Kommentar

Vorbei sind die Zeiten der Bohème

Kulturschaffende sind empört, haben aber genau so Angst um ihre Existenz.

Kulturschaffende sind empört, haben aber genau so Angst um ihre Existenz.

Der Unmut der Kulturszene ist nachvollziehbar. Wieso wird gerade derjenige Bereich in einen Teil-Lockdown geschickt, der sich in Sachen Schutzkonzepte so vorbildlich verhalten hat? Wieso dort schliessen, wo es keine Ansteckungen gab? Die Empörung darüber ist jedoch nur die eine Seite der Medaille.

In den Unmut mischt sich Existenzangst. Absagen von Veranstaltern und die Unplanbarkeit von Programmen für das kommende Jahr sind Gift für den Kulturbetrieb. Die wenigsten freischaffenden Künstlerinnen und Künstler haben Reserven. Ihre Arbeit und damit die Kultur, die unsere Gesellschaft unbestritten braucht, sind bedroht.

Der Staat soll helfen – und er hilft auch. Nur tut er dies eben so, wie Behörden das tun. Die administrativen Hürden sind sportlich. Wer keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen kann, verzweifelt schnell. Das ist nachvollziehbar. Ein Steuerbeamter würde auch vor Angst sterben, müsste er den Hamlet vor 800 Leuten spielen.

Genauso elend fühlt sich der Schauspieler, wenn er Ende Jahr vor einer Schuhschachtel mit Quittungen und Formularen voller kryptischer Begriffe sitzt. Aber am korrekt ausgefüllten Formular führt anscheinend kein Weg mehr vorbei. Die heroischen Zeiten der von allen Zwängen befreiten Bohème sind passé – leider.

Die Pandemie wird nicht nur die Digitalisierung der Kultur, sondern auch ihre Bürokratisierung vorantreiben. Was tun also? Die Freiheit und Unsicherheit eines Lebens jenseits staatlicher Strukturen zurückerobern? Oder doch besser Strukturen fördern, die den Künstlern den Rücken freihalten? Beides hat seinen Preis.

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