Baselbieter Schriftsteller
Weltkriegsjahr 1914: Carl Spitteler rief in der Schweiz zu strikter Neutralität auf

Genau gestern vor 100 Jahren erhielt der Baselbieter Schriftsteller Carl Spitteler den Literatur-Nobelpreis überreicht. Dies geschah allerdings in seiner Abwesenheit. In den letzten 50 Jahren geriet der Schriftsteller etwas in Vergessenheit.

Martin Stohler*
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Im Alter sah Spitteler in seinen Kindheitsjahren im Baselbiet die prägendsten Jahre seines Lebens.

Im Alter sah Spitteler in seinen Kindheitsjahren im Baselbiet die prägendsten Jahre seines Lebens.

bz-Archiv

Der 10. Dezember 1920 war ein grosser Tag für Carl Spitteler. An jenem Tag wurde ihm der Literatur-Nobelpreis für das Jahr 1919 überreicht. Allerdings konnte der bejahrte Dichter aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stockholm reisen und den Preis persönlich entgegennehmen. Dass er in früheren Jahren mehrmals für den Preis nominiert worden war und diesen schliesslich auch erhielt, verdankte er nicht zuletzt dem mit ihm befreundeten Germanisten und Editionswissenschaftler Jonas Fränkel (1879–1965).

Fränkel motivierte, wie Rea Köppel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dichter- und Stadtmuseums Liestal in ihrem Beitrag zum Sammelband «Quellen und Forschungen zu Carl Spitteler – 100 Jahre nach dem Literaturnobelpreis» zeigt, ab 1912 wiederholt diverse Professoren dazu, den Schweizer Dichter mit Baselbieter Wurzeln für den renommierten Preis zu nominieren.

Nachdem dies zunächst nicht den erhofften Erfolg brachte, wurde Spitteler 1920 schliesslich rückwirkend für das Jahr 1919 der Literatur-Nobelpreis zugesprochen. Dabei half auch, dass im fünfköpfigen Nobelpreiskomitee, dem vorberatenden Ausschuss der Schwedischen Akademie, mit Erik Axel Karlfeldt ein begeisterter Spitteler-Leser sass. Rückwirkend wurde der Preis deshalb ausgesprochen, weil die Schwedische Akademie im Jahr zuvor zum Schluss gekommen war, dass keiner der für den Preis nominierten Schriftsteller den Kriterien des Nobelpreises genügen würde und auf eine Preisverleihung verzichtet hatte.

In den letzten 50 Jahren in Vergessenheit geraten

Trotz der Auszeichnung durch den Nobelpreis geriet Spitteler in den letzten 50 Jahren allmählich in Vergessenheit und war schliesslich nur noch einem kleinen Kreis bekannt. Wenn dieser Kreis heute wieder grösser geworden ist, so ist das einer Reihe von Feierlichkeiten und Veranstaltungen zu verdanken, mit denen im letzten Jahr an den Literatur-Nobelpreisträger von 1919 erinnert wurde.

Der von Stephan Schneider herausgegebene Sammelband dokumentiert einige dieser Anlässe. So enthält er etwa die Reden, die an der grossen Liestaler Spitteler-Feier vom 4. April 2019 gehalten wurden, darunter auch die Würdigungen durch Bundesrat Alain Berset und den Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn. Ebenfalls aufgenommen wurden die Reden, welche die Autorin Gisela Widmer und der Literaturwissenschaftler Peter von Matt am 14. September 2019 an einem Festakt in Luzern vortrugen, wo Spitteler von 1892 bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1924 residierte.

Nicht dokumentiert sind leider die Spitteler-Feierlichkeiten von La Neuveville, wo Spitteler von 1881 bis 1885 unterrichtet hat. Neben den genannten Würdigungen enthält der Sammelband eine ganze Reihe von Beiträgen, die uns Spittelers Persönlichkeit und die Eigenheiten seines künstlerischen Schaffens näherbringen und besser verständlich machen.

Seine Erzählungen sind nicht immer leicht zugänglich

Im Alter sah Spitteler in den Jahren seiner Kindheit in Baselland die prägendste Zeit seines Lebens, wie Hans Rudolf Schneider anhand Spittelers Büchlein «Meine frühesten Erlebnisse» aufzeigt. Dazu passt, dass sich Spitteler ein Leben lang mit Liestal, Waldenburg und Bennwil, der Heimatgemeinde seines Vaters, verbunden fühlte.

Als Dichter ist Spitteler für uns heutige Leserinnen und Leser nicht immer leicht zugänglich. Sein Epos «Olympischer Frühling» ist nicht nur wegen seiner Versform gewöhnungsbedürftig. Im Labyrinth seiner verschlungenen Erzählungen kann man leicht die Orientierung verlieren. Da ist man froh über den knappen Überblick über die Haupthandlung, den man im Beitrag von Walter Sigi Arnold findet.

Zum besseren Verständnis von Spittelers Erzählstrategien tragen auch Roger Scharpfs Ausführungen über Spitteler als Erzähler bei. Eine weitere Seite von Spittelers Kunstempfinden zeigen die Beiträge von Ueli Gisi und Dominik Riedo über Spittelers Liebe zur Musik.

Der Dichter, der plötzlich doch politisch Stellung bezog

Spitteler sah sich in erster Linie als Dichter. Anders als sein Vater strebte er nie politische Ämter an. Im Weltkriegsjahr 1914, als unterschiedliche Sympathien für die kriegsführenden Nationen Deutschland und Frankreich zu Spannungen zwischen der deutschen und der französischen Schweiz führten, fühlte sich Spitteler jedoch genötigt, politisch Stellung zu beziehen. In seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt» rief er die Miteidgenossen zum nationalen Zusammenhalt und zu strikter Neutralität auf.

Mit Georg Kreis und Laurent Goetschel sowie Alain Berset und Ueli Maurer setzen sich neben einem Historiker und einem Politikwissenschaftler auch zwei Bundesräte mit dieser aussergewöhnlichen politischen Intervention Spittelers und ihrer Bedeutung auseinander. Einen speziellen Blick auf Spittelers Rede wirft zudem der Historiker Thomas Schweizer, der sich mit ihrer «Vorgeschichte in der Romandie» befasst.

Diverse Künstler wurden von seinen Werken inspiriert

Carl Spitteler vermochte auch bildende Künstler zu inspirieren. Walter Eglin (1895–1966) griff in mehreren Werken den Sonnenwagen und den «Allerbäumebaum» aus dem «Olympischen Frühling» auf, und August Suter (1887–1965) liess sich bei seinem monumentalen Liestaler Spitteler-Denkmal durch den «Prometheus» inspirieren.

Suters Denkmal, das auf einer Wiese an der Rheinstrasse in der Nähe des Kantonsspitals steht, sind drei Texte gewidmet. Darin liest man, wie es zur Stiftung des Denkmals kam, wie der Bildhauer August Suter die ihm gestellte Aufgabe löste und wie sich das 1931 eingeweihte Denkmal im Jahr 2018 dem Restaurator präsentierte.

Das anregende und schön illustrierte Buch ist als Band 100 der im Jahr 1952 begründeten Reihe «Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft» erschienen, womit der Verlag gleich ein doppeltes Jubiläum feiert.

Literatur

Stephan Schneider: Quellen und Forschungen zu Carl Spitteler. 100 Jahre nach dem Literaturnobelpreis. Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2020. 288 Seiten, 27 Franken. www.kbl.ch

*Der Autor ist Altphilologe und Historiker und hat bereits mehrfach zu Carl Spittelers Werk publiziert.