«Ich wollte mich von ihr verabschieden und mich selbst umbringen. Dass es so herauskam, tut mir schrecklichst leid. Ich bedaure es», sagte H. S. zu Beginn der Verhandlung mit gebrochener Stimme. 

Der ehemalige Bodybuilder H.S. hatte 1994 seine Ex-Freundin D.N. (✝27) und ihren Bruder (✝30) in Hägendorf SO mit vierzig Schüssen aus seinem Sturmgewehr getötet. Vor dem Solothurner Obergericht sagte er 1996, er habe nur mit ihr reden wollen. Die Richter verurteilten ihn zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe.

Doch lebenslänglich ist nicht lebenslänglich. Nach fünfzehn Jahren wird eine Entlassung geprüft. So auch bei H.S. 2011 wurde H.S. von einer Fachkommission als nicht mehr gemeingefährlich eingestuft. H.S. kam frei.

Dieser Entscheid der Justiz sollte sich 2015 als fataler Irrtum herausstellen. Bei der Beurteilung von H.S. wurden Fehler gemacht, die Freilassung selbst geschah aufgrund einer Formalität.

2015 metzelte H.S. seine Ex-Freundin I.K. in Frenkendorf BL mit zwanzig Stichen eines Kampfmessers nieder. Er drehte durch, weil sie ihn verlassen hatte. In der Einvernahme sagte er danach, er habe nur mit ihr reden wollen. Er sagte aber auch: «Ich kann nur sagen, ich war es.»

Nach Trennung «massiv gekränkt»

Zur Tat war es am Abend des 12. November 2015 am Wohnort des Opfers in Frenkendorf gekommen. Der Beschuldigte hatte der 64-Jährigen gemäss Anklageschrift aufgelauert und sie nach deren Heimkommen überrascht. Als sie zu schreien begann und sich gegen Annäherungen wehrte, stach er mit zwei mitgebrachten Messern insgesamt 20 Mal auf die Frau ein.

Die Beiden hatten zuvor eine mehrwöchige Beziehung geführt. Laut Anklageschrift hatte sich I.K. Ende Oktober von H.S. getrennt, da er sie immer mehr eingeengt hatte, ihr Handy kontrollierte und einen Entscheid erzwingen wollte, betreffend ihrem getrennt lebenden Ehemann.

Aufgrund der Trennung habe er sich «massiv gekränkt» gefüllt und den Racheakt geplant, hiess es in der Anklageschrift. In einem Brief schrieb I.K. ihm auch, dass seine übertriebene Fürsorge sie zurück in die Arme ihres Mannes trieb.

Systematisch habe H.S. danach begonnen, sie auszukundschaften. Nach einer kurzen Reise nach Italien kehrte er am 11. November in die Schweiz zurück. Zuvor habe er erfahren, dass sich seine Ex-Freundin und ihr Ehemann mehrfach getroffen hatten.

Fall von «äusserster Brutalität»

Am Abend des 12. November fuhr er mit einer Tasche, in der unter anderem mehrere Messer, Kabelbinder und eine Axt waren, nach Frenkendorf. Zuvor hatte er sich mit seinem Handy im Internet über «brutale Foltermethoden» informiert. In seiner Wohnung platzierte er gemäss Anklageschrift zudem leicht auffindbar seine Agenda, in welcher er notiert hatte, dass er sich das Leben nehmen wolle.

Nach der Tat entwendete der Beschuldigte das Mobiltelefon seines Opfers und fuhr zunächst nach Liestal, um später wieder nach Frenkendorf zurückzukehren. Dort wurde er kurz vor 23 Uhr an der Tatortabsperrung von der Polizei kontrolliert und festgenommen. Seither befindet er sich in Haft.

Für dieses Tötungsdelikt steht H.S. vor Gericht. Am Morgen des ersten Verhandlungstags betonten Gerichtspräsident und Staatsanwaltschaft mehrfach, es gehe um die Tötung an I.K. im November 2015. Die Vergangenheit spiele zwar sehr wohl eine Rolle in der Beurteilung, aber der Doppelmord 1994 sei abgeschlossen. Opferanwalt Christoph Dumartheray hatte gleich zu Beginn der Verhandlung mehrere Anträge gestellt. Ohne Erfolg.

Das Gericht beharrte darauf, im Verlauf der Verhandlung Bilder der Tat zu zeigen. Auch entsprach es nicht dem Anliegen des Opfervertreters, vollständige Akteneinsicht zu H.S.' Vergangenheit zu gewähren. Schliesslich forderte Dumartheray vergebens, dass im Rahmen der aktuellen Verhandlung H.S.' Bewährungshelfer befragt würden. Bereits «fünf- bis sechsmal», sagte die Staatsanwältin, hätte er entsprechende Anträge vergebens gestellt.

Nach den abgewiesenen Anträgen wurde am Vormittag H. S. eingehend zu seiner Lebensgeschichte befragt. Gerichtspräsident Schröder beharrte darauf, dass H.S. nochmals detailliert die Ereignisse der Tat schildern möge. Daraufhin berichtete der Angeklagte über die 17 Jahre in den Gefängnissen Witzwil und Wauwiler Moos. H.S. gab dabei zu, sich nach zwölf Jahren aus taktischen Gründen – also im Sinne einer vorzeitigen Entlassung – habe therapieren lassen.

H.S. sagte, es sei für ihn ausgeschlossen gewesen, dass er nochmals zu einer vergleichbaren Tat wie 1994 fähig sein könnte. Zu viel Negatives habe er erlebt. Zur Tötung von I.K. sagte er: «Es geschah aus totaler Überforderung und in einem emotionalen Ausnahmezustand.»

«Sehen Sie eine Parallele zwischen den beiden Tötungsdelikten?», fragte Gerichtspräsident Schröder. H.S. schwieg lange, um dann zuzugeben: «Es gibt Parallelen. Beide Male hatte es mit Frauen zu tun. Beide Male ging eine Trennung, die ich nicht verkraften konnte, voraus. Und meine Reaktion war in beiden Fällen total überrissen.»

Ungeklärt bleibt, weshalb H.S. bei den zwei Tötungsdelikten die Kontrolle verlor. Im Gegensatz zu den zwei Scheidungen vor 1994 und einer anderen Beziehung, die vor der zweiten Tötung scheiterte. H.S. konnte auf eine entsprechende Nachfrage keine plausible Antwort geben. «Ich liebe Frauen, ich hatte nie grosse Probleme mit Frauen», sagte er.

Psychiater sieht wenig Chancen

«Tod und Beziehung sind bei ihm im Erleben nah beisammen», sagte der forensisch-psychiatrische Gutachter Thorsten Spielmann am ersten Verhandlungstag. «In jeder Beziehung geht es für H.S. um alles oder nichts», so Spielmann.

Das Gutachten zum Fall von 1996 hatte H.S. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert. «Ich habe mich sehr gut in diesem Krankheitsbild wiedererkannt», sagte H.S. Thorsten Spielmann erkannte bei H.S. eine akzentuierte narzisstische Persönlichkeitsstörung. Zur Freilassung von H.S. 2011 meinte Spielmann: "Da kann man niemandem einen Vorwurf machen." Er sei leistungsfähig gewesen und im Umgang mit anderen Menschen nicht mehr drakonisch herrschaftsdominant wie es aus früheren Untersuchungen hervorgehe.

Weil H.S. mit Intimpartnerinnen in den letzten zwanzig Jahren kaum Umgang gehabt habe und von einer schweren Wahrnehmungsstörung geprägt sei, attestiert der Psychiater H.S. keine realen Therapiermöglichkeiten. Am Mittwoch behandelt das Strafgericht den Tag der Tat. H.S. wird dabei den Standpunkt verteidigen, er habe sich selbst das Leben nehmen wollen, dann aber die Kontrolle verloren und I.K. getötet. Die Akten dürften gegen den Angeklagten sprechen. Für das Strafgericht gilt es zu klären, ob es sich um Tötung oder Mord handelt. Ebenfalls zur Debatte steht eine mögliche Verwahrung.

Der Prozess dauert mehrere Tage, das Urteil wird nächste Woche erwartet. Zunächst wollte das Gericht die Verhandlung unter Ausschluss des Publikums führen, weil die gezeigten Bilder unzumutbar seien. Nachdem die Weltwoche diese im Januar publik machte, kam das Gericht auf diesen Entscheid zurück.

Die Verhandlung ist öffentlich, doch das allgemeine Publikum befindet sich in einem Nebenraum mit Videoübertragung. Medien und Angehörige des Opfers sind im Gerichtssaal zugelassen. Der Opferanwalt hatte vergeblich gefordert, es sei wichtig, dass die Öffentlichkeit den Prozess nicht nur am Bildschirm verfolgen könne.

Zur Debatte steht auch eine Verwahrung. (sda/yas/mau/jk)