Es muss ganz offensichtlich eine Faszination der männlichen Spezies gegenüber dem Baum geben. Anders kann man sich seine Mühen mit diesem Stück Natur kaum vorstellen.

Der eine zieht die benadelten Bäumchen jeweils kurz vor Weihnachten durch die Kamine der Welt, der andere schwingt sie am Vogel Gryff den Kindern um die Ohren, der dritte hat sie vor Jahren bei der Fondation Beyeler in Tücher gewickelt und gekonnt verschnürt und der aktuellste – William Forsythe – schüttelt sie.

Neue Impulse für Baumpfleger

Am Montag hatte der Meister persönlich betont, dieses Schütteln wirke wie eine Massage und würde die Bäume nicht nur besänftigen, sondern auch entspannen. Damit hat er alle verängstigten Passanten, die sich bereits an das grosse Erdbeben von 1356 erinnert fühlten und alle Leserbriefschreiber beruhigt.

In helle Panik versetzt hat er hingegen ein paar nistende Tauben und einen Schwarm Spatzen, die sich nun in Vorfreude auf das nahende Basel Tattoo, tschilpend auf der Kasernenmatte niedergelassen haben. Erik Julliard und die ornithologische Gesellschaft sollen sich bereits auf tschilpfreie Zeiten verständigt haben.

Und William Forsythe, er hat zusammen mit seinen Assistenten die Klänge des «Harlem Shake» von Harry Rodrigues rhythmisiert und lässt sie über einen dazwischen geschalteten Rüttelapparat auf die Bäume beziehungsweise auf die einzelnen Äste los.

Es sind keine grobschlächtigen Zwangsjacken wie sie für das Herunterschütteln von Mandeln oder Oliven verwendet werden, sondern subtile Armbänder, welche die einzelnen Äste verzieren.

Die gesamte Installation nennt Forsythe «Aviariation», eine Kombination aus dem englischen Wort «Aviary» für Voliere oder Gehege und dem Begriff Variation, ist also eine Volierenvariation für Stadtvögel.

Da stehen nun also die Kastanienbäume auf der Plattform unterhalb des Tinguely-Brunnens und zittern mit diesem um die Wette.

Erstaunte Passanten

Und die Passanten, sie stehen und sitzen zwischen den Bäumen und rauchen, reden, lesen oder träumen von einem vergreisten Wettergott, der die Jahreszeiten durcheinander gebracht hat. Und einige von ihnen starren in die grünen Blätter und zucken plötzlich zusammen.

Sie schauen nochmals und richtig, vor ihren Augen hatte ein einzelner Ast gezittert. Nicht wie im Sturm oder bei Eiseskälte, nein es ist ein nervöses, ein hysterisches Zittern, eine völlig atypische Bewegung, wie meine Begleiterin meinte, der Baum werde dadurch zu einem neuen Körper, mehr noch er werde zu einem Tier, ähnlich einem Vogel, der sich plötzlich aufplustert.

Nein, es erinnert nicht an die elegischen Bewegungen der Schwäne im See, im gleichnamigen Ballett von Tschaikowsky, es erinnert an Figuren, die einer impulsiven Choreografie folgen und dazu vernimmt man das Wispern der Blätter, wie wenn Zikaden in den Bäumen wohnen würden.

Meine Begleiterin fühlte sich bei diesen abrupten und nervösen Bewegungen an die hysterischen Figuren in den Tanztheatern von Pina Bausch erinnert. So einfach ist das Leben, einige Bäume zittern ungewohnt und schon treibt die Fantasie ihre wunderschönsten Blüten. William Forsythe ist also so was wie unser sommerlicher Weihnachtsmann. Bill, wir wünschen uns noch den Sommer.