Gemeindekunde
Wie Riehen sich vom Bischofsdorf zur Vorortsgemeinde entwickelte

Das «grosse grüne Dorf» Riehen - die Gemeinde war vor der Urbanisierung mehrheitlich von Wald bedeckt - wuchs vor allem aufgrund der Stadtflucht. Anfang 20. Jahrhundert zog es unzählige Stadtbasler nach Riehen.

Tobias Gfeller
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Anfang der 1930er-Jahre rollte der Verkehr erst sehr spärlich auf der Baselstrasse durch Riehen.

Anfang der 1930er-Jahre rollte der Verkehr erst sehr spärlich auf der Baselstrasse durch Riehen.

Zur Verfügung gestellt

Die Beziehung zur Stadt Basel nimmt in den Riehener Geschichtsbüchern einen prominenten Platz ein. Das noch heute zwiespältige Verhältnis begann bereits um 1270, als der Bischof von Basel die grossen Besitztümer in Riehen übernahm. Über seinen persönlichen Stellvertreter - den Landvogt mit Sitz im Zehntenhaus - kontrollierte er sprichwörtlich das Geschehen in Riehen. Holz schlagen, fischen oder jagen war ohne Erlaubnis des Landvogtes verboten. Auch hatten die Leute in Riehen als Untertanen gegenüber dem Bischof einige Pflichten zu erledigen. Obwohl Riehen erst 1522 wirklich an die Stadt Basel überging, vergleichen wohl einige heute noch stadtkritische Einwohner automatisch zur Gegenwart.

Burg ist Ursprung des Wappens

Doch wieso heisst Riehen eigentlich Riehen? Und wieso zieren sechs Steine dessen Wappen? Fragen, die bei einem historischen Blick zurück nicht fehlen dürfen. Es ist wahrscheinlich, dass Riehen seinen Namen in der Zeit der ersten alemannischen Siedlung um 600 nach Christus erhielt. Ein wichtiger Alemanne war damals nämlich Riocho oder Reocho. Vermutlich wurde das heutige Riehen aufgrund von ihm damals auf den Namen Riochheim oder Reochheim getauft. Exakte Namen sind nicht überliefert. Daraus wurde später über mehrere Umwege eben Riehen.

Das etwas spezielle Wappen der Gemeinde zeigt nach den 1948 getroffenen Beschlüssen des Weiteren Gemeinderates (heute Einwohnerrat), der Bürgerversammlung und des Regierungsrates einen dreistufigen, in blauem Feld frei schwebenden Treppengiebel, gebildet aus sechs liegenden weissen Steinen. Das Gemeindewappen ging aus dem Wappen der Adelsfamilie von Riehen hervor. Aus einer Burg entstand eine Mauer, daraus die heutigen Treppengiebel. Die mittelalterliche Familie Üsenberg gab der Gemeinde die Farben blau und weiss.

Stadtflucht brachte Einwohner

Bevor sich das Gebiet Riehen urban entwickelte, war es grösstenteils von Wald bedeckt. Daran erinnern noch heute Bezeichnungen wie Pfaffenloh, Niederholz und Lange Erlen. Noch heute geniesst Riehen das Image des grossen grünen Dorfes. Die heutige Grösse erlangte Riehen weder durch die Fruchtbarkeit der eigenen Bevölkerung noch durch die Industrialisierung, wie das in anderen Gemeinden der Fall war, sondern durch die massive Zuwanderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Basel. Es entstanden Villen, Genossenschaftsbauten, Einfamilienhäuser und Wohnblöcke.

Die für Riehen typische gemischte Bevölkerungsstruktur hat ihren Ursprung ebenfalls in der Zuwanderung aus der Stadt. Von 1850 bis 1960 verzwölffachte sich die Riehener Bevölkerung. Seit 1965, als bereits der 20'000. Einwohner in Riehen gefeiert wurde, hat sich eine gewisse Sättigung eingestellt. Der Richtplan von 1975 ging noch davon aus, dass in Riehen einmal gegen 33'000 Einwohner leben werden. Schon bald zeigte sich, dass die Zahl massiv korrigiert werden musste. Heute leben knapp 21'000 Einwohner in Riehen.

Viele Vorteile, fast keine Nachteile

Die Riehener Wirtschaft ist geprägt von Gewerbe und Handel. Eine nennenswerte Industrialisierung fand nicht statt, grössere Fabriken fehlen. Schon früh zeichnete sich daher Riehen als beliebter Wohnort aus. Das Dorf vereinigte einige Vorteile mit dem Fehlen von anderenorts antreffenden Nachteilen. Zu den Vorteilen zählten schon die früh die Nähe zur Stadt, die landschaftliche Schönheit und das noch heute oft kolportierte «Sozialprestige» der Wohnlage. Lärmende Flugzeuge, Züge und Autostrassen fehlen im Vergleich zu anderen Gemeinden in der Agglomeration von Basel.

Um 1900 entwickelte sich in Riehen ein neues Kennzeichen für das Dorf: die Villen. Die Hügellandschaft zog solvente Kräfte aus Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft an. Die Villen dehnten sich über die Bettingerstrasse, Wenkenstrasse und Burgstrasse und erreichten später die schönsten Aussichtspunkte des Gemeindegebietes. Dass Riehen kein reines Villendorf wurde, lag am Mittelstand und an Arbeitnehmern, die sich ebenfalls im Dorf niederliessen.

Durchgangsverkehr als Laster

Doch ganz problemlos verlief das Leben in Riehen nicht. Schon früh störte der rege Durchgangsverkehr die Anwohner. Mitschuldig daran war auch die wirtschaftliche Entwicklung. Die Industrialisierung im hinteren Wiesental führte dazu, dass Riehen von immer mehr Pendlern durchquert wurde. Mit der Eröffnung der Zollfreistrasse vor zehn Tagen ist ein weiterer Schritt in Richtung Verkehrsentlastung getan. Doch die Verkehrssituation ist in Riehen nach wie vor eines der Themen, das in der Bevölkerung am meisten polarisiert.

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