Kontingente

Gym Liestal führt System zum erlaubten Schwänzen ein

Das Gymnasium Liestal tritt bezüglich Absenzen in eine neue Ära und gibt den Schülern mehr Spielraum.

Das Gymnasium Liestal tritt bezüglich Absenzen in eine neue Ära und gibt den Schülern mehr Spielraum.

Das Gymnasium in Liestal ändert seine Absenzenordnung radikal. Es setzt auf Eigenverantwortung und führt ein Kontingentsystem ein. Die Shcüler erhalten Absenzpunkte, die sie einlösen können. Damit erhalten sie ganz neue Freiheiten.

Das Gymnasium Liestal ist immer wieder gut für eine Überraschung. Aktuell wartet es mit einer zumindest im Kanton neuartigen Absenzenordnung auf, die vom Lehrerkollegium an einem Konvent mit einem Dreiviertel-Mehr verabschiedet wurde und im kommenden Schuljahr in Kraft tritt. Was vom Resultat her eher nach einer Formsache aussieht, hat einen langen Entstehungsprozess mit vielen kontroversen Diskussionen hinter sich und kommt einem eigentlichen Paradigmenwechsel gleich – die Schüler erhalten ganz neue Freiheiten.

Den Durchbruch in der Arbeitsgruppe aus je zehn Lehrern und Schülern, die ab Januar 2014 eine Überarbeitung der geltenden Absenzenordnung diskutierten, schaffte der Schüler Flurin Dörig zusammen mit zwei Kollegen: «Wir haben ein Kontingentsystem vorgeschlagen. Wir lehnten uns dabei ans Uni-System an, das wir von Geschwistern und Freunden kannten.»

Ihr Vorschlag sei in der Arbeitsgruppe sehr gut aufgenommen und weiterverfolgt worden. Der Kern dabei: Schüler erhalten pro Semester eine Anzahl Absenzpunkte, die sie mehr oder weniger frei einlösen dürfen. Mit der noch bis Ende Schuljahr geltenden Regelung, dass jede Absenz entschuldigt werden muss, konnte sich Dörig, der inzwischen die Matur gemacht hat, nie anfreunden: «Ich fühlte mich massiv bevormundet und in meiner Freiheit eingeschränkt. Der Entschuldigungszwang führte bei vielen zu Unehrlichkeit, was die meisten der Schüler eigentlich gar nicht wollten.»

Kritische Schüler und Lehrer

Dazu komme, dass mehr Freiheiten bei den Absenzen besser auf das System der Universitäten vorbereite, wo ja die Mehrheit der Gymnasiasten später lande. Aber einfach sei der Systemwechsel nicht gewesen. Auch von Schülerseite seien viele kritische Einwände gekommen wie etwa, dass die Freiheit zu gross sei und es zu Missbräuchen komme. Und als die Arbeitsgruppe ihren Vorschlag erstmals der Lehrerschaft vorgestellt habe, sei sie «belagert» worden mit Fragen, erzählt Dörig. Der Vorschlag sei dann weiterentwickelt worden, wobei für die Akzeptanz geholfen habe, dass Vertreter der Kantonsschule Aarau berichten konnten, dass bei ihnen ein ähnliches System schon seit Jahren gut funktioniere.

Die Arbeitsgruppe wurde von den beiden Konrektorinnen Florence Buchmann und Bernadette Schnyder geleitet. Schnyder bilanziert: «Wir hatten insgesamt 20 Arbeitssitzungen und brauchten vor allem viel Zeit für die Regelung von speziellen Absenzen wie chronische Krankheiten oder Operationen. Das neue Modell ist mehr als das Gewähren von Jokertagen und erfordert bei Schülern und Lehrern ein Umdenken.»

Im Detail sieht es so aus: In der ersten und zweiten Klasse erhalten die Schüler 30, in der dritten und vierten Klasse 40 und im Abschlusssemester 25 Absenzpunkte, wobei ein Absenzpunkt einer Lektion entspricht. Fehlt ein Schüler unentschuldigt mehr als ihm Punkte zustehen, wird sein Kontingent im nächsten Semester entsprechend reduziert. Bei massiven Überschreitungen gibt es ein Gespräch mit der Schulleitung und allenfalls disziplinarische Massnahmen.

Ist ein Schüler – auch über längere Zeit – krank, werden ihm bei ordnungsgemässer Abmeldung maximal zehn Absenzpunkte abgezogen. Ebenfalls zehn Punkte verlieren Schüler, die nicht an den nach wie vor obligatorischen Prüfungen teilnehmen. Und auch das leidige Kapitel des Zuspätkommens ist geregelt: Zwei Verspätungen pro Semester werden toleriert, ab der dritten gibt es Punkte-Abzüge.

Mehr Verantwortung für Schüler

Auch für Bernadette Schnyder zielt die neue Ordnung in die richtige Richtung: «Sie ist transparenter und klarer und gibt den Schülern mehr Freiheiten, aber auch mehr Verantwortung. Denn zwischen Leistung und Präsenz im Unterricht besteht ein eindeutiger Zusammenhang.» Die jetzige Ordnung habe zum Mogeln eingeladen und die Absenzen seien mit der Volljährigkeit der Schüler sprunghaft angestiegen. Die neue Absenzenordnung gilt vorerst für zwei Jahre. Dann will die Schulleitung die Erfahrungen überprüfen.

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