Jubiläumsfestival

Schräg auf Lebenszeit: «Vorwärts»-Vorreiter feiern 40 Jahre Punk

Die Sissacher Band Vorwärts feiert ihr 40. Jubiläum mit neuem Album und dreitägigem Festival. Geblieben ist die Hassliebe zur Heimat.

Stolze 380 Franken muss hinblättern, wer die erste 12-inch-Single von Vorwärts sein Eigen nennen möchte. Nur 300 Exemplare hatte die Baselbieter Punkband 1984 gepresst, entsprechend gesucht sind die Scheiben heute: Auf Discogs, dem grössten Online-Marktplatz für Tonträger, haben aktuell 60 Sammler das seltene Stück auf ihrer Wunschliste – eine durchaus beachtliche Zahl, an der sich ablesen lässt, dass die namenlose Platte mit ihren fünf schnörkellosen Liedern längst ein Stück Schweizer Punk-Geschichte ist.

1984, als Sänger Urs Strub und seine Kumpels zum ersten Mal ins Studio gingen, hatten Vorwärts bereits einige Dienstjahre auf dem Buckel: Gegründet würde die Band 1979. Strub erinnert sich an seinen ersten Kontakt mit der Punk-Bewegung, die sich ihren Weg nur langsam von London und New York ins Oberbaselbiet gebahnt hatte. «In den Geburtsstunden des Punk 1976/77 hatten wir hier noch keine Ahnung», sagt der Sänger mit Jahrgang 1962. Erst zwei Jahre später habe er erste Songs von den Ramones, den Damned, den Clash und den Sex Pistols gehört und Bilder im «Pop/Rocky» oder «Musikexpress» gesehen. Das habe ihn und seine Freunde «schlicht weggeblasen», wie Strub gegenüber der bz sagt: «Punk war so dermassen viel besser, dringlicher und bedeutender als alles, was wir bis anhin gehört hatten.»

Die Gründung einer eigenen Band sei «ein Ausbruch, ein Aufbruch, eine ungeahnte Freiheit» gewesen. Vorwärts traffen den Zeitgeist und konnten erste Erfolge verbuchen: Mit ihrem Song «TV-Generation» schaffte es das Quintett ins nationale Radio und mit einem selber gedrehten Clip (auf Youtube findet man ihn unter dem Titel «Boring Generation») sogar ins Schweizer Fernsehen. Doch stiessen Vorwärts in ihren Anfangsjahren nicht nur auf Gegenliebe. Dass sie aufgrund ihres Äusseren – «knallgrün-schwarz gestreifte Jeans, Nietengürtel und -armbänder, besprayte Shirts, Löcher in den Kleidern, viel Leder und so» – als «schwuli Söu», «Gsindel» und «Soupack» beschimpft wurden, gehörte damals zum Alltag der fünf jungen Männer.

Das Spiel mit der Provokation und eine Feier in Sissach

«Ich habe das geliebt», sagt Strub mit einem zufriedenen Grinsen: «In so einer Gegend mussten wir ja zwangsläufig zu Punks werden.» Dass er das Spiel mit der Provokation auch heute noch beherrscht, beweist er mit seiner nächsten Äusserung: «Wenn man sich die Käffer im Oberbaselbiet anschaut, so sind das kleine, hinterwäldlerische und stockkonservative SVP-Hochburgen gewesen und geblieben. Das hat sich innerhalb von 30, 40 oder 50 Jahren nicht geändert.» Da stellt sich die Frage, wieso Vorwärts ihr Jubiläum zum 40-jährigen Bandbestehen ausgerechnet in Sissach feiern. Das sei eine «sehr gute Frage», gibt Strub lachend zu. Er selber sei zwar vor 30 Jahren nach Zürich ausgewandert («zum Glück!»), Sissach sei aber weiterhin die Heimat der Band.

Die Konzerte und Rahmenaktivitäten, die am 25. und 26. Oktober im KiK und im Oliver Twist Pub stattfinden, sollen «eine Art Klassentreffen» werden, sagt Strub: «Schliesslich haben wir hier unsere TeenagerJahre verbracht, Mädchen kennen gelernt, unsere Clique gehabt und Partys gefeiert.» Doch, so ergänzt er, feiere man das Jubiläum zusätzlich auch in der «grossen Stadt». Im Basler Atlantis haben Vorwärts vor ein paar Wochen ihr neues Album «Skinheads Rockers Mods & Punks» vorgestellt, das wie schon der Erstling fünf Songs beheimatet und im Eigenvertrieb erschienen ist. Am 24. Oktober, also unmittelbar vor dem zweitägigen Event in Sissach, sind Strub und Co im Comix Shop zu Gast.

Hier erhalten sie Schützenhilfe von Dominic Deville und Frank Margerin. Ersterer, bekannt als Moderator der SRF-Sendung «Late Night», ist über einen gemeinsamen Freund an die Band herangetreten. In Basel wird er sein Punk-Quiz vorstellen, mit dem man seine Kenntnisse der Szene testen kann. «Auch zu uns gibt es darin eine Quartett-Karte», freut sich Strub. Bislang habe er noch nicht mit Deville gesprochen, aber offenbar kenne dieser die Band: «Wenn man sich in der Schweiz für Punk interessiert und in dieser doch eher kleinen Szene unterwegs ist, dann kennt man uns offenbar», gibt sich Strub bescheiden.

Im Falle des französischen Comic-Zeichners Frank Margerin haben Vorwärts die Initiative ergriffen – in unkomplizierter Punk-Manier. Sie seien alle seit jungen Jahren Fans von Margerin, so Strub. Vor allem die «Lucien»-Geschichten hätten es ihnen angetan, weil da neben Teddyboys auch Punks und Rocker zu sehen gewesen seien. Also hätten Sie den Zeichner einfach angefragt und er habe zugesagt. Geld sei dabei keines geflossen, sagt Strub: «Er scheint die Idee lustig gefunden zu haben. Oder er hatte einfach gerade nichts Besseres zu tun.»

Wie und vor allem wie lange es nach dem Band-Jubiläum weitergehen soll, darauf hat Strub eine schnelle Antwort parat: «Natürlich wollen wir nochmals 40 Jahre anhängen. Dann ist unser Lead-Gitarrist 100.» Das macht Sinn, schliesslich haben Vorwärts den Ruf als dienstälteste Punk-Band der Schweiz zu verteidigen. Wobei Strub keinen Hehl daraus macht, dass man in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht immer so aktiv war wie jetzt im Moment. Als er Ende der Achtzigerjahre nach Zürich zog, habe das die Band schon etwas eingeschränkt. Aber: «Das waren sowieso die Jahre, in denen der Punk allgemein eher etwas dahindümpelte.»

Drei Ur-Mitglieder und die Pläne für die Zukunft

Vorerst frönen die drei Ur-Mitglieder – neben Strub die beiden Gitarristen Fernando Vicent und Roland Strub (nicht mit dem Sänger verwandt) – mit neuer Rhythmsection (Roger Ineichen und Eugenio Vicent, der jüngere Bruder des Gitarristen) ihrer Liebe zum Punkrock und freuen sich, dass ihre Konzerte noch immer gut besucht sind. Für das kommende Jahr ist bereits das nächste Album angedacht, es wäre das fünfte der Bandgeschichte. Und danach würde ihn eine ausgedehnte Auslands-Tour durch England oder Spanien sehr reizen, so Strub. Das sei im Moment aber «noch nichts weiter als ein Traum».

Die Musiker seien alle «mehr oder weniger» gesund, es gebe also keinen Grund, ans Aufhören zu denken, sagt Strub. Eine Alterslimite sehe er ohnehin nicht. Punk sei nicht in erster Linie ein Musik-, sondern ein Lebensstil. So lebe er auch heute noch als Punk, sein Kleidungsstil habe sich über die Jahrzehnte nur «geringfügig» geändert. Punk bedeute für ihn, Autoritäten abzulehnen, keinen Trends zu folgen und Freiräume zu bewahren. «Es geht darum, eine bestimmte Haltung zum Leben zu haben», so Strub. Und: «Das ist keine Frage des Alters.»

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