Ernüchternd
Zu dick und lustlos: Die Armee hat ein Basler Problem

Heute beginnt die Sommer-Rekrutenschule. Tausende von jungen Männern sind in die Kasernen eingerückt, unter ihnen sind auch Hunderte aus den beiden Basel. Sie gehören wahrscheinlich bald zu einer Minderheit, denn die Basler sind zu dick und lustlos.

Benjamin Wieland
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Die Stellungspflichtigen aus den beiden Basel haben bei der Rekrutierung in den letzten drei Jahren schlecht abgeschnitten. Offenbar spielte auch die schwache Motivation eine grosse Rolle.

Die Stellungspflichtigen aus den beiden Basel haben bei der Rekrutierung in den letzten drei Jahren schlecht abgeschnitten. Offenbar spielte auch die schwache Motivation eine grosse Rolle.

Keystone

Die jungen Männer aus den beiden Basel sind immer weniger geeignet für den Dienst am Vaterland - und sie verspüren offenbar auch keine Lust dazu. Dies zeigen die Tests der Rekrutierung, die früher Aushebung hiess. Dort werden die Stellungspflichtigen an zwei bis drei Tagen untersucht, befragt und verschiedenen Leistungstests unterzogen.

Basel-Stadt bildet Schlusslicht

Für die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft fällt das Resultat ernüchternd aus: Ihre Stellungspflichtigen kamen in den vergangenen drei Jahren an den Schluss der Rangliste aller 26 Kantone. Dreimal nacheinander hielten die Baselstädter die rote Laterne in der Hand. Ihre Baselbieter Kollegen schnitten nicht viel besser ab. 2010 und 2011 landeten sie auf dem 23. und damit viertletzten Platz.

Tiefpunkt aus Baselbieter Sicht war das vergangene Jahr: Da rutschten die 968 Stellungspflichtigen auf den zweitletzten Rang ab - nur die 560 Baselstädter erbrachten ein noch schlechteres Gesamtergebnis.

Die Resultate sollten die Verantwortlichen beider Kantonen aufschrecken. Denn die gemessenen Körperwerte sind nicht gut. Das bestätigt das Bundesamt für Sport (Baspo), das die Daten sammelt und wissenschaftlich auswertet. Dazu Christoph Lauener, Leiter Information beim Baspo: «Die jungen Männer aus Basel-Stadt sind die schwersten. Sie sind rund ein Kilogramm schwerer als die Baselbieter, die beim Gewicht immerhin noch vier Ränge besser sind.»

Dasselbe Bild beim Sport- und Bewegungsverhalten. Bei der sogenannten «Schwitz-Skala» belegen die Baselstädter den zweitletzten Rang. Das bedeutet: Sie bewegen sich im Alltag viel zu selten. Die «Landschäftler» schnitten hier deutlich besser ab, was ihr Gesamtresultat jedoch nicht entscheidend beeinflussen konnte.

Bereits als Kind zu dick

Den Basler Kantonsarzt Thomas Steffen überraschen die Daten nicht. Die Stadtbevölkerung schneide bei entsprechenden Untersuchungen regelmässig schlechter ab als die Bevölkerung auf dem Land. «Ein möglicher Grund dafür ist unter anderem die sozio-kulturelle Zusammensetzung der städtischen gegenüber der ländlichen Bevölkerung», mutmasst Steffen. Überspitzt gesagt: In der Stadt wohnen mehr arme und weniger gebildete Menschen als auf dem Land, das wirkt sich auf die Ernährung und die körperliche Fitness aus.

Der Bevölkerungsmix ist als Erklärung aber nicht hinreichend. Denn die Stellungspflichtigen aus dem Kanton Genf - er ist ähnlich stark verstädtert wie Basel-Stadt - bewegen sich leistungsmässig im Mittelfeld. Und der Kanton mit der grössten Stadt der Schweiz, Zürich, erreicht Spitzenwerte.

Steffen hat noch eine andere Erklärung zur Hand. So habe die Armee mit einer Generation von Baslern zu tun gehabt, die nach unten «ausschlage» - und somit nicht besonders repräsentativ sei: «Wir wissen aufgrund unserer Analysen, dass gegenwärtig junge Männer zur Rekrutierung kommen, die schon im Kindergartenalter zu der Generation mit den meisten Übergewichtigen gehörten.» Der «Ballast» aus Kindheitstagen wurde also ins Erwachsenenalter mitgenommen.

Das Gesundheitsdepartement ist aufgrund dieser Fehlentwicklung nicht untätig geblieben, weiss Steffen: «Dank gezielten Interventionen konnte der über Jahre festgestellte Gewichtsanstieg bei den Kindern gestoppt werden. Auf der Höhe Kindergarten konnte dies möglicherweise sogar jetzt schon beim Gewichtsanstieg zu einem Rückwärtstrend geführt haben.»

Warum schert Baselland aus?

Im Baselbiet sind die Zahlen weniger alarmierend. Gemäss dem zweiten kantonalen Gewichtsmonitoring bei Kindern und Jugendlichen aus dem Jahr 2010 ist fast jedes fünfte Kind zu schwer (in Basel-Stadt ist jedes vierte Kind betroffen). Hier stellt sich die Frage, weshalb der «ländliche» Kanton bei den Rekrutierungen ausschert - und derart schlecht abschneidet.

Eine Erklärung dafür könnte der fehlende Effort sein. In der Tat sollte die Motivation als bestimmender Faktor nicht unterschätzt werden, wie Kommandant Roland König im Interview bestätigt. Demnach ist in urbanen Gegenden der Wille, bei den Tests möglichst gut abzuschneiden, tiefer als in ländlichen. Das hat wiederum mit der armeekritischen Haltung der Stadtbevölkerung zu tun. Da mehr als die Hälfte der Baselbieter in der Agglomeration lebt, verhalten sie sich in der Rekrutierung als «Urbane» - mit entsprechendem Resultat.

Hinzu kommt, dass die Region Basel gegenüber dem Militär besonders skeptisch eingestellt ist. Das zeigte sich bei der ersten Armee-Abschaffungsinitiative 1989: Sie wies in den beiden Basel ausserhalb der Romandie die höchste Zustimmung auf.

Armee verschliesst die Augen

Wer die Armee nach einer Interpretation der Test-Resultate ersucht, beisst auf Granit. Mehrfach fragte die bz nach den Gründen für das Abschneiden der Basler - ohne Erfolg: Zum Abschneiden von Stellungspflichtigen einzelner Kantone gebe es keinen Kommentar. Punkt.

Es scheint, als müsste auch die «beste Armee der Welt» (Ueli Maurer) in bestimmten Fällen die Waffen strecken. Etwa dann, wenn der Feind unsichtbar ist - und fehlende Motivation heisst.

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