Basler Künstlerin

Wer war Betha Sarasin?

Der Journalist Markus Ganz würdigt mit einem einzigartigen Buch eine wenig bekannte Basler Künstlerin.

1982 besucht der junge Journalist und Musiker Markus Ganz das Festival für digitale Kunst Ars Electronica in Linz um für den Tagesanzeiger darüber zu berichten. In der Jury für den grossen Preis fällt ihm eine energische Frau auf: Betha Sarasin, Künstlerin, Wahlbaslerin, sprühend vor Energie. Die beiden kommen ins Gespräch. Sie bevorzuge organischere elektronische Musik!, ruft sie aus. «Kann ich dir geben», sagt Ganz. Sie sagt: «Zack, mache mer.»

Es ist der Beginn einer über 30-jährigen, tiefen künstlerischen Verbundenheit zwischen dem damals 21-jährigen Musiker und der 52-jährigen Künstlerin.

Kaum ein Jahr nachder ersten Begegnung reisen die beiden nach China und kommen mit einer Projektidee zurück: Ein multimediales Buch über Fabelwesen, die eine «Reise zu den Seen» antreten, eine Mischung aus Science Fiction-Roman, Kunstbuch und Musikprojekt. Auf Deutsch, Englisch und Chinesisch. Geschrieben von beiden, illustriert von Sarasin. Dazu Musik von Ganz, ergänzt von Sarasin und produziert vom Yello-Mitgründer Carlos Perón. «Ein verrücktes Spinnen von Ideen, eine Art Ping-Pong-Spiel», nennt Ganz ihre Zusammenarbeit, «im Wesen sehr Chinesisch.» Keine Zweifel, sondern Taten.

Symbiotische Zusammenarbeit: Sarasin und Markus Ganz, 1988.

Symbiotische Zusammenarbeit: Sarasin und Markus Ganz, 1988.

Freude am pompösen Auftritt

Das 1988 erschienene Buch ist ein Schlüsselwerk, wenn es darum geht, diese Freundschaft, vor allem aber diese Künstlerin zu verstehen. Betha Sarasin ist 1930 in Aarau geboren, da heisst sie noch Baumberger und verkleidet sich gern, inspiriert von ihrer Mutter, die im St. Moritz der 20er Jahre in der Modeszene unterwegs war. Die kleine Beth übernimmt von ihrer Mutter die Freude am pompösen Auftritt – und am künstlerischen Ausdruck.

Nach ihrem Schulabschluss zieht Beth nach Basel, wo sie an der Kunstgewerbschule studiert und Illustratorin wird. Die folgenden Jahre arbeitet sie für Luftfahrt-, Post- und Liegenschaftskonzerne. Mit 21 heiratet sie den Radiojournalisten Peter Wyss. Mit ihm öffnet sich Betha ein erster Zugang zur künstlerischen Avantgarde, in der sie sich sofort zuhause fühlt. Sie arbeitet auch als Modereporterin für verschiedene Zeitschriften in Rom und Florenz. Noch ist sie ganz die Dienstleisterin, die Arbeiten ausführt und nicht aus sich heraus entwickelt.

Das ändert sich, als Betha 1957 Teff Sarasin kennenlernt. Ein Spross der wohlhabenden Basler Unternehmerfamilie, der als Architekt und Bildhauer arbeitet. Zwischen den beiden entspinnt sich eine innige und künstlerisch kreative Liebesbeziehung. Das Paar heiratet 1961 und arbeitet fortan gemeinsam an Projekten. Betha gestaltet die Innenräume, die ihr Ehemann konzipiert, sie entwirft Kirchenscheiben für Sakralbauten und Kunstwerke, die in Museen, Galerien und Banken hängen.

In Venedig legt sich das Paar einen Zweitwohnsitz zu, Betha beginnt mit Muranoglas zu arbeiten, designt mit Teff Glaselemente für Grossleuchter und schafft eigenwillige Glasskulpturen. Glas sagt ihr zu, es enthüllt Verborgenes, schafft Klarheit und eine Transzendenz, die sich in ihrem Werk immer wieder bemerkbar macht. Betha Sarasin will hinter die Strukturen blicken - hinter jene Strukturen, die um sie herum bestehen, zu denen sie sich nicht zugehörig fühlt. Sie hat eine Faszination für den Würfel, für geometrische Gesetzmässigkeiten, für Ordnung, die die sie immer wieder bricht, umdeutet, unterwandert. In den Siebzigerjahren schreibt sie: 

Sie schafft Skulpturen, Malerei, Zeichnungen, Sprayereien. Ihre Arbeit ist in höchstem Masse vielseitig und persönlich, ein Offenlegen von Schmerz und Langeweile. «Die zwei Dinge, die sie ihr Leben lang geprägt haben», sagt Ganz. Schmerz und Langeweile. Schon in den Sechzigerjahren leidet Sarasin unter chronischen Schmerzen und nimmt starke Medikamente. Ihre Werke sind Abbilder einer getriebenen, furchtlosen Frau, die trotz physischer Schmerzen einen unersättlichen Lebenshunger verspürt. Feste Pinselstriche, wilde, gesprayte Linien. Zufriedene Frauengesichter, bunte Farbflecken. Und trotz Wildheit immer eine unterliegende Struktur, eine Ahnung von unausweichlicher Ordnung.

Finden und Suchen

All das findet in «Die Reise zu den Seen» zusammen. Die Erzählung der Fabelwesen, die sich auf einer Reise befinden und am Ende begreifen, dass das Suchen der Weg ist, nicht das Finden, kombiniert mit Illustrationen und Musik, ist gleichsam die Geschichte von Markus Ganz und Betha Sarasin. Zwei Menschen, die sich gefunden haben und zusammen weitersuchen.

2012 wollen Ganz und Sarasin ein neues Projekt anreissen, es soll eine Weiterführung der Reise zu den Seen sein. Als Sarasin 2016 an den Folgen ihres chronischen Leidens stirbt, beschliesst Ganz, aus dem Buchprojekt eine Hommage an Betha Sarasin zu machen. Entstanden sind knapp zweihundert Seiten, bepackt mit Werken von Sarasin und einer neuen Geschichte der Fabelwesen, viele Gedankenspiele, eine Spinnerei. Ganz ist mit dem neuen «Zurück zu den Seen» (Reinhardt Verlag) die Hommage gelungen: Das wiederum dreisprachige Buch ist im Wesen nicht nur Chinesisch – es ist im Wesen Betha Sarasin.

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