Feuerwehrreform

Baselbieter Feuerwehren im Dilemma, Wirtschaftsprofessor warnt: «Plötzlich kommt es zu Lücken»

Vorgesehen ist eine Teilprofessionalisierung mit einer zentralen Führung und drei  Einsatzregionen.

Das Feuerwehrwesen im Kanton Baselland soll neu organisiert werden.

Vorgesehen ist eine Teilprofessionalisierung mit einer zentralen Führung und drei Einsatzregionen.

Wirtschaftsprofessor Georg von Schnurbein warnt vor Versäumnissen bei der Baselbieter Feuerwehrreform.

In der Diskussion um die geplante Reform der Baselbieter Feuerwehren möchten Sie eine Lanze für die Miliz-Feuerwehren brechen. Weshalb?
Georg von Schnurbein: Die geplante Zentralisierung und Teilprofessionalisierung sind gleichbedeutend mit der weitgehenden Abschaffung der freiwilligen Miliz-Feuerwehren. Die Überlegungen erscheinen aus ökonomischer Perspektive sinnvoll, denn eine Zentralisierung bringt immer eine Kostenersparnis bei Administration, Beschaffung und Ähnlichem mit sich – gerade bei einer radikalen Lösung wie mit den vorgestellten drei Stützpunkten. Jedoch ist die Feuerwehr kein rein ökonomisches Gut, sondern übernimmt in den jeweiligen Gemeinden und darüber hinaus auch wichtige gesellschaftliche Funktionen.

Daraus folgt Ihrer Meinung nach?

Bei einer allfälligen Reform sollte aus Sicht der Gesellschaft und der Politik der soziale Mehrwert nicht ausser Acht gelassen werden. Feuerwehren sind gerade auf dem Land ein wichtiger Faktor zur Bildung von sozialem Kapital. Sozialkapital kann als «gesellschaftlicher Kit» verstanden werden. Dieses fördert Zusammenhalt, Vertrauen und schafft Integrationsmöglichkeiten. Anders als finanzielles Kapital vermehrt sich das Sozialkapital nur durch Gebrauch. Werden Beziehungen nicht gepflegt und findet kein Austausch statt, dann verkümmert das soziale Kapital einer Gesellschaft.

Georg von Schnurbein.

Experte für Gemeinnützigkeit und GesellschaftGeorg von Schnurbein (*1977) ist Professor für Stiftungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Direktor des 2008 gegründeten interdisziplinären Center for Philanthropy Studies (CEPS). In Niederbayern aufgewachsen, studierte er Betriebswirtschaftslehre mit Nebenfach Politikwissenschaften an den Universitäten Bamberg, Fribourg und Bern und ist Verfasser zahlreicher Publikationen zu Themen wie Stiftungswesen oder Governance.

Experte für Gemeinnützigkeit und Gesellschaft
Georg von Schnurbein (*1977) ist Professor für Stiftungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel und Direktor des 2008 gegründeten interdisziplinären Center for Philanthropy Studies (CEPS). In Niederbayern aufgewachsen, studierte er Betriebswirtschaftslehre mit Nebenfach Politikwissenschaften an den Universitäten Bamberg, Fribourg und Bern und ist Verfasser zahlreicher Publikationen zu Themen wie Stiftungswesen oder Governance.

Was wären die Folgen davon?

Viele Aufgaben im gesellschaftlichen Leben werden heute en passant von der Feuerwehr übernommen. Oftmals sind das Unterstützungsleistungen, die in einem Fest-Budget sonst vergessen gehen. Müssen die dann extern finanziert werden, rechnet sich die ganze Veranstaltung nicht mehr, und es wird am Ende kein Dorffest mehr durchgeführt. Und so kann es in vielen Bereichen des Lebens plötzlich zu Lücken kommen, die ohne zeitlichen oder finanziellen Mehraufwand nicht zu schliessen sind. Gerade deshalb sollte bei den Feuerwehren nicht nur auf das Kosteneinsparpotenzial geachtet werden, sondern eine Gesamtschau aller Leistungen und Wirkungen erfolgen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Folgekosten beim sozialen Kapital die finanziellen Einsparungen weit übersteigen.

Aber selbst ohne Miliz-Feuerwehr haben wir noch immer in fast jedem Dorf den Turnverein, die Dorfmusik und viele andere Vereine wie die Samariter, die für den gesellschaftlichen Kit und das Sozialkapital sorgen können.

Das stimmt natürlich, und nicht in jedem Dorf hat die Feuerwehr heute noch die gleiche Bedeutung. Die Diskussion um die Miliz-Feuerwehren ist für mich deshalb auch nur der Anknüpfungspunkt, um auf die Bedeutung von all diesen Organisationen hinzuweisen. Da gibt es ja auch Schnittstellen. Wenn das Dorffest ausfällt, fehlt schon wieder eine Auftrittsmöglichkeit für die Dorfmusik, und die ist dadurch wieder weniger attraktiv. Die Sonderstellung der Miliz-Feuerwehren liegt darin begründet, dass sie durch ihr Wesen und ihren Aufgabenbereich einen besonderen gesellschaftlichen Wert haben, der sich nicht durch eine einfache Standort-Rechnung erfassen lässt.

Das hören bestimmt alle freiwilligen Feuerwehrleute gerne, aber können Sie diese Behauptung auch belegen?

Die Wirtschaftsuniversität Wien hat vor einigen Jahren den gesamtgesellschaftlichen Nutzen für die Feuerwehren in Oberösterreich analysiert. In die Studie wurden die Berufsfeuerwehr Linz, 35 Betriebsfeuerwehren und die Freiwilligen Feuerwehren im Land einbezogen. Für den «Social Return on Investment» (SROI) wurden den jährlichen Investitionen von 148 Millionen Euro alle Leistungen und Wirkungen der Feuerwehren für Stakeholder wie Gemeinden, Versicherungen, Industrie- und Gewerbebetriebe, Landwirtschaft, Privatpersonen und Lieferanten gegenübergestellt und monetär bewertet.

Jetzt sind wir aber gespannt.

Das Ergebnis ist ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von 1,5 Milliarden Euro, was einem SROI-Wert von 10,2 entspricht: Jeder in Feuerwehren investierte Euro bringt also einen gesellschaftlichen Mehrwert von 10,20 Euro. Die Studienautoren betonen, dass sie eine sehr konservative Schätzung vorgenommen haben und dennoch ein so hohes Ergebnis erhalten haben.

Wie setzt sich dieser Mehrwert zusammen?

Mit 1,1 Milliarden Euro fällt der Grossteil der sozialen Wirkung auf den Brandschutz. Aber allein der Profit für die Bevölkerung durch das gewachsene Sozialkapital, Sicherheitsgefühl und Know-how sowie für die Ehrenamtlichen in Form von Freizeitgestaltung, der Möglichkeit sich sinnvoll einzubringen oder dem Ansehen beläuft sich auf 94 Millionen Euro und damit auf 60 Prozent der geleisteten Investitionen.

Schön und gut, aber selbst Finanzdirektor Anton Lauber betont, dass es bei der Reform nicht nur um die Finanzen, sondern in erster Linie um die künftige Einsatzfähigkeit geht. Und diese ist gefährdet, weil es immer weniger Milizkräfte gibt, die innert verlangter Frist einem Alarm Folge leisten können.

Ich möchte mich hiermit nicht grundsätzlich gegen diese Reform stellen. Wenn sie aus technischen Gründen nötig ist, dann hat das seine Berechtigung, und die Experten müssen Lösungswege aufzeigen. In diesem Falle müsste man aber auch zwingend überlegen, wie die Investitionen, die via jetzige Feuerwehr in die Dörfer fliessen, anteilmässig an andere Vereine und Organisationen verteilt werden können. Damit diese dann anstelle der Feuerwehr den sozialen Zusammenhalt sicherstellen. Solche Kosten müssten ins Budget der Feuerwehrreform ebenfalls aufgenommen werden. Ich plädiere hier für eine Gesamtbetrachtung.

Klingt spannend, dürfte aber politisch kaum umsetzbar sein. Wenn wir die 60 Prozent Anteil aus der Wiener Studie als Grundlage nehmen, reden wir von einem zu äufnenden «Sozialkapital-Geldtopf» von mindestens 6 Millionen Franken.

Ja, da sieht man, welches gesellschaftliche Potenzial die Miliz-Feuerwehren sind! Natürlich wäre das eine sehr kontroverse politische Diskussion. Unter anderem auch deshalb, weil diese Gesamtbetrachtung Verlagerungen zwischen den Budgets der kantonalen Direktionen zur Folge hätte.

Gäbe es aus Ihrer Sicht Möglichkeiten, den Miliz-Feuerwehrdienst attraktiver zu machen und wieder auf eine breitere personelle Basis zu stellen?

Mit dieser Frage machen wir ein grosses Fass auf. Wir reden hier von einem gesellschaftlichen Trend, der fast alle freiwilligen Organisationen betrifft, nicht nur die Feuerwehr. Der Automatismus, dass man beinahe zwangsläufig der örtlichen Feuerwehr beitritt, nur weil man dort aufwächst, spielt heute nicht mehr. Dies zwingt die Organisationen sich anzupassen und neue Formen der Anwerbung zu finden, welche den Mitgliedern grösstmögliche Flexibilität und schnelle Aufstiegschancen erlauben. Die Idee des langwierigen sich Hochdienenmüssens ist ebenso aus der Mode gefallen. Es gibt keine Patentlösung für diese strukturellen Probleme. Was aber nicht ausschliesst, dass Feuerwehren bei der Nachwuchswerbung voneinander lernen oder sich an erfolgreichen Beispielen aus anderen Bereichen, etwa an erfolgreichen Sportvereinen, orientieren können.

Haben Sie eigentlich einen persönlichen Bezug zur Feuerwehr?

Ich persönlich war nie in der Feuerwehr, stamme ursprünglich aber vom Land und kenne daher die Bedeutung der Dorffeuerwehr. Und ja, ich war auch schon an Feuerwehrfesten dabei.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1