Eugen Onegin
Wherlock inszeniert Puschkin - «Eugen Onegin» ist ein zu grosser Brocken

Am Theater Basel wurde Richard Wherlocks Ballett «Eugen Onegin» nach Alexander Puschkins Versroman uraufgeführt. Trotz vieler optischer Reize vermisst man ein wenig die Strahlkraft. Der Inszenierung fehlen klare dramatische Strukturen und feine Charakterzeichnungen.

Elisabeth Feller
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Erste Begegnung in der Bibliothek: Eugen Onegin (Jorge Garcia Pérez, links) und Tatjana (Ana Lopez).

Erste Begegnung in der Bibliothek: Eugen Onegin (Jorge Garcia Pérez, links) und Tatjana (Ana Lopez).

Ismael Lorenzo

Eugen Onegin ist ein gelangweilter Städter, Erbe eines Landsitzes, Frauenvernascher und -verachter. Die blutjunge, in Liebe zu ihm entbrannte Tatjana lässt er eiskalt fallen. Jahre später ist aus dem Mann ohne Leidenschaften ein Bittsteller geworden, der von Tatjana abgewiesen wird. Diese dunkle Geschichte erfährt durch den von Onegin verschuldeten Duell-Tod des Freundes Lenski vollends eine schwarze Färbung. Nicht verwunderlich, dass Alexander Puschkins Versroman auch als Oper von Peter I. Tschaikowski und als Ballett von John Cranko das Publikum packt.

Der Kammerdiener als Schatten

Cranko hat sich 1965 an den Stoff gewagt und ihn für das Stuttgarter Ballett choreografiert. Sein Werk ist ein Klassiker des Handlungsballetts. Wer sich an eine Neuversion wagt, hat es schwer. Basels Ballettdirektor Richard Wherlock hat sich bei Verwendung literarischer Stoffe allerdings stets als mutig erwiesen. Deshalb schreckt er auch vor Puschkins «Onegin» nicht zurück, den er auf den Titelhelden, Lenski, Tatjana und Schwester Olga Larin konzentriert.

Aber da gibt es noch eine weitere Figur: Onegins Kammerdiener (Diego Benito Gutierrez). Wie ein Schatten folgt dieser seinem Herrn. Onegins Gesten und Schritte erfolgen beim Schatten spiegelbildlich, was anfänglich zwar reizvoll ist, mit der Zeit aber – da vorhersehbar – an Strahlkraft verliert. An dieser mangelt es diesmal über weite Strecken, obwohl mit optischen Reizen – Videos – nicht gegeizt wird. Was aber fehlt, sind klare dramatische Strukturen und feine Charakterzeichnungen.

Bei Wherlock setzt die Geschichte mit einem Ball ein. Onegin (Jorge Garcia Pérez) nimmt daran seltsam unbeteiligt, ja angeekelt teil. Mehrmals weist er den Brief seines Kammerdieners zurück, bis er diesen endlich öffnet: Danach nimmt die Handlung Fahrt auf. Onegin reist ab, stösst auf dem Landgut seines verstorbenen Onkels vorerst auf die Bediensteten. Stühle und Badewanne werden herbeigeschleppt – es ist ein einziges Kommen und Gehen. Mitten in das tolle Treiben platzt ein Trauerzug mit Männern, die einen Sarg auf ihren Schultern tragen. Die Ausgelassenheit versiegt – aber nur für einen Moment, dann geht sie weiter.

Aufgesetzte Ausgelassenheit

Natürlich will Wherlock dem Ensemble Gelegenheit geben, sich in Gruppentänzen zu präsentieren. Doch wenn die Ausgelassenheit derart aufgesetzt ist wie hier, verpufft die beabsichtigte gegensätzliche Wirkung im Hinblick auf eine trauernde Familie. Diese Ensemble-Szene steht stellvertretend für weitere Szenen, die sich nicht organisch in die Handlung fügen, sondern isoliert dastehen. Umso stärker stehen Onegin und Tatjana im Fokus. Ihre erste Begegnung findet in der Bibliothek statt. Bühnenbildner Bruce French setzt der leeren Fläche im Vordergrund einen Horizont mit dem Bild überdimensionierter Bücher entgegen (Symbol für Tatjanas riesige Erwartungen?) – später ersetzt er die Bücher durch eine leicht verfremdete Naturlandschaft.

Diese Begegnung ist eine Schlüsselszene mit einem von Wherlocks unverkennbaren Pas de deux: Jähe, abgewinkelte Handbewegungen, blitzschnelle Hebungen und Drehungen sowie ausgreifende Schritte, die Kraft und Zartheit verraten. Jorge Garcia Pérez und Ana Lopez tanzen diesen Pas de deux – spannend, weil Wherlock hier der Faltenwurf grosser Gefühle gelingt. Nichts wirkt gekünstelt; alles ist auf die Musik von Tschaikowski abgestimmt, die Wherlock aus diversen Kompositionen zusammengestellt hat (Dirigat: David Garforth).

Doch es ist, als ob der Choreograf dem Stoff nicht traute. Immer öfter «illustriert» er die Noten der Partituren. Das Ende mit Onegin und dessen Kammerdiener steht hierfür beispielhaft: Zum Fatum «Poème symphonique» taumeln die Tänzer über die Bühne. Ihre Gesichter und Bewegungen erscheinen riesig vergrössert auf der Videowand – jede musikalische Aufwallung erfährt eine gestische Steigerung. Das ist zu viel. Die Figuren gewinnen so nicht an Tiefenschärfe, sondern wirken nur noch platt. Schade.