Bilderbuch

Zahlen, aber richtig bitte: Warum Rechnen so wichtig ist

Ein Bilderbuch des Basler Künstlers Hinrich Sachs erklärt, warum wir uns mehr fürs Rechnen interessieren sollten.

Schneller als das iPhone: Die zwölfjährige Kiya ist auf Besuch bei ihrer Verwandtschaft in Ecuador, da gilt es eine Rechenaufgabe zu lösen. Ein Nachbar bietet seine Hilfe an und führt einen komplizierten Tanz auf, an dessen Ende er die Lösung verkündet. Wie funktioniert das?, staunt das Mädchen – und findet sich unversehens auf einer Zeitreise durch die Geschichte der Mathematik wieder, die 600 Jahre vor Christus beginnt.

«Reiseleiter» ist der deutsche Künstler Hinrich Sachs, der das von Katrine Clante bebilderte Jugendbuch «Who Invented One and Zero? A Communal History of Mathematics» verfasst hat. 20 Jahre lang pendelte Sachs zwischen Basel und Hamburg, seit drei Jahren lebt er fest mit seiner Familie am Rhein. Das Büchermachen sei für ihn das «ideale Medium», schwärmt Sachs, der Schulfibeln sammelt.

«Mein Ansatz beim Kinderbuch ist weniger pädagogisch, sondern visuell.» Die Metaebene sei dabei aber immer die Sprache, in diesem Fall Englisch. «Ich wollte beides zusammenbringen, weil ich glaube: Halbwegs gute Kunst erzählt immer eine Geschichte.»

Zeichensysteme für die Bürokratie

Das Thema Mathematik war für Sachs, der sich die Buchhaltung selbst beibrachte, nicht unbedingt naheliegend. «Der Umgang mit Zahlen ist für mich mühevoll, wenn es sich nicht um die Finger an der eigenen Hand handelt.» Bis Sachs beim Besuch einer Inuitgemeinschaft in Kanada eine für ihn faszinierende Entdeckung machte: «Ich erfuhr, dass es bei den Inuit keine Null gibt – und war sehr irritiert.»

Sachs stellte Nachforschungen an und fand heraus, dass die Verwendung von Zahlen auch in Europa nur ein paar Hundert Jahre jung ist – «nicht viel im Vergleich zu 5000 Jahren rechnen». Was zuvor nur Bankiers oder Handwerkern vertraut war, zog erst mit der Einführung der Schulpflicht in den Alltag ein.

Erste Station auf Kiyas Reise sind das alte Ägypten und das Zweistromland. «Es ist ein komplexer Moment in der Kulturgeschichte», erklärt Sachs: «Menschen erfinden mit dem Schreiben und Rechnen Zeichensysteme für Bürokratie und Logistik.» Die verwandten Zeichensysteme trennen sich erst, als Spezialisten sie als Machtinstrumente einsetzen: «Man muss sich dafür nur die Finanzwelt anschauen», so Sachs. «Ich weiss bis heute nicht, wie der Spekulationsmarkt funktioniert, der wird einem einfach aufgedrückt.»

Im Gegensatz zu Mathematikern interessiere er sich für kulturelle Kontexte, sagt Sachs. So stellt er etwa die Wahrscheinlichkeitsrechnung in einen direkten Zusammenhang mit der Eroberung Südamerikas. Dass Kinder von abstrakten Zusammenhängen überfordert sein könnten, glaubt der Autor nicht. «Kultur ist nichts anderes als ein Filter, der sich ständig verschiebt.» Die Quantität des aufbewahrten Wissens steige zwar, nicht aber diejenige des kulturell gelebten Wissens: «Wer kann denn heute noch stricken?»

Es ist kein Schulbuch

Sachs hat das Buch mit Schülerinnen und Schülern der Academia International School Basel getestet. Trotzdem ist es für ihn kein Schulbuch. «Es gibt kein Lernziel, auch wenn sich viel damit lernen lässt.» Zum Beispiel wie sogenannte Smart Toys Kinder bespitzeln und Neugier zu einem Akt des zivilen Ungehorsams werden kann.

Wünscht sich Sachs für die Schüler also mehr Mathematik im Unterricht? «Nein, lieber eine interessantere Ausbildung und weitere Ausrichtung für die Lehrer», erwidert der Künstler. Damit nicht nur für Tests gelernt wird, sondern für die Zeit nach der Schule.

 

«Who Invented One and Zero» ist bei Bider & Tanner erhältlich.

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