Design

Zum Jubiläum gönnt sich das VitraHaus eine filmreife Loft

Nach mehrmonatigen Renovationsarbeiten wartet das VitraHaus mit einem neuen Konzept zum 10-Jahr-Jubiläum auf.

Schon am Morgen spähen die ersten Besucherinnen und Besucher durch die geschlossenen Türen des VitraHauses: Wegen der aktuellen Pandemie wurden die Öffnungszeiten angepasst, Einlass ist erst ab zwölf Uhr mittags. Covid-19 ist auch der Grund, weshalb das zehnjährige Bestehen des von Herzog & de Meuron gebauten Schauraums nicht gebührend begangen werden konnte – obwohl seine Erfolgsgeschichte durchaus Anlass zum Feiern gibt.

«Als wir das VitraHaus 2010 eröffneten, hatten wir nicht damit gerechnet, dass es so viele Leute anziehen würde», sagt Till Weber, Creative Director ­VitraHaus. «Es kommen im Jahr rund 350000 Menschen.» Ein so grosser Besucherandrang hinterlässt Spuren, weshalb zum Jubiläum sanfte Renovationsarbeiten nötig waren: So wurden die Böden gebürstet und gereinigt und das Ausstellungskonzept umfassend überarbeitet. Grössere Eingriffe gab es lediglich im Café.

Neu steht das Treppenhaus, das bislang nur intern genutzt wurde, für die Besucher offen. Vom Erdgeschoss bis zum Loft wurden die Wände vom norwegischen Künstler Oscar Grønner mit einer Wandmalerei zur Geschichte von Vitra geschmückt. Im Comic-Stil wird die Timeline aufgerollt: Seinen ersten Eames-­Stuhl etwa entdeckte der Ladenbauer und Vitra-Gründer Willi Fehlbaum auf einer Taxifahrt in einem New Yorker Schaufenster. Es war der Beginn der Möbelproduktion von Vitra.

Die Treppe führt zum sogenannten Loft, das von externen Designern immer wieder neu gestaltet wird. «Manche erfinden dafür einen eigenen Charakter, den sie darin wohnen lassen», ­erklärt Weber. Zum 10-Jahre-­Jubiläum haben die US-ame­rikanischen Architekturbüros Charlap Hyman & Herrero den Raum als surreal angehauchtes «Traumhaus» entworfen, das zahlreiche Verweise auf Literatur und besonders Film enthält.

Elsässische Tapeten und ein recycelter Stuhl

So liessen sich die Designer etwa von den Interieurs von ­Antonionis Trilogie «L’avventura», «La notte» und «L’eclisse» inspirieren, auf einem Tisch liegt eine Zeitung aus Godards «Au bout de souffle». «Das Ergebnis ist mutig», kommentiert Weber. «Kuratiert, aber zugleich verspielt.» Vom Balkon geht der Blick auf den neuen Garten, den der Niederländer Piet Oudolf für Vitra entworfen hat. «Er ist selbstgenerierend», erklärt Weber, «das heisst, er ist ganzjährig schön und muss nicht ständig neu bepflanzt werden.»

Im Innern des VitraHauses wird dagegen Wert auf Variation gelegt. «Wir haben wechselnde Interior Collagen eingerichtet, welche die Besucher ausprobieren können», so Weber. Skandinavisch schlicht trifft hier auf mediterran üppig. Ausserdem wurden kleine «Marktstände» geschaffen, die den Besucherinnen und Besuchern stilistisch ähnliche Produkte zum Direktkauf anbieten. «Für die Sofa­beratung haben wir ein fiktives Schweizer Alpenpanorama verwendet, das aus der elsässischen Tapetenmanufaktur Zuber aus Rixheim stammt.»

Weitere Neuerungen sind ein «Designer Village», dessen Treppenstufen als Zuhörer­ränge für Talks und Vorträge dienen, eine Bibliothek zum Verweilen sowie eigene Vitrinen für Designer, die Vitra prägten und ­weiterhin prägen. Der Fokus aber liegt auf den Stühlen: Der ikonische Eames Lounge Chair etwa wird in 90 Minuten aus Einzelteilen vor den Augen des interessierten Publikums gefertigt und kann theoretisch gleich mitgenommen werden.

Unscheinbarer wirkt dage­gen die Innovation, die diesen Frühling digital an der Mailänder Möbelmesse vorgestellt wurde. Der erste recycelte Vitra-­Stuhl ist aus Plastikabfällen, die in Deutschland gesammelt werden. Seine Farbe ist grau, der Produktionsweg bewusst kurz gehalten. Damit ist der «Tip Ton Re» selbst nachhaltiger als der erste Eindruck, den er hinterlässt.

VitraHaus, Täglich von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

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