Wahlen Basel-Stadt
Wahlboykott des Vereins Mitenand war ein Druckversuch in eigener Sache

Die Migrantenorganisation Mitenand rief im Oktober zum Boykott der Basler Wahlen auf. Der Grund dafür scheint persönlicher Natur zu sein: Seitdem der Kanton die Filme von Hüseyn Akin nicht mehr finanziert, ist dieser mit der Regierung auf Kriegspfad.

Jonas Hoskyn
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Hüseyn Akin

Hüseyn Akin

Basile Bornand

Der Aufruf zum Wahlboykott kam mitten in der heissen Wahlkampfphase. Mit rund 15 000 Flugblättern warb die Migrantenorganisation Mitenand Mitte Oktober dafür, den kantonalen Wahlen fern zu bleiben. Die Begründung: Die bisherige Regierung habe zu wenig für die Migranten getan. Von «Schmarotzern und Parasiten» war die Rede, von Personen, «die sich als Repräsentanten der Migrantengruppen sehen, aber sämtliche Projekte sabotieren». Unterschrieben war der Aufruf von Präsident Ismail Algin und dessen Vize Abdulhamid Koca. Im Hintergrund die Fäden gezogen hat aber offenbar der türkische Filmemacher Hüseyn Akin. Recherchen der bz zeigen: Der Boykottaufruf scheint Teil eines persönlichen Rachefeldzugs gewesen zu sein.

Und zwar einer mit Ankündigung. Bereits im Frühling 2015 schrieb Akin in einem Mail an Regierungspräsident Guy Morin: «Spätestens bei den Wahlen 2016 wird sich die Unzufriedenheit im Wahlergebnis widerspiegeln. Als ‹Mitenand› erwarten wir von Ihnen ein Zeichen, um in Basel-Stadt die Integrationspolitik wieder zu beleben.»

Kritik an der Integrationsstelle

Auch kurz vor den Wahlen meldete sich Akin bei einem Podiumsgespräch persönlich zu Wort und kritisierte den Basler Integrationsbeauftragten, Andreas Räss. «Die Fachstelle Integration beschäftigt ein Dutzend Mitarbeiter, darunter viele Deutsche, welche sich zum Ziel genommen haben, Expats hier das Leben zu erleichtern. Der Grossteil der Migranten spürt die Existenz der Integrationsstelle nicht», kritisiert er. Nach Akins Meinung gäbe es einen deutlich besseren Kandidaten für den Job: er selber. Mehrere Quellen aus Verwaltung und Politik bestätigen, dass sich Akin bereits mehrfach mehr oder weniger deutlich der Regierung anerboten habe. Immer wieder ist er abgeblitzt. «Dies stimmt nicht», sagt Akin. «Da sie es aber erwähnen, werde ich dies in Zukunft versuchen. Ich bin überzeugt, mit einem Bruchteil des Budgets ein Vielfaches an Wirkung zu erzielen.»

Riesigen Goodwill genossen

Dabei war der türkische Regisseur einst ein gefragter Mann. In den 1990er- und 2000er-Jahren hatte er sich als Filmemacher für das Schweizer Fernsehen einen Namen gemacht. Bei der Basler SP leitete er die Migrationsgruppe. «Er hat uns für das Thema Migranten sensibilisiert und viele Türen geöffnet», erinnert sich Nationalrat Beat Jans, der damals Präsident der SP war. Irgendwann aber habe Akin für seinen Aufwand entschädigt werden wollen. «Und er hatte auch einen grossen Aufwand. Aber die Partei konnte sich das nicht leisten», sagt Jans. Es kam zum Zerwürfnis. Akin widerspricht dieser Darstellung: «Die Situation war komplett anders. Dafür habe ich Beweise.»

Klar ist: Zwischenzeitlich hatte Akin, unterstützt von sozialdemokratischen Schwergewichten, gute Kontakte zu Regierung und Verwaltung knüpfen können. Der Filmemacher genoss lange einen riesigen Goodwill, der sich finanziell auszahlte. Mehrere Filme von ihm wurden vom Kanton grosszügig unterstützt. Alleine am Projekt «Jugend im Kleinbasel» beteiligte sich der Kanton 2001 mit 105 000 Franken. Auch für den Film «Ruhe Bitte, Parlament in Sitzung» wurde 2007 ein Beitrag von 15 000 Franken bewilligt. Beide Filme sind längst in Vergessenheit geraten.

Fakt ist: Nach dem Film über das Basler Parlament versiegte die Geldquelle. «Da wurde zu offensichtlich, dass es ihm vor allem darum geht, Geld zu holen», sagt ein Insider aus der Verwaltung. Dem Vernehmen nach muss der Film ein ziemlich bescheidenes Werk gewesen sein. Seither ist Hüseyn Akin mit der Politik und der Verwaltung offenbar auf Kriegspfad.

Kontakt zu Eric Weber

Dabei sucht er ständig neue Angriffsmöglichkeiten. So schreckte der gebürtige Türke auch nicht davor zurück, sich mit dem rechtspopulistischen Politquerulanten Eric Weber und dessen «Volks-Aktion gegen zu viele Ausländer und Asylanten in unserer Heimat» zusammen zu tun. In einem Mail an Morin lobte er den umstrittenen Politiker als jemanden, «der einen konstruktiven Dialog sucht». Es sei nur um einen Film gegangen, sagt Akin im Nachhinein dazu. Dieses Projekt habe er aber wieder eingestellt.

Der— angesichts der hohen Stimmbeteiligung erfolglose — Aufruf zum Wahlboykott erscheint in diesem Kontext als weiterer Versuch, Druck auf die Politik auszuüben. Dafür spricht auch, dass die Organisation Mitenand, die nach eigenen Angaben erst seit letztem Jahr existiert, zuvor in der Öffentlichkeit und bei Fachpersonen gänzlich unbekannt war. Ausser einer anonymen, kurz gehaltenen Website, die von Akin betrieben wird, existieren keine weiteren Informationen.

Auffallend: Bereits früher stand Akin einem Verein namens Multi Kulti vor, der ebenfalls sang- und klanglos wieder verschwand. Ein weiterer Aspekt, der Zweifel am Boykottaufruf schürt: Wenige Tage vor dem Aufruf machte Akin noch Wahlwerbung für Elisabeth Ackermann (Grüne) und Hans-Peter Wessels (SP). «Wir mögen uns privat», sagt Akin.

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