Panem et circenses: Augusta Raurica weist eine lange Geschichte von Brot und Spielen, von Wettbewerben auf. Vor 2000 Jahren unterhielten Gladiatoren- und Tierkämpfe das Publikum in den römischen Theatern. In den 1970ern massen sich Jazz- und Rockbands in Augst – und neuerdings Poeten. Denn mit dem Grand Poetry Slam fand am Samstag ein Dichterwettstreit statt, der das Zeug dazu hat, selber zur Tradition zu werden.

Der grosse Publikumsaufmarsch machte deutlich: Das Interesse ist da. Die Plätze im Halbrund des römischen Theaters waren fast alle besetzt, sodass die Technik am Anfang gar nicht alle erreichen mochte: «Lauter» monierten einige Leute in den obersten Reihen. Denn nichts war wichtiger, als die Finessen zu verstehen, schliesslich ging es hier um das gesprochene Wort. Moderator Laurin Buser schrie anfänglich, um dem Wunsch nach Lautstärke nachzukommen. «Ich fühl mich, als sei ich im Zivildienst im Altersheim!»

Angesagt war ein Dreiländer-Battle: Fachgremien hatten für Österreich, Schweiz und Deutschland je zwei Slammer und eine Slammerin nominiert, die gladiatorengleich hereinmarschierten, um ihre Länder zu vertreten. Nachdem sie Laurin Buser vorgestellt hatte, entledigten sich die neun Wortfechter ihrer römischen Togas. Denn es galten die üblichen Regeln eines Poetry Slams: Keine Requisiten, keine Kostüme. Auch keine Musikinstrumente – für funky Einlagen sorgte ein Instrumentaltrio.

Politprominenz im Publikum

Für den Grand Slam wurde das Regelwerk gar erweitert: Die Texte seien exklusiv für diesen Anlass geschrieben worden, sagte Laurin Buser. Und er bat auch das Publikum, eine Regel einzuhalten: «Graben sie bitte nicht!» Denn sollte was gefunden werden, müssten sogleich Ausgrabungen beginnen. «Und die könnte sich der Kanton Baselland nicht leisten!» Pointen wie diese entlockten auch Baselbieter Offiziellen ein Lachen: So sichtete man Susanne Leutenegger Oberholzer ebenso auf den Rängen wie alt Regierungsrat Urs Wüthrich. Den Wettkampf eröffnete Christoph Simon. Ein sicherer Wert, in der Regel. Mit Jahrgang 1972 der älteste Teilnehmer, mit zwei Siegen der Schweizer Meisterschaft (2014 und 2015) auch einer der erfolgreichsten. Doch der Berner blieb für einmal unter seinen Fähigkeiten: Er mäanderte in seinem nachdenklichen Text durch die Schweiz, krallte sich damit aber nicht so richtig in den Synapsen und Herzen der Zuhörer fest. Die Runde ging an David Friedrich vom Team Deutschland, der mit dem Fitness- und Gesundheitswahn ein klassisches Slamthema abgraste, damit bei der 15-köpfigen Publikumsjury mehrheitlich punktete, wohingegen der frechste Text abgestraft wurde: Elias Hirschl aus Österreich beschrieb den Untergang der Schweiz und freute sich über die Team-Gage (4500 Franken), mit der man in seiner Heimat Doktortitel und wichtige politische Ämter kaufen könne.

Lyriklektion und Klamauk

Deutschland pendelte zwischen grossem Drama – Dalibor Markovic’ humorvoller Lyriklektion anhand Shakespeares «Romeo und Julia» – und Klamauk: Die Münchner Slammerin Fee parodierte «Germany’s Next Top Model» mit Pointen wie «Man kann nie sein wahres Gesicht zeigen, weil ungeschminkt nicht schön ist.»

Den grossen Sieg trugen am Ende aber die Schweizer heim, die zu gewitzten Streifzügen durch unser Land einluden: Der Baselbieter Champion Dominik Muheim landete beim Autostopp im Karren eines Fahrlehrers, die Oltnerin Lisa Christ landete beim Lernen für die Uni an der Flasche (ein Text in bester Lara-Stoll-Manier). Keine Frage: Die Schweizer Beiträge waren nicht die lyrischsten – aber ganz nah am Leben.

Ein flotter Dreier im Final

Der Sieg von Team Helvetica, er wirft natürlich die grosse Frage auf: Hat die Publikumsjury wirklich neutral geurteilt? Haben die Mundarttexte besondere Wirkung gezeigt, der Heimvorteil auch?

Der Preis – traditionsgemäss Whisky – war auf jeden Fall verdient. Zwar lieferte auch das Team Germania Libera eine durchs Band starke Leistung, das Team Helvetica aber, und das kam besonders gut an, übertraf die anderen Teilnehmer auch mit seiner Liebe für die Details: Charmant verknüpften sie ihre Texte und boten im Final gar einen flotten Dreier, eigens für diesen Anlass erdichtet: Dieser Extraaufwand wurde zurecht honoriert von der Jury. Gelohnt hat sich der Abend aber für alle. In diesem Sinne: Acta est fabula, plaudite!