen Milchpreise machen es den Baselbieter Bauern schwer – aber nicht alle wollen oder können aufgeben.

Michel Ecklin
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Bauer Beat Sprenger aus Wintersingen liebt seine Kühe, aber er wird sie Ende Jahr weggeben. Denn von dem, was er derzeit pro Kilo Milch erhält, kann er nicht leben.

Bauer Beat Sprenger aus Wintersingen liebt seine Kühe, aber er wird sie Ende Jahr weggeben. Denn von dem, was er derzeit pro Kilo Milch erhält, kann er nicht leben.

Kenneth Nars

54 Rappen Grundpreis erhält Beat Sprenger für ein Kilogramm Milch. Dafür steht er täglich zwei Mal drei Stunden im Stall und melkt seine 25 Kühe, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. «Wenn man dann am Ende des Monats dafür fast kein Geld sieht, fragt man sich schon, warum man so viel arbeitet», sagt der Bauer aus Wintersingen. Schon lange überlegt er sich, wie es mit der Milchwirtschaft auf seinem Betrieb weiter gehen soll. Um den tiefen Milchpreis zu kompensieren, müsste er mehr Milch produzieren. Das würde heissen: Eine halbe Million Franken in eine neue Melkanlage und einen Laufstall investieren.

Doch das tut Sprenger jetzt nicht. Er hört nämlich Ende Jahr mit der Milchwirtschaft auf. Seinen Entscheid fällte er kurzfristig, der andauernd tiefe Milchpreis spielte dabei eine ausschlaggebende Rolle. Statt in seine Milchkühe investiert er jetzt weiter in seine bereits bestehende Obstwirtschaft. «Das ist weniger arbeitsintensiv, für uns ist das entscheidend», sagt er. Zudem will er vermehrt Rindermast betreiben, sodass sein Stall nicht leer stehen wird. Auch das wird weniger Zeit beanspruchen als die Milchwirtschaft.

Alternativ hätte er auf Mutterkuhhaltung umstellen können. Denn das tut manch ein Bauer, der die Milchwirtschaft aufgegeben hat – und davon gebe es im Kanton einige, sagt Andreas Haas, Präsident des Bauernverbands beider Basel. Regelmässig hört er, dass sich der eine oder andere Bauer einen Ausstieg überlege. «Wie ernsthaft das wirklich gemeint ist, ist jeweils schwer abzuschätzen.»

Strukturwandel

Mehr Milch aus weniger Betrieben

Rund 800 subventionsberechtigte Landwirtschaftsbetriebe gibt es im Baselbiet. 300 davon produzieren Milch – etwa halb so viel wie noch vor 12 Jahren. Gleichzeitig ist die produzierte Milchmenge um etwa 10 Prozent angestiegen, von 52 auf 56 Millionen Kilo pro Jahr. Das lässt sich damit erklären, dass viele Betriebe zusammengelegt wurden und die übrig gebliebenen Betriebe mit Investitionen die Produktion deutlich steigern konnten.

Die Milchproduzenten gehören eher zu den grösseren Betrieben im Kanton. Ungefähr die Hälfte davon sei hauptsächlich von der Milchproduktion abhängig, sagt Pascal Simon, Leiter Produktion im Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach. Die Anzahl der Bauern sinkt im Baselbiet um rund ein Prozent pro Jahr, was ungefähr dem Schweizer Durchschnitt entspricht. Doch die Anzahl Milchproduzenten schrumpft landesweit und im Baselbiet schneller, nämlich um jeweils rund 5 Prozent pro Jahr. Damit steht die Landwirtschaft mitten im «grössten Strukturwandel, den sie jemals durchgemacht hat», sagt Simon.

Wie viel die Baselbieter Produzenten für ein Kilo Milch durchschnittlich erhalten, ist nicht statistisch erfasst. Denn er wird individuell mit den Abnehmern abgemacht. Die Milchbranche hat sich auf den Richtpreis von 65 Rappen pro Kilo geeinigt. Die Verbände der Milchproduzenten versuchen seit Jahren, ihn für verbindlich zu erklären – bisher erfolglos. Tatsächlich erhalten die Bauern mindestens 10 Rappen weniger. Im Biosektor, sagt Simon, gälten «anständigere Preise». Vor 40 Jahren war ein Kilo Milch noch über einen Franken Wert.

Sicher ist für ihn: Mit 50 Rappen pro Kilo legt ein Baselbieter Milchbauer bei jedem Liter drauf. Haas selber hält Milchkühe und will daran festhalten – weil er einen traditionellen Betrieb hat, auf dem Milch nur eines von mehreren Standbeinen ist. «Ältere Bauern wie ich melken vielleicht noch fünf oder zehn Jahre weiter, auch wenn sie daran nichts mehr verdienen», sagt er. Als schwieriger erachtet er die Situation für diejenigen, die noch Investitionen am Laufen haben. Das betrifft eher die jüngeren Bauern, die eigentlich das getan haben, was die Schweizer Landwirtschaftspolitik seit 20 Jahren von ihnen verlangt: Sie haben sich nämlich spezialisiert und entsprechend hohe Investitionen getätigt. Wer die Milchwirtschaft als Schwerpunkt ausgesucht hat, Infrastruktur abzuzahlen und kaum ein anderes Standbein hat, steht jetzt «am Anschlag», wie Haas sagt.

Entsprechend tiefe Spuren hinterlasse der tiefe Milchpreis derzeit im Baselbiet. «Vor 30 Jahren hätten unsere Bauern diese Krise besser überstanden.» Da ist es ein schwacher Trost, dass die Spezialisierung der Bauern im Baselbieter Jura eher weniger weit fortgeschritten ist als im Mittelland, etwa in Luzern oder im Thurgau.

Sieben Millionen investiert

Nicht überraschend, gilt die Stimmung unter den Milchproduzenten in der Region übereinstimmend als schlecht. Gar von einer «Tragödie» spricht Pascal Simon, Leiter Produktion im Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain. Und der Röschenzer Bauer Hansjörg Weber meint: «Da steht man am Morgen früh auf, ist am Abend müde und weiss: Ich habe nichts verdient.» Er ist einer der Milchproduzenten, die sich in der von Haas beschriebenen Lage befindet. Seine 140 Kühe decken 80 Prozent der Einnahmen seines Hofes. In den vergangenen Jahren hat er drei Millionen Franken in die Modernisierung seines Stalles investiert, unter anderem eine halbe Million in zwei Melkroboter.

Angesichts der tiefen Milchpreise erweist sich das jetzt als Fehler, wie er selber einräumen muss. Um trotzdem über die Runden zu kommen, wirtschaftet er derzeit mit einem Angestellten weniger, als eigentlich nötig wäre. Nüchtern hält er fest: «Ich arbeite mehr und habe weniger Freizeit.» 51 Rappen erhält er im Juli pro Kilo Milch, in den kommenden Monaten saisonal bedingt einige Rappen mehr. «In den 1950er-Jahren kriegte mein Vater zehn Rappen mehr als ich jetzt», sagt er. Mit dem Richtpreis von 65 Rappen (siehe unten) wäre Weber jetzt zufrieden.

Er rechnet vor, was ein höherer Abnahmepreis für ihn bedeuten würde: Ein Rappen mehr pro Kilo bringen ihm 13 000 Franken mehr pro Jahr ein. Mit zehn Rappen mehr – also einem Plus von 130 000 Franken pro Jahr – könnte er sich wieder einen Angestellten mehr leisten und seine Schulden einfacher abtragen.

Und eine weitere Rechnung stellt er an: Durchschnittlich knapp 400 Liter Milch konsumiere jeder Schweizer pro Jahr. «10 Rappen mehr pro Kilo wären gerade mal 40 Franken pro Einwohner», sagt Weber. «Leben und Sterben liegen bei uns Milchbauern nahe beieinander.»

Am liebsten möchte er die Milchwirtschaft sofort aufgeben und auf eine weniger personalintensive Produktion umsatteln, etwa auf Mutterkuhhaltung. Doch da würde er investiertes Geld verlieren, und er müsste nochmals Geld in die Hand nehmen – Geld, das er nicht hat. Dabei steht Webers Betrieb noch verhältnismässig komfortabel da. Dank der hohen Investitionen weist er eine hohe Produktivität pro Arbeitskraft aus. «Mittlere oder kleine Betriebe im Baselbiet hingegen können sich keine Durststrecke leisten», sagt er.

Emotional schwierig

Doch für viele Milchbauern sind nicht nur die nackten Zahlen ausschlaggebend. «Finanziell gesehen müsste noch manch einer im Baselbiet sofort mit dem Melken aufhören», sagt Sprenger. «Aber oft ist es schwierig, sich von seinen Kühen zu trennen, vor allem wenn man sie selber lange aufgezogen hat.»

Auch ihm als 40-Jährigem fällt der Abschied von seinem geliebten Vieh nicht leicht «Es ist schon eine emotionale Angelegenheit», räumt er ein. Da ist er nicht unglücklich, dass er Ende Jahr nur einen Teil seiner Tiere zum Metzger schicken muss. «Wenigstens für meine jüngeren Kühe habe ich gute Plätze gefunden.»