Kickboxer-Prozess

Knast ist kein Luxushotel: Jetzt wird über Medikamente während U-Haft gestritten

Im Reinacher Kickboxer-Prozess spielen die Aussagen der Angeklagten die Hauptrolle: Unter den Verteidigern ist daher ein Streit über Isolationshaft, psychische Probleme und Medikamentenbezug einzelner Beschuldigter entbrannt.

«Ich wurde zu jeder Zeit unter Druck gesetzt. Meine Frau war schwanger, sie hat durch diese Situation fast ihr Kind verloren. Ich habe dann versucht, mir das Leben zu nehmen», schilderte der 35-jährige Brasilianer vor zwei Wochen im Gerichtssaal in Muttenz. Inzwischen beraten die drei Richter den Fall des Überfalls, als Kickboxer Paulo Balicha, unterstützt von einem maskierten Schlägertrupp, im Trainingszentrum seines Rivalen Shemsi Beqiri einmarschierte und sich einen brutalen Zweikampf mit diesem lieferte. Ausser einem Video, das diesen Kampf zeigt, hat die Staatsanwaltschaft aber nur wenig eindeutige Beweise. Eine wichtige Rolle spielen bei der Beurteilung die gemachten Aussagen der Angeklagten.

Knapp zehn Tage nach dem Vorfall im Februar 2014 nahmen die Ermittler den 35-Jährigen für acht Wochen in Untersuchungshaft: Dazu reicht nebst dem dringenden Tatverdacht die sogenannte Kollusionsgefahr, die Möglichkeit von Absprachen mit anderen Angeschuldigten. Obwohl die Unschuldsvermutung gilt, ist diese Art der Haft meistens die härteste Variante: 23 Stunden pro Tag in der Zelle, lediglich eine Stunde im Spazierhof bringt ein wenig Abwechslung. Beschäftigungsmöglichkeiten oder Kontakt zu Mitgefangenen gibt es nicht.

Weil der Mann vor der Entlassung aus der Haft belastende Aussagen über sich und andere Täter machte, versuchten während der Gerichtsverhandlung mehrere Anwälte seine Aussagen zu relativieren: Mit Zustimmung des Mannes wurde seine Medikamentierung während der Haftzeit abgeklärt. Die genauen Tagesdosen liessen sich zwar nicht mehr eruieren, doch nebst einem Schlafmittel erhielt der Mann auch das Neuroleptikum Quetiapin. Manche Verteidiger sahen dies als Hinweis auf eine Schizophrenie und damit auf eine geringe Qualität der Aussagen. Das Medikament wird allerdings auch bei gewissen Formen der Depressionen verschrieben.

Reihenweise Vorstrafen

Im Verfahren gab es auch Gerüchte über einen weiteren Suizidversuch eines Angeklagten, bestätigt wurde dies bislang aber nicht. Mehr Leute belastet hatte sein jüngerer Bruder, der ebenfalls acht Wochen in Haft sass. Dessen Verteidiger wehrte sich allerdings gegen den Antrag, die damals verabreichten Medikamente bekannt zu geben. Auch Staatsanwältin Evelyn Kern betonte, ohne ein entsprechendes Gutachten könne man gar nicht beurteilen, ob und welche Wirkung die Medikamente auf das Aussageverhalten hätten haben sollen.

Die beiden Brasilianer gehörten offenbar zum inneren Kreis der Angreifer. Während viele Angeklagte ihre Rolle beim Überfall vor Gericht herunterspielten, gab es bei den beiden nicht viel abzustreiten. Einer von ihnen war auch der maskierte Coach, der Balicha während des Kampfs Tipps gab.

Der 35-jährige Elektromonteur verdient rund 5000 Franken im Monat, die Hälfte davon geht für Alimentenzahlungen weg. Psychische Probleme hatte er schon früher, wie er sagte. Auch habe ihn seine frühere Frau zu Unrecht beschuldigt, sie geschlagen zu haben. Die Gerichte sahen das bislang anders: 2009 wurde er wegen häuslicher Gewalt verurteilt, 2011 wegen Schikanespielchen auf der Autobahn.

Weitere Vorfälle gelten formell nicht als Vorstrafen, weil sie erst nach dem Dojo-Überfall passiert sind: Ende 2014 fiel er erneut als Strassenrowdy auf, es folgten Drohungen gegen die Polizei im August 2016 nach einem Geburtstagsfest («Die dachten, ich nehme Drogen. Ich war empört!») und eine Verurteilung wegen Körperverletzung im November 2016. «Einer hat mich ständig herausgefordert, dann haben wir uns alleine getroffen und auch gekämpft», sagte er dazu vor Gericht. Mit der elfjährigen Tochter der früheren Frau hat er keinen Kontakt mehr, seine inzwischen dreijährige Tochter sehe er aber trotz wechselnder Arbeitsorte regelmässig.

C-Bewilligung sistiert

Er gab zu, beim Überfall in Reinach ein «Schlagholz» mitgeführt zu haben, wollte damit aber höchstens einzelne Leute «berührt» haben. Wie der Stock zerbrochen ist, konnte er nicht mehr erklären, und auf diverse Nachfragen hin verweigerte er schliesslich vollständig die Aussagen.

Dass er inzwischen auf ganz dünnem Eis wandelt, ist er sich wohl bewusst: 2016 hätte er die C-Bewilligung erhalten sollen, das Migrationsamt hat das Verfahren aber vorerst sistiert und wartet den Ausgang des Strafverfahrens ab. Das Urteil fällt am 20. September.

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