Vitra Design Museum
Zusammen ist man weniger allein – Neue Ausstellung beschäftigt sich mit alternativer Architektur

Das Vitra Design Museum präsentiert visionäre Architektur, die urbanes Leben in Gemeinschaft möglich macht.

Delphine Conzelmann
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Das Areal der Kalkbreite in Zürich kombiniert privates Wohnen und Gemeinschaftsräume. Neben Kinos und Cafés findet man hier auch stille Ecken zum Lesen und Verweilen. Fotos: Vitra Design Museum

Das Areal der Kalkbreite in Zürich kombiniert privates Wohnen und Gemeinschaftsräume. Neben Kinos und Cafés findet man hier auch stille Ecken zum Lesen und Verweilen. Fotos: Vitra Design Museum

Foto: Martin Stollenwerk Zürich

In Gemeinschaft leben, konventionelle Lebensformen hinter sich lassen, das ist kein neuer Traum: Für Hippies, Hausbesetzer und Aktivisten war das Kollektiv nicht nur eine Wohnform, sondern Protestaktion. In seiner aktuellen Ausstellung «Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft» lässt das Weiler Vitra Design Museum historische Lebensentwürfe in Dialog treten mit moderner Architektur, die das Zusammenleben wieder zum Thema macht.

Dabei soll nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern auch eine neue Lebensart entwickelt werden: Der Architekt wird zum Gesellschaftsplaner. Im Zentrum der Ausstellung steht das Modell einer fiktiven Stadt, die zeigen soll, wie Projekte aus aller Welt das urbane Leben revolutionieren könnten. Präsentiert werden Modelle aus Metropolen wie Tokio, Seoul und Wien, aber auch Schweizer Architektur ist vertreten. Obwohl die ausgestellten Projekte bereits realisiert sind: Die daraus entstandene Stadtvision ist utopisch.

Gemeinsam geniessen

Wie es sich in dieser alternativen Realität leben lässt, können die Besucher in einem der Ausstellungsräume erfahren: Ein 1:1-Modell einer sogenannten Clusterwohnung simuliert das Wohngefühl im geteilten Raum: Realistisch möbliert, vom ungemachten Bett bis zum Star-Wars-Poster, will die Musterwohnung demonstrieren, dass generationsübergreifendes Leben auf kleinem Raum komfortabel sein kann.

Wenn einen dabei ein beengendes Gefühl beschleicht, hat das einen guten Grund: «Ein Schweizer hat pro Kopf durchschnittlich 46 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. In unserem Modell haben wir diese Zahl bewusst auf 35 Quadratmeter reduziert», erklärt Co-Kurator und Architekt Daniel Niggli von em2n Zürich. Dem viel verfluchten Dichtestress moderner Städte begegnen die Architekten so mit noch mehr Verdichtung.

Die private Zone wird in kollektiven Wohnformen zwar kleiner, doch die nutzbare Fläche nimmt insgesamt zu. Grenzen zwischen dem eigenen und dem öffentlichen Raum verschwimmen und je nach Perspektive gewinnt oder verliert man dabei.

Dass Privateigentum dabei durch Nutzungsrecht ersetzt wird, heisse jedoch keineswegs, dass Verzicht angesagt sei: «Oftmals kann man sich im Kollektiv mehr Luxus leisten, als wenn man die Wohnkosten selbst tragen müsste», stellt Niggli fest. Pools und grosszügige Terrassen, Bibliotheken, Gärten und Saunas zeigen, dass die Gemeinschaftsarchitektur von heute mit dem sozialen Wohnungsbau von damals kaum mehr etwas gemeinsam hat.

Schweizer Architektur: Innovation ums Eck

Urbane Visionen werden nicht nur in Metropolen entwickelt: Einige Schweizer Projekte haben in der Kollektivarchitektur Pionierarbeit geleistet. Dazu gehört allen voran die Kalkbreite in Zürich. Der Gebäudekomplex liegt über einem Tramdepot. Er vereint mit Genossenschaftswohnungen und Kinos, Cafés und Arztpraxen privaten und öffentlichen Raum auf einem Areal.

Dabei entsteht das Gefühl einer kleinen Stadt in der Stadt, die auch für die weitere Nachbarschaft ein Gewinn ist. Ein ähnliches multifunktionaler Projekt ist das Zwicky-Süd in Dübendorf, das neben der Nutzung der Räumlichkeiten auch die lokalen Verkehrsbedingungen neu konzipiert hat.

Auch in Basel gibt es Beispiele für Kollektivarchitektur. Das Musikerwohnhaus an der Lothringerstrasse kombiniert Wohn- und Proberäume und sorgt mit Aufnahmestudios, Cafeteria und Kinderspielhaus auch darüber hinaus dafür, dass die Bedürfnisse der Musikerfamilien erfüllt sind. (dec)

Komfort statt Klassenkampf

Was die modernen Konzeptionen von den heutigen Entwürfen unterscheide, sei ihre Motivation: «Während viele der Vorläufer des kollektiven Wohnens eine politische Vision im Blick hatten, sind die meisten Bauprojekte von heute postideologisch», sagt Ilka Ruby, Kuratorin der Ausstellung.

Die Anliegen der Gemeinschaftsarchitektur wie das Schaffen günstigen Wohnraums, die Ermöglichung eines nachhaltigen Lebensstils oder die Förderung von sozialen Kontakten in den immer anonymeren Grossstädten enthalten durchaus Sozialkritik. Doch für die Architekten neuer alternativer Bauprojekte stehe nicht mehr die Frage nach der idealen Gesellschaft im Vordergrund, sondern die nach der realen: Wie wollen wir leben? Gerade deshalb sei in vielen der Projekte, die für die Ausstellung porträtiert wurden, eine Prise Hedonismus enthalten.

Stille Revolution

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Einmannhaushalte massiv angestiegen, während öffentliche Plätze stadtplanerisch an Relevanz verloren haben. Genau auf diese Entwicklungen reagiere man nun in der Architekturszene. Zwar sei die Zahl der Projekte bereits repräsentativ, von einem klaren Trend kann dennoch nicht die Rede sein. Die Kuratoren sprechen von einer «stillen Revolution in der zeitgenössischen Architektur». Still auch deshalb, weil für die Öffentlichkeit nicht immer schon an der Fassade erkennbar ist, dass es sich um einen innovativen Bau handelt.

Was unterscheidet eine «Clusterwohnung» von einer WG? Im Grundsatz wenig. Was die neuen urbanen Visionen auszeichnet, ist, dass sie sich kaum auf eine Zielgruppe konzentrieren.

So bieten die Star Apartments in Los Angeles günstigen Wohnraum für Langzeitobdachlose in den oberen Geschossen, während sich im selben Komplex Läden, Krankenstationen und Fitnessstudios befinden. Auf dem Lagerplatz 141 in Winterthur, der zurzeit noch im Bau ist, teilen sich kontaktfreudige Rentner das Areal mit den Studierenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Architektonische Innovation steht nicht zwingend im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, wie Raum, ob bestehend oder neu kreiert, innovativ genutzt werden kann. In einer Zeit, in der wachsende Metropolen noch mehr Anonymität versprechen, und der zwischenmenschliche Kontakt in einer digitalen Welt nur noch zweitrangig ist, ist tatsächlich bereits der Wunsch, Gemeinschaft zu bilden, revolutionär.

«Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft», Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 10. Sept. tgl. 10–18 Uhr.