Kaserne Basel

Was wollen wir genau, wenn wir Familie wollen?

«What Is Human», das neuste Stück von Fleischlin/Meser, wird in der Kaserne Basel uraufgeführt. Es stellt die Frage, was Familie eigentlich ist.

Alle haben eine, obwohl niemand danach gefragt wurde, ob er eine will: eine Familie. Auch wenn wir uns gerne als autonome, freiheitlich bestimmte Wesen sehen, unsere Herkunft können wir nicht wählen. Sie ist der unfreiwillige Ausgangspunkt in unserer Biografie. Interessanterweise ist die Idee des freien Individuums gleichzeitig mit der Idee der bürgerlichen Familie entstanden. Also vor etwa 200 Jahren.

Seither gilt die Familie idealerweise als Hort des solidarischen, liebevollen Zusammenlebens, das mit dem Vater als Oberhaupt trotzdem hierarchisch organisiert ist. Dieses bürgerliche Modell ist seit gut einem halben Jahrhundert in Auflösung begriffen, oder zumindest hat es Konkurrenz durch andere Modelle erhalten.

Was meinen wir im Jahr 2020 genau, wenn wir Familie sagen? Das Projekt «What Is Human» des Basler Performance-Duos Fleischlin/Meser ist eine Recherche zu dieser Frage.

Eine Sammlung von Familiengeschichten

Dass die einstmals als Hort der Liebe gedachte Familie auch die Hölle sein kann, wird gleich zu Beginn des Stücks klar. Eine junge Frau erzählt auf einem roten Sofa sitzend von einer Kindheit, in der sie weder Kleidung, noch Frisur, noch die Farbe des Zimmers, noch irgendwas anderes selbst wählen konnte.

Bereits als Vierjährige wurde sie magersüchtig. Sich aus diesem Familiengefängnis zu befreien, war ein langer Weg. Dass die junge Frau nun auf einer Bühne ihre Geschichte erzählt, gehört mit zum Prozess der Selbstfindung.

Beatrice Fleischlin und Anja Meser haben neun Menschen auf dieses Sofa eingeladen, um von ihrer Familie zu erzählen. Die Regisseurinnen selbst tun es am Ende dieses dokumentarischen Abends auch. Zuvor hören wir den jungen Migranten, der sich nichts anderes wünscht, als sein Leben so leben zu können, dass er es auf dem Sterbebett nicht bereut.

Oder die Mutter von Beatrice Fleischlin, achtzigjährig, Frau eines Schweinezüchters in Sempach, Mama von neun Kindern. Oder den jungen Mann, für den seine 16 Mitbewohner und -bewohnerinnen in einem besetzten Haus Familie sind.

«Maximale Zärtlichkeit für alle»

Oder die Journalistin, Kind des deutschen Wirtschaftswunders, katholisch aufgewachsen, inklusive Ballettschule, und dann, so schnell es ging ausgebrochen. Als Kriegsreporterin in Nicaragua und Kolumbien, als Umweltschützerin im Amazonas, als Journalistin in Brasilien hat sie versucht, nach der Devise «maximale Zärtlichkeit für alle» zu leben. Ist jedoch gescheitert. Irgendwann habe sie festgestellt, dass sie ihre Lebensgefährten immer so ausgesucht habe, dass der patriarchale Vater sich über die potenziellen Schwiegersöhne ärgert.

Oder da ist die Ägypterin, vor neun Jahren mit Mann und Kindern aus Kuwait nach Basel eingewandert, wo sie ihr Medizin- und Psychologiestudium abschloss. Sie leidet nun daran, dass ihr ältester Sohn nach London ausgewandert ist. Kinder haben bedeutet irgendwann auch loslassen können.

Am Ende dieses kurzweiligen Erzählreigens sitzt die Performerfamilie auf dem Sofa, tanzt und lädt danach das Publikum auf die Bühne. Dort kann es über Videos und Briefe weitere Familiengeschichten kennen lernen und, so die Aufforderung der Künstlerinnen, selbst ein Stück Familiengeschichte in diesem Archiv hinterlassen.

Die Freiheit aber bleibt unberechenbar

Die meisten dieser biografischen Erzählungen handeln nicht bloss von Familie, sondern auch von Freiheit. Für die Journalistin, die junge Frau oder den jungen Mann, aber auch für Beatrice Fleischlin und Anja Weser selbst ist Familie ein Konstrukt, das den eigenen Wünschen und Lebensentwürfen eher widerspricht, als dass es diese fördert. Die Familie der Herkunft muss zuerst dekonstruiert werden, bevor eine Wahlfamilie ge- und erfunden werden kann.

Mittlerweile habe sie, so Fleischlin im Gespräch, ihre Familie selbst erfunden: Es sind die künstlerischen Weggefährtinnen, Freunde und Freundinnen und auch ein paar wenige echte Familienmitglieder, die zur Wahlfamilie gehören, bunt, queer, durch alle Generationen.

Damit ist die Befreiung vom bürgerlichen Modell zwar abgeschlossen. Die Freiheit selbst ist jedoch unberechenbar. Daran erinnert das Kind auf der Bühne: Egal welche Form wir wählen, sei sie noch so freiheitlich, auch sie wird für die darin aufwachsende Generation eine Prägung sein, von der sie sich eines Tages vielleicht befreien will oder muss. Um der Freiheit willen.

«What Is Human»
Premiere: Donnerstag, 1. Oktober, 20 Uhr. Bis 3. Oktober.
Kaserne Basel.

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