Kickboxer-Prozess

Urteil nach Überfall: Ein Jahr Gefängnis für Balicha – und Genugtuung für Beqiri

Die Teilnehmer des Überfalls auf das Reinacher Kampfsportcenter von Shemsi Beqiri wurden am Donnerstag zu teilbedingten und bedingten Strafen verurteilt. Bei sieben Männern blieb unklar, ob sie dabei waren, entsprechend gab es Freisprüche.

Beim Haupttäter folgte das Baselbieter Strafgericht am Donnerstag der Staatsanwaltschaft: Es verurteilte den Kampfsportler Paulo Balicha wegen mehrfacher Freiheitsberaubung, Angriffs und versuchter schwerer Körperverletzung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten, davon zwölf Monate unbedingt. Er hatte im Februar 2014 mit einer Horde vermummter Männer das Kampfsportcenter seines ehemaligen Schülers Shemsi Beqiri in Reinach gestürmt und einen Zweikampf erzwungen.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von drei Jahren verlangt. Wie Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli am Donnerstag sagte, wäre das auch aus Sicht des Dreiergerichtes das passende Strafmass gewesen.

Allerdings habe der ehemalige Thaibox-Weltmeister die Tat zugegeben, seinen Ruf als Trainer, Sportler und Vorbild ruiniert und damit auch seine berufliche Existenz mehrheitlich zerstört. Auch hätten sich die Medien nicht an die Unschuldsvermutung gehalten. Deshalb reduzierte das Gericht die Strafe um drei Monate auf zwei Jahre und neun Monate. Davon werden zwölf Monate unbedingt ausgesprochen.

Die Abbüssung der Strafe zu Hause mit der elektronischen Fussfessel ist bei teilbedingten Strafen laut Bundesgericht eigentlich nicht erlaubt. Der Kanton Baselland praktiziert diese Praxis jedoch aus Kostengründen weiterhin. Falls Balicha eine regelmässige Arbeit nachweisen kann, muss er somit nichts ins Gefängnis.

Kein Beweis für Schlagringe

Den unsportlichen Kampf zwischen Balicha und Shemsi Beqiri werteten die Richter als versuchte schwere Körperverletzung. Den anderen Mitläufern sei dies allerdings nicht anzurechnen. Im Zweifel müsse man zu deren Gunsten davon ausgehen, dass sie mit einem mehr oder minder fairen Kampf gerechnet haben.
Das Würgen am Ende des Kampfes sowie das Eingreifen von Balichas Männern wertete das Gericht also sogenannte Putativnotwehr: Damit ist gemeint, dass beide Seiten irrtümlich von einer Notwehrlage ausgegangen sind.

Gerichtspräsidentin Laeuchli ging auch auf den Verdacht ein, Paulo Balicha habe beim Kampf Schlagringe getragen. Der Kampf zwischen Balicha und Beqiri wurde auf Video aufgenommen, es fiel den Strafvollzugsbehörden in die Hände. Darauf ist zwar ein schwarzer Rand unter Balichas Kampfbandagen zu sehen. Doch der würde mit allergrösster Wahrscheinlichkeit von Tapes, also Klebebändern herrühren, sagte Läuchli, nicht jedoch von Metall. Sie betonte, dass Balicha den Zweikampf mit Beqiri unbedingt gewinnen wollte. «Mit Schlagringen wäre der Sieg aber nichts wert gewesen.»

Für acht weitere Angeklagte waren die Strafen deutlich milder als von der Staatsanwaltschaft beantragt: Sie hatten ihre Teilnahme zugegeben, auch hier gab es Schuldsprüche wegen Freiheitsberaubung und Angriffs und einfacher Körperverletzung. Es hätte ihnen spätestens im Center aufgrund der Schlagstöcke klar sein müssen, dass solche Gegenstände auch eingesetzt werden. Man könne ihnen allerdings nicht unterstellen, sie hätten eine Traumatisierung der Kinder gewollt, bloss, weil sie diese in die Ecke gescheucht hätten.

Sieben weitere Angeklagte haben im Prozess bestritten, beim Überfall überhaupt dabei gewesen zu sein: Die Taktik lohnte sich für sechs der Männer: Es hagelte Freisprüche, denn es fehlten eindeutige Beweise für die Teilnahme am Überfall. Da die Angeklagten teilweise in Untersuchungshaft sassen, erhalten sie jeweils eine Entschädigung zwischen 100 und 600 Franken. Für den Siebten allerdings nutzte das Bestreiten nichts: Seine DNA klebte an einem Schlagstock, auch belasteten ihn andere Beteiligte.

Auch nach FCB-Spiel aufgefallen

Nebenbei wurde am Donnerstag auch zum ersten Mal jemand für die Krawalle vor dem St. Jakob-Park im April 2016 verurteilt: Zwar konnte das Gericht einem Angeklagten keine konkreten Angriffe auf Polizisten nachweisen, doch sei erwiesen, dass er Teil des Mob war: Entsprechend gab es einen Schuldspruch wegen Landfriedensbruchs sowie wegen Gewalt gegen Beamte. Weitere Verfahren sind in Basel-Stadt hängig.

Die Verurteilten müssen Shemsi Beqiri und anderen Opfern solidarisch Genugtuungen von jeweils 5000, 3000, 2000 und 1000 Franken zahlen, dazu kommen Verfahrenskosten von jeweils über 20 000 Franken. Mehrere Verteidiger kündigten an, eine schriftliche Urteilsbegründung zu verlangen, danach werden sie über einen Weiterzug entscheiden.

Meistgesehen

Artboard 1