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Wie Roche ein Medikament zur Therapie von Trisomie 21 entwickelt

Jana Noeldeke (45) hat in den nun mehr als 19 Jahren bei Roche unterschiedliche Rollen in der Entwicklung von neuen Medikamenten wahrgenommen. Seit über vier Jahren leitet sie das Down-Syndrom-Projekt.

Jana Noeldeke (45) hat in den nun mehr als 19 Jahren bei Roche unterschiedliche Rollen in der Entwicklung von neuen Medikamenten wahrgenommen. Seit über vier Jahren leitet sie das Down-Syndrom-Projekt.

Der Pharmakonzern Roche ist im Augenblick daran, das Unmögliche wahr zu machen: Forscher stellen eine Pille her, die Menschen mit Trisomie 21 hilft, besser zu leben. Noch steht das Medikament «Basmisanil» in der Testphase.

Wer mit einer geistigen Entwicklungsstörung aufwächst, muss ständig zusehen, wie Andere einen überholen. Die Anderen sind immer schneller, lernen effizienter, können sich allerhand merken und schlau reden. Für Menschen mit Down-Syndrom könnte dieser Nachteil bald Geschichte sein. Der Pharmakonzern Roche versucht, eine Therapieoption für Kinder, junge Menschen und Erwachsene mit Down-Syndrom zu schaffen, die die Lernfähigkeit sowie die Fähigkeit, sich in alltäglichen Dingen zurechtzufinden, verbessert. Wir haben mit der Leiterin des Projekts, Jana Noeldeke (45), gesprochen.

Frau Noeldeke, Down-Syndrom ist keine Krankheit, die man heilen kann. Wie soll die Therapie funktionieren?

Da haben Sie absolut recht. Das dritte zusätzliche Chromosom, das Menschen mit Down-Syndrom haben, kann durch so eine Therapie nicht entfernt werden.

Es gibt im Gehirn aber verschiedene Botenstoffe, die für das Gedächtnis und die Lernfähigkeit wichtig sind. Aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse vermutet man, dass bei Menschen, die eine Trisomie haben, ein Ungleichgewicht an einem Botenstoff, Gaba, vorliegt. Ein Ungleichgewicht eines Neurotransmitters, von dem man annimmt, dass er das Lernen behindert, sehr vereinfacht gesagt, so, als ob jemand im Gehirn stets auf die Bremse treten würde. Das Molekül, das wir entwickelt haben, greift genau hier an, um ein Gleichgewicht wiederherzustellen und somit die Lernfähigkeit zu steigern.

Sie haben den Wirkstoff an Down-Syndrom-Mäusen getestet. Gibt es diese tatsächlich, oder haben sie diese Mäuse gezüchtet?

Ja, wir haben eine genetisch veränderte Maus gezüchtet, die auch eine Trisomie hat.

Und was haben Sie mit den Mäusen gemacht?

Forscher haben zum Beispiel einen Bottich mit milchigem Wasser gefüllt und darin eine Plattform unter der Wasseroberfläche eingesetzt, so, dass man sie nicht sieht. Im Bottich sind unterschiedliche Markierungen angebracht, die zur räumlichen Orientierung dienen. Man setzt eine Maus ohne Trisomie ins Wasser und misst, wie lange sie braucht, bis sie die Plattform erreicht. Wenn man das wiederholt, dann wird die Maus immer besser. Die Down-Syndrom-Mäuse können dies um einiges schlechter. Und werden fast nicht schneller. Bei jeder Wiederholung brauchen sie etwa eine Minute, wohingegen die anderen bloss zwanzig Sekunden benötigen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Bei den Tests gab man den Versuchstieren das Molekül und man hat tatsächlich gesehen, dass die Mäuse es dann genau so schnell lernen, wie die Mäuse ohne Trisomie.

Aber eine Maus ist kein Mensch.

Tests mit Menschen werden erst in einem nächsten Schritt gemacht, sobald man genug Daten im Labor gesammelt hat. Man versucht dabei, herauszufinden, wie das Molekül auf den Körper wirkt und wie der Körper auf das Molekül reagiert. Seit 2010 testen wir unser Prüfmedikament Basmisanil schon in der Klinik und nun auch bei jungen Erwachsenen mit Down-Syndrom. Am Ende dieser Testphase kann man eine erste Aussage treffen, ob das Prüfmedikament wirkt.

Gibt es denn Nebenwirkungen?

Es gibt nichts, das keine Nebenwirkungen hervorruft. Da wir das Medikament aber für Kinder entwickeln, achten wir darauf, dass die Sicherheit und Verträglichkeit des Medikaments besonders hoch sind.

Ich habe in einem Bericht der Zeit gelesen, dass bei den Untersuchungen gewisse Mäuse heftig reagiert haben, mit epileptischen Anfällen und Panikattacken.

Ich vermute, das ist ein Missverständnis. Die Zeit nimmt hier Bezug auf ein ganz anderes Molekül, welches mit unserem Vorhaben nichts zu tun hat.

Das Medikament soll speziell für Kinder entwickelt werden und daher muss das Medikament auch an ihnen geprüft werden. Ist das gesetzlich und ethisch erlaubt?

Aus Sicherheitsgründen geht man stufenweise vor. Zuerst untersucht man junge Erwachsene und tastet sich langsam zu den Kindern vor. Die erste klinische Studie haben wir während sechs Wochen mit 33 jungen Erwachsenen durchgeführt, um vor allem die Sicherheit und Verträglichkeit zu testen. Die Daten hat man den Behörden geschickt und sie um Erlaubnis gebeten, bis zum Alter von 12 Jahren weiter zu forschen. Ganz kürzlich haben wir sogar die Zusage bekommen, bis zur Altersgruppe von sechs Jahren vorzudringen. Diese Studie wird nun in den USA durchgeführt.

Beteiligt sich die Schweiz auch an der Studie?

Nein. Wir haben versucht, die Sprache und den Sinn der Fragebögen homogen zu halten. Die meisten Formulare und Messskalen sind auf Englisch entwickelt worden, deswegen findet die Studie mit Kindern zunächst nur in den USA statt.

Das Medikament verändert die Lernfähigkeit. Wie misst man in diesem Fall Veränderungen?

Lernfähigkeit und Verhaltensveränderungen zu messen ist sehr schwierig. Für Menschen mit Down-Syndrom gab es bisher überhaupt keine etablierten Mess-Skalen. Daher haben wir auch sogenannte «Non-Drug-Studien» mit jungen Erwachsenen und Kindern durchgeführt, um heraus zu finden, was für Tests und Fragebögen angemessen sind und wie viel sich über einen Zeitraum von sechs Monaten auch ohne Therapie verändert.

Das ist bestimmt sehr aufwendig. Jedes Kind hat ein anderes Profil. Wie entwickelt man adäquate Tests? Werden diese Fragebögen auf den Menschen angepasst?

Man kann die Fragebögen nicht an einzelne Menschen anpassen. Die Behörden akzeptieren nur Fragebögen, die einen Durchschnitt so zuverlässig wie möglich abbilden und bei allen Probanden anwendbar sind. Sie sprechen hier eine der grössten Herausforderungen an, die sich bei der Entwicklung dieses Prüfmedikaments stellt. Es ist in der Tat schwierig, Messinstrumente zu finden, die glaubwürdig sind, und die Individualität der Menschen mitberücksichtigen.

Wann darf man Kinder testen, wann nicht? Sie können ja nicht einschätzen, was bei solchen Tests auf sie zukommt.

Bei Kindern entscheiden die Eltern, ob sie an der Studie teilnehmen wollen. In unserer Studie werden aber auch die Kinder gefragt, ob sie mitmachen wollen. Mithilfe von einfachen Cartoons versuchen wir ihnen zu erklären, was auf sie zukommt und fragen, ob sie einverstanden sind.

Wie sehen solche Tests aus?

Stellen Sie sich vor, ich bin diejenige, die mit Ihnen den Test durchführt. Dann zähle ich Ihnen zum Beispiel Zahlen vor, die Sie mir nachsprechen müssen. Ich erhöhe die Schwierigkeit, in dem ich die Zahlen beliebig erweitere. Das gleiche machen wir auch mit Wörtern. Je nach Altersgruppe können sich Menschen mit Down-Syndrom nur drei von zehn Wörtern merken.

Welche Ergebnisse liegen bis jetzt vor?

Wir haben bei den Mäusen gesehen, dass das Molekül kognitiv gut anklingt. Auch die Sicherheit des Moleküls wurde bestätigt. Bislang haben wir sechs Monate lang rund 200 Probanden mit und ohne Down-Syndrom das Prüfmedikament verabreicht. Da konnte jeweils ein gutes Sicherheitsprofil eruiert werden.

Wie wird denn die Sicherheit gemessen? Gibt es da eine Skala von 1 bis 10?

Jede Studie hat eine Placebo-Gruppe, die kein Prüfmedikament bekommt. Man zeichnet alle unerwünschten Reaktionen auf, die Probanden bekommen haben und vergleicht sie mit den Reaktionen, die Probanden zeigten, die das Prüfmedikament genommen haben. So können wir überprüfen, ob sich ein bestimmtes Muster abzeichnet, für das das Prüfmedikament verantwortlich ist. Bei unserem Prüfmedikament Basmisanil hat es ein solches Muster nicht gegeben.

Wie oft nehmen die Probanden das Mittel?

Jeden Tag, zweimal. Morgens und abends über sechs Monate. Das Medikament sollte dann aber über mehrere Jahre eingenommen werden, wenn das Medikament so wirkt, wie wir hoffen.

Wie reagieren Menschen mit Down-Syndrom, wenn Sie ihnen erklären, woran Sie arbeiten?

Ein junger Mann mit Down-Syndrom hat zum Beispiel sofort nach dem Prüfmedikament gefragt, als ich ihm erzählt habe, woran ich arbeite. Ich vermeide aber, den Leuten zu viel zu erzählen, weil ich ihnen keine zu grossen Hoffnungen machen möchte. Elternorganisationen reagieren aber ganz unterschiedlich, manche finden unser Projekt sehr toll; andere finden, dass ihr Kind kein Medikament zur Steigerung der Lernfähigkeit benötigt.

Gab es auch schon Proteste?

Es gab keine Proteste. Vielleicht vereinzelte Stimmen, die sagen, für sie käme eine Therapie überhaupt nicht infrage.

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