Kunstwerk

«Die Menschenrechte»: Die sichtbare und greifbare Präsenz der Menschenrechte im öffentlichen Raum

Eichin vor dem Schwesterdenkmal, die «Menschenrechte im Bundeshaus».

Eichin vor dem Schwesterdenkmal, die «Menschenrechte im Bundeshaus».

Das Denkmal der Helvetia könnte prominenter kaum stehen in der Region. Doch die «Menschenrechte», ebenfalls geschaffen von Bettina Eichin, lagern seit Jahren im Depot in Münchenstein. Nun gibt es neue Hoffnung. Geht es nach Landrat Pascal Ryf, zügelt das Kunstwerk bald nach Liestal.

Fast zu hinterst in den grossen Arbeits- und Lagerhallen des Kunstbetriebs Münchenstein auf dem Walzwerkareal steht das Rohgerüst und liegen die Wände des Denkmals «Menschenrechte» auf einem Wagen. Dunkle, grosse Platten mit heller Schrift. Das Bild hat Symbolcharakter: Mit einem kleinen Modell des fertigen Denkmals in der Hand steht Bettina Eichin vor den metergrossen Einzelteilen. Die «Menschenrechte» sind eingelagert, böse Zungen würden sagen, «in die Ecke gestellt». Für die Basler Bildhauerin ist der Anblick ihres eingelagerten Werks jeweils schmerzhaft. Seit Jahren hat sich nach unzähligen Anläufen in unendlichen Diskussionen zuletzt in Aarau um einen möglichen Standort im öffentlichen Raum nichts mehr Förderliches getan.

Bettina Eichin hat das Denkmal im Auftrag vom Basler Historiker und Publizisten Markus Kutter und im Einvernehmen mit der von ihm gegründeten Peter Ochs Gesellschaft für den Petersplatz geschaffen. An den jeweils fünf Meter langen und gut zweieinhalb Meter hohen Aussenwänden, die zusammen ein Dreieck bilden – dem Symbol der Aufklärung –, werden die frühesten Menschenrechtserklärungen von 1776 und 1789 und die 1791 von Olympe de Gouges verfasste Deklaration der Rechte der Frau, die erstmals Frauen und Männer gleichstellte und die UNO Menschenrechtserklärung von 1948 präsentiert. Im Innern des Dreiecks steht die «Schreibstube der Aufklärung», die den Arbeitsplatz von Peter Ochs, Voltaire, Jean-Jacques Rousseau oder Olympe de Gouges darstellen könnte.

Wohin mit dem Denkmal

Ein Standort für das Denkmal wurde aber nie gefunden. Die Peter Ochs Gesellschaft hat sich längst aufgelöst, Markus Kutter ist gestorben. Das fast fertiggestellte Denkmal und die Verantwortung den Stifterinnen und Stiftern gegenüber ist für Bettina Eichin «eine grosse Last». Weder in Basel auf dem Petersplatz, wo 1798 die unblutige Basler Revolution, das Ende der Leibeigenschaft und die Gleichberechtigung der Landschaft mit einer neuen Verfassung gefeiert wurden, noch sonst wo in der Schweiz oder im nahen Ausland wurde dafür ein Platz gefunden. Entweder stellten sich Behörden in den Weg – Stichwort Denkmalschutz und Stadtbildkommission – oder Bettina Eichin widersetzte sich einem Standort, weil dieser für sie historisch, städtebaulich oder künstlerisch für das Denkmal nicht stimmte.

Immer wieder traf das Denkmal, aber auch Bettina Eichin als Künstlerin, auf Widerstände. Auch in Basel, wo der schlechte Ruf von Peter Ochs in gewissen Kreisen immer noch nachhalle. Für Eichin geht es bei ihrem Denkmal nicht darum, dass man davorsteht und sämtliche Texte der Menschenrechtserklärungen liest. Es gehe ihr viel mehr um die sichtbare und greifbare Präsenz der Menschenrechte im öffentlichen Raum.

Bettina Eichin, die Erschafferin des Denkmals der Helvetia und der «Menschenrechte».

Bettina Eichin, die Erschafferin des Denkmals der Helvetia und der «Menschenrechte».

Enttäuschungen und Resignation der Künstlerin

Bettina Eichin ist in Basel vor allem für ihre Skulptur «Helvetia auf der Reise», die seit knapp vierzig Jahren auf der Mittleren Brücke steht, und die Markttische im Kreuzgang des Münsters, die an die Brandkatastrophe von Schweizerhalle erinnern, bekannt.

Zum Termin im Depot in Münchenstein kommt Eichin bestens vorbereitet. Mit Fotomontagen erwogener Standorte, Skizzen, einem Buch und dem Modell erzählt sie die verworrene Geschichte ihres Denkmals. Mal wirkt sie dabei abgeklärt und routiniert, mal sichtbar empört über das Geschehene. Dass die Last grösser ist, als sie zunächst zugeben wollte, ist während dem Gespräch immer mehr zu spüren, bis sie die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Die Ohnmacht hat sich angestaut. Die Zuversicht aufgeben möchte die 77-Jährige aber nicht.

Neue Hoffnung – stehen die Menschenrechte bald in Liestal?

Unterstützung erhält Bettina Eichin jetzt vom Oberwiler CVP-Landrat und Historiker Pascal Ryf. Er hat kein Verständnis dafür, dass sich bisher kein geeigneter Standort für das Denkmal finden liess. Für ihn ist es höchste Zeit, dass sich der Kanton Baselland aufgrund der Bedeutung von Peter Ochs für die Landbevölkerung der Sache annimmt und einen prominenten Standort für das Denkmal zur Verfügung stellt. In einem Vorstoss, in dem er auf das Peter Ochs-Jubiläum – dessen Todestag jährt sich 2021 zum 200. Mal – hinweist, schlägt er dafür den Liestaler Bahnhofsplatz vor der Kantonsbibliothek vor.

Die Helvetik werde in der Schweizer Geschichte nach wie vor «stiefmütterlich» behandelt, kritisiert der ehemalige Geschichtslehrer und erklärt: «Das ist eine sehr wichtige Zeit für die Schweiz, da sie aufgrund der Fremdherrschaft von Napoleon einzigartig ist. Die moderne Eidgenossenschaft wäre ohne die Helvetik nicht möglich gewesen.» Mit dem Menschenrechtsdenkmal könnte der Bevölkerung aufgezeigt werden, dass die Helvetik in der Geschichte der Schweiz ein wichtiger Wendepunkt war. Zudem passe das Thema «Menschenrechte» sehr gut in die heutige Zeit, weil diese in manchen Regionen «mit Füssen getreten werden». Für Pascal Ryf ist klar: «Die Schweiz kann stolz sein auf Errungenschaften wie jene von Peter Ochs und den modernen demokratischen Staat, der sich auf die Menschenrechte bezieht.»

Für den Baselbieter Historiker Lorenz Degen stellt das Gezerre um das Denkmal von Bettina Eichin eine «grosse Tragik» dar. Damit werde eine Botschaft der «im Lager verstauten Menschenrechte» ausgesandt. Degen ist überzeugt: Ohne Peter Ochs gebe es im Kanton Baselland keine politische Mitsprache. Auch der Stadt Basel, die gerne mit ihrem «humanistischen Geist» kokettiert, hätte das Denkmal gut angestanden. Der kürzlich verstorbene Liestaler Schriftsteller Markus Ramseier schlug der Bildhauerin einst vor, das Baselbiet solle dafür sorgen, dass das Menschenrechtsdenkmal in Basel aufgestellt werde. Aufmunternd meinte er zu ihr: «Es chunnt de scho guet.» Der Gedanke an einen solchen politischen Schachzug zaubert der Bildhauerin dann wieder ein Lächeln ins Gesicht.

__________

«Peter Ochs hätte ein Denkmal verdient»

Die Schweiz tat sich lange schwer mit der Figur Peter Ochs. Die Basler Historikerin Sara Janner erklärt, warum das falsch ist und welche Bedeutung Ochs für den Kanton Baselland hat.

Peter Ochs war 1798 massgeblich an der Gründung der Helvetischen Republik beteiligt. Doch längst nicht allen hat dies damals gefallen. Warum?

Sara Janner: Dies entsprach nicht den Interessen der damals Regierenden. Eine Gleichstellung der Landbevölkerung scheiterte am Widerstand der Regierenden, die an Macht und Privilegien festhielten und alle Reformversuche vereitelten. Ochs entschied sich im November 1797 mit dem Direktorium der französischen Regierung zu verhandeln, um eine Umwälzung zu erreichen, ohne in die kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa verwickelt zu werden. Dies gelang ihm nur im Kanton Basel. Ochs konnte zwar im April 1798 in Aarau die Republik ausrufen, aber nur um den Preis einer französischen Besetzung und den Verlust der politischen Unabhängigkeit.

Dann stimmt also der Vorwurf, dass er zugunsten Frankreichs und zuungunsten der alten Eidgenossenschaft handelte und ein «Landesverräter» sei?

Nein. Er verhielt sich nicht anders als seine politischen Gegner, die sich zur Verteidigung ihrer Privilegien an die antifranzösischen Mächte wandten. Die innerlich zerstrittene Alte Eidgenossenschaft drohte zu zerfallen, nur die Schaffung der Republik verhinderte die politische Auflösung. Es ist auch nur dem diplomatischen Geschick von Peter Ochs zu verdanken, dass die Eidgenossen bis 1798 vom Krieg verschont blieben. Dass Peter Ochs in der Schweizer Geschichtsschreibung bis ins 20. Jahrhundert als «Landesverräter» galt, erklärt sich damit, dass die Helvetische Republik scheiterte und er zu den politischen Verlierern gehörte.

Sie sagen, Peter Ochs habe gerade für die Region und insbesondere für den Kanton Basel-Landschaft eine besondere Bedeutung.

Basel war vor der Helvetik eine absolutistisch regierte Republik mit Leibeigenen und Untertanen. Peter Ochs regte die Aufhebung der Leibeigenschaft und die politische Gleichstellung der Landbürger an. Die Mehrheit der Stadtbürger akzeptierte dies nie und arbeitete seit dem Zusammenbruch der Helvetischen Republik 1803 an der Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Unter anderem schafften sie es bereits 1803 durch Tricks im Verfassungstext die politischen Rechte der Landbürger zu «beschädigen». Dank der Landbürger, die seinen Einsatz für ihre Rechte nicht vergessen hatten, wurde Peter Ochs 1803 in den Grossen Rat gewählt und kam so wieder in die Basler Regierung, wo er weiterhin die Interessen der Landbevölkerung vertrat. Seiner Tätigkeit ist zum Beispiel die Verbesserung der Baselbieter Schulen zu verdanken.

Der Widerstand der Stadtbürger gegen die Gleichstellung der Landbürger mündete 1833 in die Kantonstrennung. Sah Peter Ochs diese Entwicklung voraus?

Nein, aber es war Ochs bei seinem Tod 1821 klar, dass die Landbevölkerung ihre verlorenen Rechte zurückfordern würde. Er fürchtete die Folgen einer gewaltsamen Auseinandersetzung. Das interpretiere ich aus dem Schlusswort seiner Kantonsgeschichte, das er kurz vor seinem Tod schrieb.

Aufgrund der historischen Verdienste von Peter Ochs um die Landschaft wäre es an der Zeit, das Denkmal «Menschenrechte» - wie von Pascal Ryf gefordert – im Baselbiet aufzustellen?

Ja. Peter Ochs hat sich für die Landbevölkerung eingesetzt und für Ideen und eine politische Ordnung gekämpft, die für uns heute selbstverständlich sind. Es wäre schön, wenn der Kanton Basel-Landschaft nun einen ersten Schritt zu seiner Rehabilitierung machen würde.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1