Ausstellung

Clément Cogitore im Kunsthaus Baselland – die Geister der Vergangenheit

In seinen Film «Les Indes galantes» lässt Clément Cogitore Krump-Tänzer aus Pariser Vororten zu Barockmusik aus dem 18. Jahrhundert tanzen.

In seinen Film «Les Indes galantes» lässt Clément Cogitore Krump-Tänzer aus Pariser Vororten zu Barockmusik aus dem 18. Jahrhundert tanzen.

Mit seiner Kunst gibt Clément Cogitore bislang Unsichtbarem eine Bühne. Wortwörtlich.

Clément Cogitore dürfte überrascht gewesen sein, als er vorigen Herbst plötzlich den «Prix Marcel Duchamp» in den Händen hielt – eine der wichtigsten Auszeichnungen der französischen Kunstszene überhaupt. Denn: Er ist erst Anfang 30. «Es ist nicht gerade üblich, dass ein so junger Künstler diesen Preis erhält», sagt Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland.

Der Filmer und Fotograf Cogitore ist in Colmar geboren und lebt seit längerer Zeit in Paris. In der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Baselland ist eine Auswahl seiner Werke ausgestellt. «Für mich ist es wichtig, das Regionale bei uns einzubinden und zu zeigen, was die Region eigentlich an Schätzen zu bieten hat», so Goldbach. Cogitore sei zwar international sehr erfolgreich, komme aber dennoch aus der Region.

«Das Ziel der Ausstellung war, seinen preisgekrönten Film ‹The Evil Eye› zu zeigen.» Die Kuratorin habe es aber wichtig gefunden, dass der Besucher zuerst ein Gefühl für das allgemeine Schaffen des Künstlers bekomme. Deshalb kann man im Kunsthaus aktuell Cogitores Filme und 16-Millimeter-Fotografien der vergangenen zwei Jahre begutachten. Ab Mai folgt dann das Werk, wofür er 2018 den Duchamp-Preis erhielt.

Gestern und Heute im Dialog

Clément Cogitore erzählt in seiner Kunst Geschichten, kehrt das Poetische, Besondere, bisweilen Irritierende aus Momenten des Alltags und der Wirklichkeit heraus. «Ob und inwiefern die vergangene Kunst- und Kulturgeschichte für uns heute nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, ist eine Frage, die ihn nicht loslässt», sagt Goldbach. So blendet er bei seiner Videoarbeit «Élégies» beispielsweise einen Text des Dichters Rainer Maria Rilke ein.

Der Film zeigt eine Menschenmasse vor einem Konzert. Ihre Erwartungshaltung schwingt in den Bildern mit: Je näher das Ereignis rückt, desto mehr Handys werden gezückt. Spannend: Wüsste man nicht, dass die eingeblendeten Worte aus Rilkes Feder stammen, fiele einem wohl kaum auf, dass sie nicht extra für das zeitgenössische Medium entstanden sind. Alt und Neu verschmelzen scheinbar nahtlos.

Ein Paradebeispiel für Cogitores Schaffen ist auch sein Film «Les Indes galantes», der ebenfalls gerade im Kunsthaus gezeigt wird. Basis dafür ist das gleichnamige Stück des Barockkomponisten Jean Philippe Rameau aus dem Jahr 1735. Im dritten Akt des Stücks soll das Wilde, Unbekannte – in Form verschiedener Völker – auf die Bühne geholt werden.

Das machte Cogitore auch in seinem Film zum Programm: Er versammelte Strassentänzer aus Pariser Vororten und bot ihnen eine Plattform. Sie alle tanzen «Krump», ein aggressiver Strassentanz, der in den 1990er-Jahren in den Ghettos von Los Angeles entstanden war. Typisch für die Krumper von Paris: Sie tanzen im Untergrund, nicht im Rampenlicht. Cogitore präsentierte den Tänzern das Stück, zu dem sie tanzen sollten, entschlossen, sie für einmal aus ihrem Schattendasein ans Licht zu holen. Und zwar an kein Geringeres als das der Pariser Oper.

Auch in diesem Film funktioniert die Fusion von Vergangenem und Zeitgenössischem einwandfrei. «Man hat das Gefühl es passt, kann sich gar nicht vorstellen, zu welcher Musik sich die Tänzer normalerweise bewegen», sagt Goldbach. Dass es «passt», fanden wohl auch die Verantwortlichen an der Pariser Oper. Und zwar so gut, dass Cogitore ab September mit seinen Krumpern nicht nur den dritten Akt, sondern gleich das ganze Stück von Rameau dort aufführen soll. Die immer wiederkehrende Frage: Wie mache ich etwas der Öffentlichkeit zugänglich, das sonst nur für eine gewisse Personengruppen sichtbar ist?

«Corgitore zeichnet aus, dass er die Kunstgeschichte in seinen Werken sowohl reflektiert als auch im Jetzt neu kontextualisiert», sagt Goldbach. Dem pflichtet der Künstler im Gespräch bei. Er sehe keinen Bruch zwischen zeitgenössischer und älteren Kunstformen. «Als Künstler bin ich Teil eines Prozesses, in dem bestimmte Motive immer wiederkehren. Ein bisschen wie Geister, die immer wieder zurückkommen, um im selben Haus zu spuken.»

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Autor

Chloé Oberholzer

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