«Schwanenflügel», so betitelt die Dornacher Anthroposophin Judith von Halle ihre «spirituelle Autobiografie». Dieser Zusatz ist ungewöhnlich und nicht sogleich verständlich. Erstaunlich ist, dass hier nicht ein ergrautes Haupt auf sein Dasein zurückblickt, sondern eine 44-jährige Frau. Nicht gerade das übliche Alter, um seine Memoiren zu verfassen.

Autobiografien sind eine besondere Gattung der Literatur. Die Autorin schreibt über sich selbst, über ihre Erinnerungen an ihr bislang vergangenes Leben. Es entsteht eine eigene, selektive und individuell bewertete Sicht auf Personen, Gedanken und Ereignisse, die man als Verfasserin gerne der Welt aus seinem Blickwinkel mitteilen möchte. Ausschlaggebend, ihr Leben nachzuzeichnen seien Anfragen «von den unterschiedlichsten Seiten» gewesen, Privates von sich preiszugeben, schreibt von Halle.

Sie habe «lange gebraucht, um diesen Schritt zu machen.» Furcht davor, «sich verletzlich zu machen», habe sie an der Veröffentlichung gehindert. Entstanden sei ein «ein sehr persönliches, ja geradezu intimes Buch.». In der Tat hat die Autorin Mut bewiesen, einer Öffentlichkeit ihr Innenleben detailliert auszubreiten, zumal die gebürtige Berlinerin innerhalb der Anthroposophie eine polarisierende Rolle einnimmt.

Brand als Erweckungserlebnis

Von Halle erzählt zwar ihr Leben chronologisch, bleibt allerdings äusserst vage, was eine genaue Lokalisierung von Ort und Zeit angeht. Mit der Zeit wird deutlich, dass sie in West-Berlin aufwuchs. Die Eltern erscheinen zwar, erhalten aber keine Namen, über die Herkunft der Familie wird nichts gesagt. Das katholische Gymnasium und die Hochschule, an der sie Architektur studierte, benennt sie nicht. Auch ihr Dozent, den sie später heiratete, bleibt namenlos. Der einzige Mensch, der im Buch erwähnt wird, ist Rudolf Steiner.

Mit ihrer «spirituellen Autobiografie» legt von Halle den Fokus nicht auf Äusserlichkeiten, die eine übliche Autobiografie ausmachen würde. Wo hat man gelebt, mit wem hat man verkehrt, was hat man geschaffen? Diesen Fragen geht von Halle gerade nicht nach. Stattdessen schildert sie in teils beklemmender Weise ihre religiösen und geistigen Begegnungen, die sie seit Kindertagen beschäftigen. Das zentrale Element hierbei ist Feuer. Als der Fernseh-Nachrichtensprecher einen Brand vermeldete, kam dies für von Halle einem Erweckungserlebnis gleich, das ihr aber erst viele Jahre später klar wurde, als sie vom Brand des ersten Goetheanums vernahm.

Dass sie als Kind an den Menschen «Lebenszauberkräfte» gesehen habe, die ausser ihr niemand wahrnahm, belastete sie. «Die Menschen um mich herum machten offenkundig keinerlei ähnliche Erfahrungen und hatten somit auch keinerlei solche Gedanken wie ich.» Bei ihrer Familie stösst sie mit ihren Schilderungen auf Unverständnis: «Man hielt das, was ich die Welt der Wirklichkeit nannte, für pure Erfindung, für eine persönliche Einbildung.» Eine der eindrücklichsten Abschnitte des Buches ist die Begegnung mit der «geistigen Präsenz», die sie mit «Christus» identifiziert. Von Halles bisherige Publikationen zur anthroposophischen Christologie erhalten dadurch einen tieferen Hintergrund.

Dem Buch hätten Kürzungen nicht wehgetan. Von Halle benötigt 390 Seiten, um ihre ersten 24 Lebensjahre darzustellen. Schmerzlich vermisst man eine inhaltliche Gliederung. Ohne Unterteilung in Kapitel fliessen die im Plauderton geschriebenen Anekdoten und dramatisch dargestellten Szenen ineinander, sodass am Ende die Frage offenbleibt, wie Judith von Halle denn von Berlin nach Dornach gelangte. Vielleicht wird sie diese Geschichte in einem weiteren Buch erzählen. Der Untertitel «Kindheit und Jugend» zeigt an, dass weitere Bände zu erwarten sind.