Vor fünf Jahren ist Sven Heier angetreten, das Theater Roxy in Birsfelden in eine neue Ära zu führen. Der heute 55-jährige Deutsche war zuvor als Produktionsleiter in der freien Szene, für das Jugendtheaterfestival Blickfelder und für das Festival Theaterformen in Hannover tätig. Von seinem grossen Netzwerk und seiner Leidenschaft für Bühnenexperimente profitieren nun junge Künstlerinnen und Künstler in Basel.

Herr Heier, Sie feiern Jubiläum. Vor fünf Jahren sind Sie und Ihre Mitarbeiter in eine neue Ära gestartet. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Sven Heier: Es hat sich sehr viel erfüllt. Das Roxy ist zu einem richtigen Produktionshaus geworden, in dem Probebühne, Bühne, Büros, Bar und Künstlerwohnung unter einem Dach sind. Das Haus hat sich geöffnet und gleichzeitig seine Verankerung in der Gemeinde gefunden. Mittlerweile werden wir von Birsfelden auch wieder finanziell unterstützt und das Roxy für Anlässe der Gemeinde genutzt. Die Musikschule oder die Aufführungen der Sekundarschule haben hier ihren festen Platz.

Was heisst das genau, ein Produktionshaus zu betreiben?

Zu uns kommen junge Künstlerinnen und Künstler mit Ideen. Wenn wir das Projekt gut finden, erhalten die Gruppen hier die Möglichkeit zu proben und das Stück zu zeigen. Da mittlerweile auch heimische Gruppen nicht nur aus Baslern bestehen, bieten wir Gästezimmer an. Zudem gibt es technischen und dramaturgischen Support. Wir machen die Öffentlichkeitsarbeit und bieten Unterstützung bei der Erstellung der Dossiers und Budgets.

Sie hatten noch nie so viele «Home-Made-Produktionen» wie dieses Jahr im Programm. Heisst das, sie werden von Anfragen überschwemmt?

Das Volumen hat zugenommen. Das ist auch ein Erfolg der letzten fünf Jahre. Zu Beginn haben wir zwei Gruppen übernommen. Alle anderen kamen hinzu. Gewisse Kompanien haben sich in dieser Zeit etabliert und sind über Birsfelden und Basel hinausgekommen. Das spricht sich natürlich herum. Dementsprechend steigen auch die Anfragen.

Sie sprechen den internationalen Erfolg der Gruppen an. Inwieweit profitieren diese von Ihrem Netzwerk?

Auch das Netzwerk wächst. Unser Haus wird mittlerweile überregional wahrgenommen. Beispielsweise bei Schweizer Förderformaten wie Prärie oder Premio. Oder auch international: Thom Truong wurde dieses Jahr ans renommierte Impulse Festival in Deutschland geladen. Das Theaterkollektiv «vorschlag:hammer» wird mittlerweile auch von der Kulturstiftung des Bundes in Deutschland gefördert.

Sie geben Raum für gewagte Experimente. Ein kalkulierbares Risiko?

Mir ist wichtig, dass wir ein Ort sind, wo junge Künstler auch mal etwas vor die Wand fahren können.

Das sagen Sie ihnen schon am Anfang?

Nicht am ersten Tag, aber das wird schon besprochen. Ich arbeite auch mit meinen Mitarbeitern nach der Devise: Wir müssen Fehler machen. Sonst machen wir etwas falsch. Niemand ist perfekt. Wir versuchen den jungen Künstlern Vertrauen zu geben und sie zu schützen. Das, was sie zeigen, hat ja oft etwas sehr Persönliches. Wir müssen sie darauf vorbereiten, dass vielleicht auch keine Leute kommen, oder sie kommen, aber es gefällt niemandem.

Gibt es Dinge, die sich in den fünf Jahren noch nicht erfüllt haben?

Eigentlich nicht. Der Vorstand hält mir und meinem Team den Rücken frei. Schön wäre es, wenn wir wieder Support von Basel Stadt bekommen würden. Seit Beginn arbeiten wir mit 550 000 Franken von Baselland. Die Stadt hat die Unterstützung eingestellt.

Wieso?

Weil das Haus in Baselland steht. Viele Zuschauer und Künstler kommen jedoch aus der Stadt, die beginnt ja gleich da drüben.

Sie betreuen vor allem junge Theater- und Tanzkünstler. Von diesen gibt es immer mehr gut ausgebildete. Was raten sie diesen zum Karrierestart?

Wichtig ist, präsent zu sein und mutig zu sein. Die Jungen sollten sich nicht darauf fokussieren, in unser Programm zu kommen. Ich rate ihnen, auch selbst Dinge auf die Beine zu stellen, wo auch immer. Ich glaub, wenn jemand irgendwo etwas Gutes zeigt, stellen sich die Resonanz und damit weitere Perspektiven ein. Natürlich ist es aber so, dass die Quantität zunimmt.

Werden zu viele Künstler ausgebildet?

Das kann ich so nicht sagen. Diese Ausbildungen bedeuten ja nicht, dass man unbedingt als Regisseur arbeiten muss, wenn man Regie studiert hat. Der Kulturbetrieb bietet noch zahlreiche andere Möglichkeiten, um weiterzukommen.

Das Roxy pflegt seit längerem einen intensiven Austausch mit Künstlern aus Afrika. Die Kaserne unter der neuen Leitung macht das auch. Gibt es da nicht zu viele Überschneidungen?

Bei uns ist dieser Austausch durch die Zusammenarbeit mit Atelier Mondial entstanden. Das hat vor zwei, drei Jahren angefangen. Tänzer und Choreografen von hier waren in Afrika, zwei Gruppen von da waren bei uns. Wie das aber weitergeht, ist noch offen. Eine Konkurrenz zur Kaserne ist das sicher nicht.

Ist denn eine weitere Zusammenarbeit mit der Kaserne geplant?

Wir haben festgestellt, dass wir zufällig dasselbe Thema zur Eröffnung haben, die Situation der Frauen in der heutigen Welt. Wir zeigen dazu ein Stück von Henrike Iglesias, in dem das Kollektiv sich mit Sexualität auseinandersetzt. Da wir gleichzeitig eröffnen, lag es nahe, das gemeinsam zu machen. In diesem Sinne werden wir weiter versuchen, zusammenzuarbeiten.

Ins Roxy kommen gestandene Theaterkenner, aber auch auffällig viele junge Menschen. Wie schaffen sie das?

Das liegt einerseits an der unkonventionellen Öffentlichkeitsarbeit. Wir investieren das wenige Geld in gute Grafik und in soziale Medien. Aber natürlich liegt es vor allem auch an den jungen Künstlern, dass das junge Publikum wächst. Formate wie Mixed Pickles tragen entscheidend dazu bei. Da geben auch wir unerfahrenen Künstlern die Möglichkeit eine maximal 20 Minuten dauernde Arbeit unter professionellen Bedingungen zu zeigen.

Der Zuspruch der Jungen hat aber sicher auch mit dem Einheitspreis von 15 Franken zu tun. Funktioniert das?

Es ist ein Erfolgsmodell. Das sieht man im Arsenic in Lausanne, in der Gessnerallee oder im Tanzhaus in Zürich. Mittlerweile haben die Festivals Wildwuchs und Treibstoff das Modell auch übernommen. Alle bezahlen wenig, dafür gibt es keine Freikarten mehr. Das sorgt für Niederschwelligkeit und hat auch den Effekt, dass Zuschauer nach dem Stück kommen und noch drauf zahlen, weil es ihnen so gefallen hat.

Wo sehen Sie das Roxy in fünf Jahren?

Super wär, wenn wir die Struktur im Haus etwas erweitern könnten. Und wir wollen die laufende Zusammenarbeit mit der Gemeinde noch intensivieren. Und ich würde gerne erreichen, dass die Kompanien mehr Zeit für Ihre Kreationen haben. Die Künstler produzieren und produzieren, hangeln sich von Idee zu Idee, weil sie dafür Geld erhalten. Eigentlich wäre es besser nur alle zwei Jahre zu produzieren, dafür aber doppelt so viel Geld zu erhalten. Man hat ja auch nicht jedes Jahr eine gute Idee.