Herr Schäfer, Sie sind noch sehr jung, wie kommen Sie dazu, sich mit dem Sterben zu beschäftigen?

Markus Schäfer: Mit unserer Theatergruppe «Markus&Markus» haben wir den Drang, Themen an die Oberfläche zu holen, die sonst eher ein Stück weit tabuisiert werden. Wir fragen uns ständig, was Theater eigentlich noch soll und kann. Im Theater wird zwar ständig gestorben; dann werden die Schauspieler mit Kunstblut überschüttet – und hinterher haben alle ihre Katharsis gehabt.

Doch wir wollten ausloten, was passiert, wenn wir den Tod sehr nah heranholen und da Ernst machen. Und ansonsten ist es tatsächlich auch eine Auseinandersetzung mit Ibsen, der vor 100 Jahren diesen Blick in private Räume und solche Einzelschicksale gewagt hat. Im Stück «Gespenster» bittet Osvald seine Mutter, ihm bei Ausbruch seiner Krankheit dieses todbringende Medikament zu geben. Wenn dieser Osvald heute lebte, könnte er eine Schweizer Organisation anrufen.

Sie haben einen Monat lang Margot, die sterben wollte, bis zu ihrem Tod begleitet. Hat das Ihre Einstellung zum Sterben geändert? Oder unerwartete Einsichten gebracht?

Alles, was man nicht kennt, macht einem eher Angst. Aber es ist sehr bereichernd und wichtig, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. In der Recherchephase haben wir mit vielen Menschen geredet, die kurz vor dem Sterben waren. Die Form des Sterbens, die wir bei unserer Protagonistin erlebt haben, hat natürlich einen ganz eigenen Charakter und ist mit ganz anderen Fragen verbunden. Es war nicht einfach, das zu verdauen. Aber wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass der Sterbewunsch bei Margot sehr gross war; es war ihr einziger und letzter Wunsch. Wir haben gelernt, dass man das akzeptieren sollte.

Wobei Margot einmal scherzend droht, sie sage den Sterbetermin ab, wenn ihr sie weiter so nett begleitet: «Dann vermassle ich euch das Geschäft.» Es war ein Witz, aber dahinter steckt ernsthaft, dass sie nicht nur wegen ihrer Schmerzen gehen will, sondern auch, weil sie einsam ist. Das klingt alarmierend.

Das finde ich auch. Wobei es hundertprozentig ein Scherz ist an der Stelle. Sie hatte nicht den geringsten Restzweifel an ihrem Vorhaben. Trotzdem steckt dahinter die Ahnung von einer anderen Situation, würden jetzt jeden Samstag die Enkel auf dem Sofa sitzen. Oder wäre vor 30 Jahren ihr Leben in eine andere Richtung gelaufen. Es ist ja klar, dass es einen Unterschied macht, ob jemand alleine lebt oder ob da andere Menschen sind, um die man sich kümmert oder die sich um einen kümmern. Sicher ist das auch eine Geschichte von einer Person, die ziemlich alleine ist.

Wird in solchen Fällen auch abgeklärt, ob es wirklich keine anderen Möglichkeiten als den Freitod gibt? Ob es nicht doch Wege und Mittel gibt, die diesem Menschen wieder zu mehr Lebensfreude verhelfen?

Wir haben uns viel mit Sterbeorganisationen unterhalten. Aber ich kann nur seriös von dem Fall sprechen, den wir selbst miterlebt haben. Diese Frau war komplett entschlossen. Der letzte Monat mit uns hat sich wahrscheinlich von ihren letzten 20 Jahren fundamental unterschieden. Die ganzen Ausflüge, die wir zusammen gemacht haben, dass plötzlich in ihrer Wohnung gekocht wurde, dass da junge Menschen herumsassen und wir jeden Tag dort aufgetischt haben.

Aber egal, wie schön das für sie war: Sie hat nie eine Sekunde an ihrem Sterbewunsch gezweifelt. Ihr Entschluss war gefestigt. Diesem ging ein langer Prozess voraus. Man kann ja nicht einfach eine Sterbehilfeorganisation anrufen und am nächsten Tag kommen die vorbei. Sie hat da seit der ersten Kontaktaufnahme drei Jahre daran gearbeitet. Es ist leichtfertig zu sagen, es würde da jemandem vorschnell Tür und Tor geöffnet. Ich denke, das geht an den eigentlichen Problemen, die es gibt, meistens vorbei.

Eigentlich wäre es schön, es gäbe auch mehr Organisationen für Lebenshilfe – nicht nur für Sterbehilfe. Indem man für alte einsame Menschen zum Beispiel falsche Enkel organisierte, die sie besuchen.

Ja, Enkelvermietung ist eine gute Sache, das stimmt. Aber es gibt sehr viele Menschen, die plötzlich ganz beruhigt weiterleben und später friedlich auf natürliche Weise sterben, sobald sie wissen, dass sie diese Option, selbstbestimmt zu sterben, in der Hinterhand haben. Es geht eben auch beim Sterben um das Leben. Ich habe erlebt, wie dankbar viele Leute sind, wenn sie überhaupt mal mit jemandem, der sie ernst nimmt, über ihren Sterbewunsch reden können.

Unter welchen Umständen halten Sie Sterbehilfe für gerechtfertigt? Und wann nicht?

überlegt lange Das ist eine irrsinnig komplizierte Frage. Alles ist immer ein Einzelfall. Die Urteilsfähigkeit ist für mich das Allerentscheidenste. Natürlich ist das oft eine ganz schwierige Frage, jemand muss diese immer einschätzen. Aber entscheidend ist, dass eine Person bei klarem Verstand sowie frei von äusserem Druck oder Zwängen diesen Entscheid beurteilen kann. Zu sterben muss ihr ureigener, für sich gut begründeter Wille sein.

Es muss auch ein konstanter Wunsch sein, der sich über lange Zeit gefestigt hat. Wir kamen zu Margot und dachten: So, jetzt erfüllen wir ihr noch ihre letzten Wünsche, machen noch dies und das. Doch sie sagte: «Ich habe noch genau einen Wunsch – und das ist sterben.» Wenn man das mitbekommt, was hiesse es dann, da nicht zu helfen? Wenn es eine Möglichkeit gibt, die nicht bedeutet, dass man anschliessend unter einer Brücke zusammengekratzt wird oder sich vor den Zug schmeisst oder ein Medikamentencocktail einnimmt, das in vielen Fällen bleibende Schäden verursacht.

Wie war es, mit einer Frau täglich Zeit zu verbringen, die kurz davor war, zu sterben? War es schwierig, ständig damit konfrontiert zu werden?

Es war schon speziell zu wissen: Jetzt noch zwei Wochen, jetzt noch eine, jetzt noch ein letztes Mal Wäsche waschen. Am Ende waren wir in Basel und dachten: Es ist schönes Wetter, wir könnten uns auch an den Rhein setzen und etwas trinken. Stattdessen stirbt sie jetzt. Natürlich hatte jeder von uns auf seine Weise damit zu kämpfen, vor allem im Nachklang. In ihrem Abschiedsbrief zitiert Margot ein Gedicht: «Bedenk, den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der Anderen muss man leben.» Das Zurückbleiben ist das Problem an der Geschichte. Wenn sie auf dem Sterbebett liegt und sagt: Das ist das Beste für uns alle, dann ist das in dem Moment ein infamer Spruch. Für sie ist es in dem Moment das Beste, aber ansonsten ist es für niemanden gut.

Da spielt wieder dieses Gefühl rein, anderen zur Last zu fallen. Das haben viele alte Menschen, darf aber kein Grund zum Sterben sein.

Diese Angst, anderen bald zur Last zu fallen, hat sie oft geäussert. Die Nachbarin, die ihre Sachen schleppen müsste. Das ist natürlich eine Unterstellung. Diese Nachbarin würde ihr wahrscheinlich sehr gerne helfen. Anderseits können wir uns jetzt nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, komplett auf andere angewiesen zu sein und zu befürchten, ihnen zur Last zu fallen.

Umgeben von ihren Teddybären, ihrem Rollatoren und all ihren Sachen durchläuft ihr diesen Sterbeprozess immer wieder durch euer Stück. Wie ist das?

An einem Tag geht es einem sehr nahe, an einem anderen ist es ein bisschen weiter weg. Der Titel «Gespenster» passt schon. Margot sagte selber: So lange man noch über mich redet, so lange bin ich eigentlich noch nicht tot. An den Abenden, an denen wir das spielen, ist sie sehr präsent. Im Zweifelsfall tröstet es uns zu wissen: Das war ihr ganz grosser Wunsch. Und jetzt ist das so. Das Ganze hat auch etwas total Schönes.

Im neuen Stück «Peer Gynt» arbeitet ihr mit einem Demenzkranken, gleichzeitig tourt ihr weiterhin mit dem Sterbehilfe-Stück «Gespenster». Ziehen euch diese schweren Themen nicht hinunter?

Ich empfinde es auch als grosses Geschenk, wenn eine Person dazu einlädt, ihren letzten Lebensmonat in so einer speziellen Phase mit ihr zu verbringen. Das miterleben zu dürfen ist etwas Besonderes. Das hat auch mit unserer Empathie für diese Menschen zu tun und einer Leidenschaft, diese Geschichten erleben zu wollen – und zwar direkt.

Und mit dem Publikum zu teilen.

Ja. Es kann aus einer anderen Perspektive einen Blick auf das Thema werfen. Das Theater soll ein Ort sein, an dem man drängende gesellschaftliche Probleme verhandelt. Das Stück ist ein Versuch, das Theater wieder stärker dahin zu bringen.

«Gespenster» läuft am Donnerstag und Freitag Abend im Theater Roxy Birsfelden. Es läutet zugleich die Saison 2015/16 des Theaters ein.

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