Es passiert derzeit unweigerlich: Entscheiden sich Journalisten, über Dschihadisten oder andere Extremisten zu berichten, klingelt wenig später bei Samuel Althof das Handy. Kaum ein Zeitungsartikel über das Neonazi-Konzert in Unterwasser, kaum ein TV-Bericht über die Basler König-Faysal-Moschee, in dem Althof keine einordnende Einschätzung abgibt.

Die Journalisten nennen ihn den Extremismus-Experten. Diesen Status hat sich Althof in über 20 Jahren Auseinandersetzung mit linken, rechten und religiösen Extremisten erarbeitet. Für diesen Einsatz erhält er heute Abend den renommierten Fischhof-Preis.

«Fussball interessiert mehr»

Althof empfängt die bz Mitte Oktober zu einem Besuch in seinem Baselbieter Zuhause. Es ist die Woche nach dem grossen Neonazi-Konzert in Unterwasser. Alleine am Montag nach dem Konzert haben ihn 15 Medien angerufen. Anstrengend sei das, sagt Althof. Manchmal fragt er sich nach dem Sinn dieser Anfragen, denn er ist überzeugt: «Die Leute befassen sich nur oberflächlich mit Extremismus. Fussball interessiert sie viel mehr.»

Es gibt einen Grund, warum die Medien Althof um Einschätzung bitten: Er weiss über Extremisten so viel wie wohl niemand zwischen Basel und Chiasso. Er leitet die private Basler Fachstelle für Extremismus- und Gewaltprävention oder besser gesagt: Er ist die Fachstelle.

Nicht nur die Medien suchen seine Expertise. Er berät Schulen, Arbeitgeber, die Polizei oder Eltern im Umgang mit sich radikalisierenden Jugendlichen. Und er begleitet Neonazis auf dem Weg aus der rechtsextremen Szene und radikale Muslime weg von der Reise in den Heiligen Krieg.

Wohin mit «Mein Kampf»?

Althof hat nicht gezählt, wie vielen Extremisten er beim Ausstieg geholfen hat. Es sind Dutzende. Er macht das nicht aus narzisstischem Ehrgeiz. Es ist die Freude seiner Klienten, wenn sie den Ausstieg geschafft haben, die ihn dazu bewegt. «Wenn ich sehe, wie glücklich jemand ist, wenn er die Krücken des Extremismus weggeschmissen hat, ist das fast so schön, wie Zeuge bei der Geburt seines Kindes zu sein.»

Althof nennt das Beispiel eines Rechtsextremen aus Zürich. Ein Hüne von Neonazi, total aggressiv. Er habe bald gemerkt, dass er aus der Szene raus will. Nur: Wohin mit der Bomberjacke? Wohin mit der 2000 Franken teuren, illegal gedruckten Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf»?

Verkaufen wollte er sie nicht, denn damit hätte er seine alte Szene unterstützt. Althof hatte eine Idee: Das Landesmuseum in Zürich sammelte gerade Objekte für eine Ausstellung über Rechtsextremismus. Also riet er seinem Klienten, das Buch dorthin zu bringen. Die 2000 Franken waren weg, doch der Aussteiger hatte zur Extremismusprävention beigetragen. Er akzeptierte das als Investition und freute sich. Althof freute sich mit ihm.

Wer von ihm erwartet, dass er seine Probleme löst, wird enttäuscht. Althof hilft, Lösungen zu finden. Sein Ziel ist es, seinen Klienten bereits beim ersten Treffen einen Gewinn zu verschaffen. Gerade bei Jugendlichen schlummern hinter der extremistischen Maske häufig andere Probleme. Etwa Ausschluss und Gewalt im Elternhaus oder ein nicht präsenter Vater. Extremismus sei oft Folge und Ausdruck jahrelanger Verletzungen oder Demütigung. Extremismus als letzter Hilfeschrei, als Kapitulation jeglicher Kommunikation.

Althof versucht, hinter die Maske zu blicken, mit seinen Klienten Lösungen für die ursächlichen Probleme zu finden und ihnen dadurch einen Gewinn zu verschaffen. Althof spricht in diesen Fällen vom symptomatischen Extremismus. Man unterscheidet ihn vom programmatischen Extremismus, bei dem die Betroffenen in ihrer Ideologie derart gefangen sind, dass sie nicht mehr zu erreichen sind. Althof nimmt sich programmatischer Fälle meist nicht an.

Beim ehemaligen Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi hat er eine Ausnahme gemacht – und ist gescheitert. Gashi liess seine Frau und zwei kleine Mädchen in Deutschland sitzen, um sich dem IS in Syrien anzuschliessen. «Es war absehbar, dass es kaum funktionieren würde, aber wegen der Mädchen habe ich es trotzdem versucht.»

Althof arbeitete mit Gashis Bruder und seiner Frau, versuchte, Valdet via Skype mit seiner Familie und seiner eigentlichen Lebensrealität zu verbinden. Das Chatprotokoll mit seinen Versuchen, ihn zu einer Familienkonferenz zu bewegen, füllt 70 Seiten. Es nützte alles nichts.

Im Juli 2015 starb Gashi vermutlich in Syrien. Sein Tod beschäftigt Althof. Hat er alles Menschenmögliche getan? Hat er nichts übersehen? Er nennt das Überlebensschuldgefühle. Er lebt, sein Klient ist tot. Die Gefühle begleiten ihn noch heute, plagen ihn aber nicht. Er wusste von Anfang an, ein solcher Fall könnte eintreten, und hat sich mental darauf vorbereitet.

Jüngster Klient ist fünf

Waren es früher überwiegend Rechtsextreme, beschäftigen Althof derzeit vor allem Islamisten. Fünf Fälle hat er in Arbeit, involviert sind jeweils vier, fünf Personen. Sein jüngster Klient ist ein fünfjähriger Bub. Die Mutter: schwer krank. Der Vater: ein Extremist, der ihm Videos aus dem Syrienkrieg zeigt. Der Bub wird gewalttätig, fliegt nacheinander aus verschiedenen Kindertagesstätten.

Die Islamismus-Problematik und die islamische Welt interessieren Althof auch privat. In seiner Freizeit belegt er Online-Kurse an Universitäten. «Schwierigkeiten mit der Verfassung in der muslimischen Welt» oder «Terrorismus und seine Gefahren verstehen» heissen die Kurse. Althof ist auch mit 61 Jahren noch enorm wissbegierig. «Ich bin begeistert vom E-Learning.»

Im Internet hat Althofs Präventionskarriere vor über 20 Jahren angefangen. Es war Zufall. Als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden war er Mitglied des Forums «Kinder des Holocausts». Eines Tages hackte sich ein rechtsextremer Rassist in die Gruppe. Alle reagierten ängstlich, ausser Althof. Er war neugierig. «Ich habe dem Hacker dann einfach mal geschrieben.» Althof erhält eine Antwort und arrangiert ein Treffen. Er trifft einen 15-jährigen Bub, Sohn einer Ärztin und eines herzkranken Chemiedirektors, Opfer elterlicher Vernachlässigung.

Althof zeigt ihn schliesslich wegen Rassendiskriminierung an. Er begleitet den Jungen durch den Prozess bis zum Schuldspruch. «Er war beeindruckt, nicht etwa wütend.» Der Bub war sich der Konsequenzen seiner rassistischen Äusserungen nicht bewusst gewesen. Erst die Verurteilung habe ihm Klarheit gebracht. Althof sagt: «Sanktionen können ein wichtiges Puzzleteil sein auf dem Weg aus dem Extremismus.» Der Junge ist heute Jurist in Bern.

Mitten im Gespräch vibriert sein Smartphone auf dem Küchentisch. Radio Energy will ein Statement zu einem Neonazi-Konzert in Rapperswil. Althof hört erst geduldig zu, antwortet dann ohne nachzudenken: «Eindeutig rechtsextrem, indexiert in Deutschland. Rufen Sie mich in einer Stunde nochmals an.»