Ausstellung
Warlam Schalamow – 14 Jahre zwischen Überleben und Tod

Der Schriftsteller Warlam Schalamow hat Stalins Straf- und Arbeitslager überlebt. Die Universitätsbibliothek stellt den Autor und sein Werk vor.

Annika Bangerter
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Schalamow kurz nach seiner zweiten Verhaftung im Januar 1937.

Schalamow kurz nach seiner zweiten Verhaftung im Januar 1937.

ZVG

Das Grauen fand im Nordosten Sibiriens statt: Kolyma hiess die Region, die einen Achtel der gesamten Fläche der Sowjetunion ausmachte – und zu Stalins Zeiten über eine Million Menschen das Leben kostete. Dort schufteten Zwangsarbeiter in Goldminen, Fabriken, Berg- oder Kohlebergwerken. Sie lebten in Gulags, den Straf- und Arbeitslagern der UdSSR.

Neben verurteilten Straftätern brachten die Gütertransporte insbesondere Oppositionelle, Intellektuelle und Bürger, die Stalins Terror zum Opfer fielen. Einer davon war Warlam Schalamow. Der Schriftsteller verbüsste 14 Jahre lang – von 1937 bis 1951 – seine Strafe in verschiedenen Gulags der Kolyma. In rund 150 Erzählungen berichtet er von dem entbehrungsvollen, willkürlichen Lagerleben.

Die Universitätsbibliothek gibt nun mit der Ausstellung «Leben oder Schreiben. Der Erzähler Warlam Schalamow» einen umfassenden Einblick in dessen Alltag im Gulag. «Schalamow war in den schrecklichsten Lagern, die es unter Stalin gab. Die dortigen Verhältnisse sind für uns heute unvorstellbar», sagt Thomas Grob, Professor für Slawistik an der Universität Basel. Gemeinsam mit seinen Studenten ergänzte er die Wanderausstellung des Literaturhauses Berlin über Schalamow. Sie übersetzten unter anderem Gedichte von Schalamow und stellten einen Überblick zu der russischen Lagerliteratur zusammen. Dadurch erfährt der Ausstellungsbesucher, dass bereits Dostojewski Mitte des 19. Jahrhunderts zu Zwangsarbeiten in Sibirien verbannt wurde.

Die Austellung

Die Ausstellung «Leben oder Schreiben. Der Erzähler Warlam Schalamow» ist noch bis zum 5. September in der Universitätsbibliothek Basel zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Bedingungen wie in Auschwitz

Die Gulags unter Stalin übertrafen deren Entbehrungen jedoch bei weitem. «Physisch wie psychisch war es Schalamow nicht möglich, während seiner Lagerzeit zu schreiben. Im täglichen Überlebenskampf reichten seine Kräfte dafür nicht aus», sagt Thomas Grob. Der russische Schriftsteller wurde erstmals 1929, im Alter von 22 Jahren, verhaftet. Damals verteilte er «Lenins Testament». Dieses warnte davor, Stalin zum Generalsekretär zu machen. Für diese Aktion kam Schalamow drei Jahre lang in ein sogenanntes «Besserungsarbeitslager». «Dieses war nicht vergleichbar mit den späteren Lagern in Kolyma. Nach seiner Rückkehr konnte er ein einigermassen normales Leben führen», sagt Grob.

So arbeitete Schalamow als Journalist, heiratete und gründete eine Familie. Bei einer von Stalins Säuberungswellen wurde er aufgrund seines Engagements in der Vergangenheit erneut verurteilt – und kam nach Kolyma. Ein Ort, der hinsichtlich der Lebensbedingungen vielfach mit Auschwitz verglichen wurde. Harte körperliche Arbeit, Gewalt, Willkür und Hunger dominierten fortan Schalamows Alltag. Im Winter fielen die Temperaturen zudem bis 60 Grad unter null.

Wichtigster Lagerliterat

Für den Slawistik-Professor Thomas Grob ist Warlam Schalamow der wichtigste russische Lagerliterat überhaupt. «Er zeigt in seinem Werk, was mit Menschen passiert, wenn sie an den Rand zwischen Überleben und Tod gedrängt werden. Dabei schreibt Schalamow nie didaktisch. Die Leser müssen selber über grundlegende Fragen nachdenken», sagt Grob. Obwohl in Schalamows Werk die ganze Brutalität der Machtverhältnisse enthalten sei, würden plötzliche Naturbetrachtungen diese wieder aufbrechen. «Seine Erzählungen sind auch literarisch hervorragend gestaltet», so Grob. Diese sind inzwischen auch auf Deutsch erschienen.

Auf Schalamows Sprache baut auch die Ausstellung in der Universitätsbibliothek auf. Den Exponaten sind Zitate aus seinem Werk zugeordnet. Sie führen chronologisch durch Schalamows Leben von 1907 bis 1982. Gleichzeitig vermitteln die Texte in Kombination mit Bildern, Schriftstücken oder Postkarten einen übergeordneten Einblick in den Alltag eines Gulag-Häftlings. Wer noch mehr über Schalamow erfahren will, dem sei die umfassende Begleitpublikation zur Ausstellung empfohlen.

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