Binningen

«Wer etwas anderes findet, der geht» – die Folgen der fehlenden Mittel im Pflegebereich zeigen sich

Das Haus Schlossacker sei zu gross konzipiert worden und ist daher eine finanzielle Belastung.

Das Haus Schlossacker sei zu gross konzipiert worden und ist daher eine finanzielle Belastung.

Bei den Alters- und Pflegeheimen Binningen sei das Personal am Anschlag, berichten Mitarbeitende. Der Kanton ist aktiv geworden.

Eine Mitarbeiterin der Alters- und Pflegeheime Binningen schlägt Alarm. Der Betrieb stehe unter enormem Kostendruck. Das senke die Qualität und die Moral. «Wenn es so weitergeht», sagt die Angestellte, die anonym bleiben will, zur bz, «kommt es zu groben Fehlern. Das ist unvermeidlich.» Wer einen anderen Job finde, der gehe.

Zwei Hauptursachen liegen gemäss der Mitarbeiterin den Problemen zugrunde. Bei der Auswahl von Leitungspersonen werde nicht genau hingeschaut. Es gebe Vetternwirtschaft und Fehlbesetzungen zu beklagen. Die Folge seien Mobbing, Burn-outs und eine hohe Fluktuation.

Neben dem Kostendruck, unter dem die Pflegebranche generell leide, sei die eigentliche Quelle des Übels das Haus Schlossacker. Es wurde 2014 eingeweiht und bildet das zweite Standbein des 162-Betten-Betriebs, neben dem Haus Langmatten. Der Neubau sei zu gross konzipiert worden und belaste die Rechnung, sagt die Mitarbeiterin – unter den Sparmassnahmen leiden offenbar vor allem die Mitarbeitenden: «Auf meiner Abteilung», sagt die Mitarbeiterin zur bz, «arbeiten im Vergleich zu vor zwei Jahren fast 20 Prozent weniger Leute.»

Die bz konnte auch mit einer ehemaligen Mitarbeiterin der Binninger Heime sprechen, die ebenfalls anonym bleiben will. Sie bestätigt die erwähnten Vorwürfe. Sie habe die Missstände nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können und sei heute woanders tätig.

Pflegejobs sind sozial und emotional stark belastend

Von ähnlichen Problemen wie im Schlossacker erzählten dieser Zeitung Ende September Angestellte des Basler Demenzheims Marthastifts. Die «Basler Zeitung» wiederum schrieb im Januar 2020, um Zeit zu sparen, werde im Schlossacker teilweise auf das tägliche Ganzkörperwaschen von Bewohnern verzichtet. Während des Coronalockdown erhob der Mann einer Bewohnerin schwere Vorwürfe gegen das Heim. So habe er seine Frau nicht mehr mitbetreuen dürfen, sie sei abgemagert. Die Leitung stellte sich auf den Standpunkt, man habe keinen Spielraum gehabt – die Vorgaben der Covid-Verordnung seien strikt. Die Bewohnerin sei jedoch korrekt betreut worden. Die Anschuldigungen des Angehörigen erhärteten sich nicht.

Heiko Tscheulin, Geschäftsführer ad interim der Stiftung Alters- und Pflegeheime Binningen, teilt auf Anfrage mit, man könne «Gerüchte in dieser allgemein gehaltenen Form» nicht überprüfen. Man unterliege starken Regulativen, auch, was die Personalzusammensetzung und -menge betreffe. Die Fluktuation sei jedoch, wie in Spitälern und bei der Spitex, «in der Regel höher als bei gewerblich-industriellen Betrieben». Das habe aber «mit der hohen sozialen und emotionalen Belastung» zu tun. Tscheulin versichert, bei Verstössen werde man eingreifen.

Die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdi­rektion schreibt, die Vorwürfe seien dem kantonsärztlichen Dienst als Aufsichtsbehörde bekannt: «Es wurden entsprechende Massnahmen eingeleitet, deren Einhaltung auch überprüft wird.» Auf Details ging Direktionssprecher Rolf Wirz nicht ein.

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