Schwer dreht der handtellergrosse Schlüssel aus Messing im Schloss, als Bruder Christoph die massive Holztür zur Klausur – dem Inneren des Klosters Beinwil – öffnet. In der Mitte des Klosters spinnen sich Eisblumen um den quadratisch angelegten Rosengarten, der bei der Eiseskälte noch keine Anzeichen von Frühling trägt.

Jeder Schritt hallt schwer im klerikalen Gang, woran sich Kirchenchor, Gebetsraum, Bibliothek, Küche und die Treppe zur Krypta anschliessen. «Ich nehme an, Sie haben noch andere Schuhe mit?», fragt Christoph Wilden mit milde ironischem Blick auf die auffällig lauten Absätze der Novizin. «Ab hier: Stille», lese ich schuldbewusst an der Wand. Die Klausur wird hier ernst genommen – genauso wie die christliche Tradition. Doch wie lange noch?

Tolerant und interreligiös

Obwohl das Kloster Beinwil in den letzten Jahrzehnten für eine tolerante, ökumenische Ausrichtung und interreligiöse Hospitalität bekannt wurde, und sich genauso als «Kraftort für Zen-Retraiten» wie für strenggläubige Christen empfiehlt, wird die Tradition des malerischen Ortes unweit der Passwangstrasse bisher nämlich strikt aufrechterhalten.

Um Punkt 8 Uhr findet man sich täglich zum Morgengebet ein. Danach geben sich alle Gemeindemitglieder zur Begrüssung die Hand, um anschliessend schweigend das Frühstück einzunehmen. Um 12 und 21 Uhr folgen weitere gemeinsame Gebetsminuten. Geredet wird nur nachmittags, zwischen 15 und 18 Uhr, wenn auch auswärtige Besucher empfangen werden dürfen.

Ein festes Konvent kennt das Kloster allerdings nicht – zu schwer lasten finanzielle Verpflichtungen inzwischen auf der von Spenden lebenden Gemeinschaft. Die Mönche und Nonnen gehen zwangsweise alle auswärtigen Berufen nach. Dafür sind Gäste jederzeit willkommen. An diesem Gründonnerstag gesellt sich ein schwäbisches Pilgerpaar Mitte 30, eine strenggläubige Aargauerin, eine spirituelle Heilerin zum letzten, von Schwester Stefanie und Bruder Christoph aufgedeckten Abendmahl. Wie in der Fastenzeit Tradition, wird Brot, Käse, Butter und Tee aufgedeckt. Bloss zu Mittag gibts dazu noch einen Topf Suppe.

Zwei ältere Damen aus Norddeutschland kämpfen immer wieder still mit den Tränen. Vor der Abreise an Ostern erklärt die eine davon, warum sie hier in ihrer Verzweiflung Halt sucht: Ihr Sohn habe vor kurzem den Freitod gewählt. Erschütternde Schicksale sind für Bruder Christoph und Schwester Stefanie an der Tagesordnung. Sie walten auch als Seelsorger, dennoch unterlassen sie jede Beichtstuhl-Atmosphäre. Man sei hier durchaus auch heiter, wenn es angemessen sei, meint Bruder Christoph.

«Es ist sehr, sehr schade»

Dass die Stimmung am Karfreitag – sonst ein Fixpunkt des Kirchenjahres – gedrückt ist, liegt dieses Jahr an der Hiobsbotschaft, die vielen Gästen an diesem Abend wie ein Schock anmutet: In einem aufgewühlten Pamphlet wird nun erstmals schriftlich bekannt gegeben, dass dem Kloster nach 800 Jahren Ende Jahr das Aus droht.

Unter den mit Extrabussen anreisenden Konzertbesuchern macht sich Raunen breit, als die Schrift verteilt wird. Für die eingeschworenen Dorfbewohner und Bauern der Umgebung hingegen kommt die Bestätigung, dass sich das finanziell darbende Kloster nicht mehr auf eine Weiterführung einigen konnte, weniger überraschend: «Trotzdem ist es sehr, sehr schade», meint eine Besucherin aus Büsserach: «Wir haben die Arbeit von Bruder Christoph sehr geschätzt.»

Mit seiner Kutte und einer Fackel in der Hand wirkt der künstlerische Leiter Michael Kleine selber wie ein waschechter Mönch. Umso andächtiger lauschen die Anwesenden im Anschluss von «Office de ténèbres», der auf einem geheimnisvollen Ritus basierenden Aufführung in der vollbesetzten Kirche. Begleitet von Gambe und Cembalo werden zu den ergreifenden Arien zweier Sängerinnen und den Antworten eines gregorianischen Chors im Dunkeln des Kirchenschiffs rhythmisch die Kerzen am Kandelaber angezündet, und zum Ende hin wieder ausgelöscht. Verstohlen zücken viele Besucher bei dem liturgischen Ritual ihre Stofftaschentücher, als man den gekreuzigten Heiland musikalisch zu Grabe trägt – die historische Erschütterung passt zur aktuellen Lage der nach einem Jahrzehnt nun unfreiwillig frühzeitig abtretenden Führung.

«Wir wollten auf jeden Fall noch mindestens weitere zehn Jahre hier weitermachen», meint Schwester Stefanie tags darauf nach dem Morgengebet zerknirscht: «Aber die Wege des Allmächtigen sind nun einmal unergründlich.» Trotz der omnipräsenten Oster-Melancholie will sie den Optimismus nicht verlieren. «Irgendwie geht’s ja immer weiter – auch wenn man zwischendurch mal unfreiwillig die Sachen packen muss.» Was aus dem Kloster wird, weiss sie noch nicht. Man munkelt, es solle allfällig als Seminarort auferstehen. Ob privat oder gemeinnützig? Schwester Stefanie zuckt lakonisch mit den Schultern: «Weiss Gott!»