Aufregung im Schaulager: «Die Tasche ist riesig», murmelt der Wachmann nervös in sein Headset, «riesengross.» Die Dame mit der fraglichen Handtasche in floraler Optik bekommt von dem Wortwechsel nichts mit. Ihr Missgriff hat zum Glück keine weiteren Folgen: Die Besucherin darf die Lagerräume des Schaulagers trotzdem besichtigen.

«6 Days Open Storage» heisst die Sonderführung, die dieses Jahr anstelle einer Ausstellung während der Art-Woche organisiert wird. «Wir können auch mal nichts tun», schmunzelt Kunstvermittler Andy Blättler, der eine Gruppe von 15 Personen in den ersten Stock des Schaulagers führt und einen dabei beinahe vergessen lässt, dass sich das Institut tatsächlich ein bisschen im Ausnahmezustand befindet.

Von der Galerie aus betrachtet, verstärkt sich der architektonische Eindruck von Parkhaus noch, den man in der leeren Lobby gewonnen hat: Neonröhren überall, kein edles Parkett am Boden, sondern Beton. Und auf dem Beton: Buchstaben und Zahlen zur Orientierung. Parkhaus eben.

Einheitsklima im Bau

An die tausend Kunstwerke werden im Schaulager aufbewahrt, der Gedanke der Vermittlung ist dabei zentral: «Studierende sollen Werke im Original betrachten und danach in der hauseigenen Bibliothek weiterforschen können», erklärt Blättler. Auf drei Stockwerken werden die Kunstobjekte in separaten Räumen aufbewahrt, das kleinste dieser Zimmer misst 28 Quadratmeter, das grösste umfasst ein mehrfaches dieser Fläche.

Der Clou: Die Begebenheiten können den unterschiedlichen Anforderungen angepasst, die Trennwände nach Belieben herausgenommen und versetzt werden. Vor allem aber sind die Werke nicht in Kisten verpackt, sondern werden offen präsentiert – wenn auch oft in einer sehr dichten «Salonhängung». Handelt es sich dabei um die verstörenden Fotografien von Cindy Sherman, wird so ein Raum rasch eng und stickig, atmosphärisch gesprochen. Klimatisch hingegen herrscht in dem ganzen Bau ein Einheitsklima, 20 Grad Celsius bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Der nächste Raum ist grosszügiger bemessen. Am Boden ausgelegt eine Bahn aus grauschwarzen Felsbrocken des britischen Landart-Künstlers Richard Long, an den Wänden Grossformatiges von Cy Twombly. Nicht dass man sich an irgendwelchen Namensschildern orientieren könnte, die Kunstwerke stehen sozusagen für sich selbst. Einzig an andere Museen verliehene Objekte lassen als Platzhalter ihr Nummernschild zurück: Irgendwo hat die Parkhaus-Metapher eben ihre Grenzen.

Man befinde sich hier sozusagen in der «Antike der zeitgenössischen Kunst», erklärt Blättler, sprich in den 1960ern, als neue Materialien wie Stein, Wachs oder Ton Einzug hielten – wohl auch als «Reaktion auf die Unsäglichkeit des Zweiten Weltkrieges», wie der Kunstvermittler meint. Mit dem Zuwachs an neuen Werkmaterialen ergaben sich – konservatorisch gesehen – auch neue Herausforderungen.

Kunst an der Kletterwand

Kunststoffe wie Polyurethan etwa, mit denen Bruce Nauman seine Skulpturen giesst, sind nicht auf Sichtbarkeit oder eine lange Haltbarkeit angelegt. 17 Konservatorinnen und Konservatoren begleiten die Zersetzungserscheinungen der Werke und dokumentieren so die Halbwertszeit künstlerischer Produktionsmittel. Das gilt etwa auch für die altmodischen Drei-Röhrenprojektoren, die stellenweise noch im Einsatz sind und zur Vorführung einzelner Werke dazugehören: Das technologische Medium ist immer auch Teil der Message.

An der nackten Mauer, die sich 28 Meter mächtig durch die drei Stockwerke zieht, kleben Vorsprünge wie Haltegriffe, das Ganze sieht aus wie eine ... «Kletterwand», ergänzt Blättler gut gelaunt und erzählt dazu auch gleich die Geschichte, wie US-Künstler Matthew Barney eine Sportkletterin hinaufkraxeln und eine Hollywood-Stuntfrau wieder abstürzen liess – für eine drei Sekunden lange Videoaufnahme. «Von der Performance sind nur noch die Requisiten übrig.»

Selbst dafür bietet das Schaulager Platz, das zwischen Lager, Museum und Forschungsinstitut changiert. Und das bis Sonntag von allen gratis besichtigt werden kann – auch ohne Auto.