Diskussion
Wenn die Geschichte der Kantone zu einer Last wird

Zwei Historiker aus Stadt und Land suchten Perspektiven für die beiden Basel. 1938 haben die beiden Halbkantone einer Wiedervereinigung zugestimmt, doch der Rest der Schweiz lehnte das ab. Ein historischer Fehler, wie die Historiker meinen.

Nicolas Drechsler
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Diskussion zur Wiedervereinigung: Historiker Georg Kreis (re) und SP-Landrat und Historiker Ruedi Brassel (mi), Leitung Roger Ehret (ganz li).

Diskussion zur Wiedervereinigung: Historiker Georg Kreis (re) und SP-Landrat und Historiker Ruedi Brassel (mi), Leitung Roger Ehret (ganz li).

Kenneth Nars

«Diese Frage will ich nicht mehr beantworten, ich finde wir sollten endlich die Hülftenschanze verlassen», sagte der Basler Historiker Georg Kreis nach der Hälfte der Diskussionszeit. Er wolle nun endlich nicht mehr über eine Schlacht, sondern über die Entwicklung der beiden Basel nach 1833 diskutieren; über Lösungsansätze und ihr Scheitern und über Lehren der Geschichte für die Gegenwart. Sein Gegenpart, SP-Landrat und Historiker Ruedi Brassel aus Pratteln pflichtete ihm bei.

Der Diskussionsleiter des Podiums zur Wiedervereinigung in der Basler Stadtbibliothek, Roger Ehret, musste sich geschlagen geben. Und damit ist auch klar, wo der Knackpunkt in den Diskussionen um eine Fusion der beiden Basler Halbkantone zu suchen ist: in der Geschichtsbetrachtung.

Nicht in Geschichte verharren

Brassel und Kreis – als Historiker beide unverdächtig, die Geschichte zu kurz kommen zu lassen – wollen aus dem Kreislauf von Schuldzuweisungen ausbrechen. «1833 wütete ein Bürgerkrieg mit Greueltaten auf beiden Seiten», betonte Brassel. Zustimmendes Nicken beim unerwartet grossen Publikum, das die Bestuhlungskapazitäten des Schmiedenhofs sprengte.

Die Experten versuchten, Wege zu zeigen, wie man aus der Geschichte Lehren für heute ziehen könne. Vor allem aber auch, wie man die emotionale Diskussion aus dem Bauch in den Kopf verlagern könnte. Und dazu müsse man einen Teil der Geschichte eben auch ruhen lassen, meinte Brassel. Kreis dagegen sieht auch Potenzial für die Fusionsbefürworter auf der Gefühlsebene: «Es ist nicht das Monopol der wütenden Menschen, sich auf Emotionen zu berufen.»

Es gibt positive Bauchgefühle

Man sehe schliesslich beim FCB, bei Roger Federer und «Voice of Switzerland»-Gewinnerin Nicole Bernegger, dass ein Gemeinschaftsgefühl über die Halbkantonsgrenze hinaus rasch entstehen und auch rasch wieder verschwinden könne. Der historische Rückblick zeigt, wie schnell der Wind in der Diskussion um das Verhältnis zwischen Basel und Liestal kehren kann: 1798 standen die Freiheitsbäume auf dem Münsterplatz, 1833 aber wurden sie in Liestal errichtet und die Städter waren wieder auf der Seite des Ancien Régime. Sie unterdrückten nun die Freiheitsbestrebungen der Bauern.

«Historischer Fehler»

1938 hatten beide Halbkantone einer Wiedervereinigung zugestimmt. «Da beging der Rest der Schweiz einen historischen Fehler, indem er diesen Zusammenschluss verbot», analysierte Kreis. Ob man aus dieser bewegten Geschichte lernen könne, fragte Ehret und Brassel antwortete: «Natürlich! Die Frage ist: was?»

Ob es der Region mit einer Wiedervereinigung besser gehen würde, wollte Ehret wissen. Brassel entgegnete, das sei möglich, aber der Region gehe es bereits hervorragend. Für Kreis liegt die Chance vor allem in der Ausarbeitung der neuen Verfassung: «Das kann einen Erneuerungs-Schub geben, von dem alle profitieren würden.» Beide liessen durchblicken, verlieren könne man eigentlich nichts.

Zukunft gemeinsam gestalten

«Wir sollten gemeinsam unsere Stärken stärken», meinte Brassel. Darum werde er am kommenden Freitag dabei sein, wenn die Fusionsinitiative in Basel und Liestal eingereicht werde. Einer Übergabe der 7500 Unterschriften auf der Kantonsgrenze hätte die Basler Staatskanzlei zugestimmt. «Über die Reaktion der Landeskanzlei in Liestal äussere ich mich besser nicht.»