Am Ende bleibt die Ernüchterung: Fast eindreiviertel Jahre ist sie her, die Händedruck-Affäre an der Sekundarschule Therwil. Seit April 2016 beschäftigte sich Baselland, die Schweiz und die halbe Welt mit der Frage, ob und wie zwei muslimische Schüler dazu gezwungen werden können, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Die Einzigen, die nun Klarheit haben, sind die beiden Brüder: Sie mussten während ihrer Schulzeit keine Hände mehr schütteln oder Disziplinarmassnahmen erdulden und verliessen die Sek vor eineinhalb respektive einem halben Jahr.

Das ist auch der Grund, weswegen das Baselbieter Kantonsgericht die Beschwerde der muslimischen Familie S. gegen die Disziplinarmassnahmen der Schule als gegenstandslos abschrieb, wie die «Schweiz am Wochenende» am Samstag publik machte. Seit dem Schulaustritt liegt keine persönliche Betroffenheit mehr vor. So bleibt die Händedruck-Affäre ohne juristisches Urteil, ohne Grundsatzentscheid, ohne Präjudiz für künftige Fälle religiös motivierter Händedruck-Verweigerungen.

Fall hätte schneller sein müssen

Dies auch, weil die Familie das Urteil nicht ans Bundesgericht weiterzieht. Das bestätigt deren Anwalt Yves Waldmann von Basel Advokaten auf Anfrage der bz. «Meine Mandanten haben ihr Ziel erreicht: Sie konnten nicht zum Händedruck gezwungen werden, solange sie noch an der Schule waren», sagt er. Waldmann, der sich in der Sache erstmals überhaupt gegenüber einem Medium äussert, schreibt die von seinen Mandanten angestrebte Verzögerung auch der Regierung zu. Diese hatte die aufschiebende Wirkung der Beschwerde anerkannt und die Disziplinarmassnahmen der Schulleitung im vergangenen Frühling aufgehoben. Ans Kantonsgericht gelangte die Familie S. nur, weil die Regierung im Grundsatz festgehalten hatte, dass der Händedruck von Schülerinnen und Schülern im Unterricht eingefordert werden kann.

«Natürlich wäre ein Grundsatzurteil interessant gewesen», sagt Waldmann. Allerdings bezweifelt er, dass ein Weiterzug ans Bundesgericht etwas gebracht hätte: «Wahrscheinlich wäre es nur ans Kantonsgericht zurückgewiesen worden.» Was es nun brauche, sei ein neuer Einzelfall, der die Instanzen schneller durchschreitet. Für Waldmann ist das Thema aber abgeschlossen.

Kommission halbes Jahr inaktiv

Weiter geht es für die Politik. Mehrere Exponenten drücken auf Anfrage ihr Bedauern aus, dass das Kantonsgericht keinen Grundsatzentscheid gefällt hat. So auch die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) um Regierungsrätin Monica Gschwind: «Mit dem Entscheid wird die Frage, ob der Handschlag gestützt auf die heutige Regelung im Bildungsgesetz eingefordert werden kann, nicht gerichtlich überprüft. Die BKSD bedauert dies.» Und CVP-Landrat Pascal Ryf fragt: «Was passiert jetzt, wenn es wieder zu einem solchen Vorfall kommt?» FDP-Landrat und Jurist Marc Schinzel betont, dass er die Begründung des Gerichts verstehe, sagt aber auch: «Vor allem wenn sich am Ende sogar das Bundesgericht inhaltlich geäussert hätte, wäre es zweifellos sehr hilfreich gewesen.»

Der Präsident der landrätlichen Justiz- und Sicherheitskommission (JSK), Andreas Dürr, ebenfalls selbst Jurist, kommentiert hingegen nüchtern: Es sei gängige Praxis, dass ein Gericht jede Chance nutze, möglichst keinen Grundsatzentscheid fällen zu müssen. Für Dürr ist klar: «Jetzt sind wir von der Politik gefordert.»

Schon Ende Juni überwies die Regierung die als «Lex Handschlag» bekannt gewordene Überarbeitung des Bildungsgesetzes an den Landrat. Doch seit knapp sechs Monaten liegt sie in der JSK brach. Dürr bestätigt, dass die Kommission die Beratung noch nicht aufgenommen hat: «Wir hatten viele andere grosse Geschäfte.» Auch sei es schwierig, Sitzungstermine zu finden, an denen auch die betroffenen Regierungsräte teilnehmen können. Dürr hofft, im Februar 2018 mit der Beratung zu beginnen und die Vorlage im April an den Landrat zu überweisen. So sollte ein Parlamentsentscheid vor den Sommerferien möglich sein. Dann ist die Händedruck-Affäre schon über zwei Jahre alt.