Katastrophe
21 Jahre unter Strom: Der Baselbieter Mann für den Notfall geht in Pension

Nach über 20 Jahren geht Marcus Müller, der Leiter des Kantonalen Krisenstabs (KKS) und Amtsleiter Militär und Bevölkerungsschutz (AMB), in Pension.

Rebekka Balzarini
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«Überfordert war ich nie. Ich hatte immer einen starken Stab im Rücken.» Marcus Müller, Leiter Kantonaler Krisenstab und Amtsleiter Militär und Bevölkerungsschutz

«Überfordert war ich nie. Ich hatte immer einen starken Stab im Rücken.» Marcus Müller, Leiter Kantonaler Krisenstab und Amtsleiter Militär und Bevölkerungsschutz

zvg

Krisen erfolgreich zu bewältigen bedingt Improvisationstalent. Gleich zu Beginn der Bilanz-Medienkonferenz musste das Kantonspersonal dieses unter Beweis stellen: Eine Katze hatte sich bei dem kalten Wetter in den Kommandoposten Gitterli verirrt. Der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber persönlich fing das graue Tigerli schliesslich ein und rettete es ins Freie. Einsatz geglückt.

21 Jahre unter Strom

Immer auf Anhieb die beste Leistung erbringen. Das war stets das Ziel von Marcus Müller in den 21 Jahren als Leiter des Kantonalen Krisenstabs Baselland. «Üben, üben, üben», sei Müllers Motto gewesen. Das sagte Regierungsrat Reber in der Ansprache, in der er Müller für seinen Einsatz im Dienste des Kantons würdigte. «Wir haben viel geübt, und wir können überzeugt sagen: Unser Kanton steht in der Katastrophen- und Krisenvorsorge an der Spitze in der Schweiz.» Müllers Nachfolger ist Patrik Reiniger – das ist bereits seit vergangenem Sommer bekannt.

Müller selber wirkte während der Konferenz entspannt. Falls ihm der Gedanke Mühe bereitet, ab Donnerstag nicht mehr an der Spitze des KKS zu stehen, dann war es ihm nicht anzumerken. Im Gegenteil, er freue sich auf die Zeit mit seiner Familie. «Das kam in den letzten Jahren sicher zu kurz», gibt Müller zu. Er war stets erreichbar, wenn irgendwo unverhofft ein Unglück passierte. «Ausser in den Ferien, dann war ich wirklich weg vom Fenster.» Damit hadert er ein bisschen, vor allem, seit er sich regelmässig einen halben Tag pro Woche frei nimmt, um mit seinem Enkel Zeit zu verbringen. «Ich frage mich heute schon, wieso ich das nicht schon bei meinen Kindern gemacht habe.»

Grosseinsatz nach Gas-Explosion

Unter Müller leistete der Krisenstab 598 Einsätze. Einer der schwersten war für ihn im Jahr 2012 die Gasexplosion in einem Wohnblock in Pratteln. Acht Personen wurden damals verletzt, zwei harrten stundenlang unter den Trümmern aus. Müller musste damals den Entscheid fällen, den Einsatz vor Ort zu beenden. «Dabei hatte ich ständig die Frage im Hinterkopf: Ist da wirklich niemand mehr unter den Trümmern?»

Überfordert habe er sich aber bei keinem der Einsätze gefühlt. «Ich hatte immer einen starken Stab im Rücken, auf den ich mich verlassen konnte.» Schlaflose Nächte hatte er auch keine: «Ich habe die Gabe, abschalten zu können.»

Sparen beim Bevölkerungsschutz

Trotz Dauereinsatz in den letzten Jahren ist Müller noch nicht voll zufrieden mit der Gefahrenlage im Kanton Baselland. Bei rund 25 Gefahrensituationen sieht er noch Verbesserungspotenzial. «Wir kamen nicht überall so schnell voran, wie ich mir das wünschte. Auch, weil der Kanton im Bevölkerungsschutz auf die Sparbremse drückt.»

Die Gefahren sind über die Jahre grösstenteils die gleichen geblieben, die Gewichtung hat sich allerdings verändert. Neu ist Trockenheit im Sommer regelmässig ein Problem. Eine ganz neue Bedrohung sei die Cyberkriminalität. «Die Polizei will sich bei diesem Thema möglichst schnell fit machen.»

Ausserdem gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die Müller Sorgen bereiten. Zum Beispiel, dass sich immer weniger Personen in der Feuerwehr oder anderen Milizorganisationen engagieren. «Und wenn es jemand tut, dann reagiert der Arbeitgeber oft nicht begeistert.» Für die Zukunft wünscht er sich deshalb vor allem eines: «Mehr Bewusstsein dafür, was die öffentliche Hand für die Sicherheit der Menschen leistet.»

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