Saint Louis
Vor den Toren Basels: Binationales Institut betreibt Militärforschung

400 Techniker, Ingenieure und Forscher entwickeln in binationalem deutsch-französischen Institut die Waffen der Zukunft.

Peter Schenk
Drucken
Teilen
Die Verteidigungsminister Franz Josef Strauss (D, links) und Jacques Chaban-Delmas (F) unterzeichnen 1958 den Gründungsvertrag. Die Ratifizierung folgt 1959.

Die Verteidigungsminister Franz Josef Strauss (D, links) und Jacques Chaban-Delmas (F) unterzeichnen 1958 den Gründungsvertrag. Die Ratifizierung folgt 1959.

zVg/ISL

Das Deutsch-Französische Forschungsinstitut Saint-Louis ISL forscht wenige Kilometer von Basel an neuen Waffen und Verteidigungs- und Schutzsystemen. Im Juni wird es 60 Jahre alt: Am 22. Juni 1959 wurde der Staatsvertrag zu seiner Gründung ratifizierte.

Überzeugte Pazifisten wird man unter den 400 Mitarbeitern umsonst suchen. Ein deutscher Wissenschaftler bringt es bei der Besichtigung des Windkanals, wo Projektile und Raketen bei Blasgeschwindigkeiten bis Mach 4,5 getestet werden, auf den Punkt: «Wir sind überzeugt, dass wir die deutsche und französische Armee mit den bestmöglichen Waffen ausstatten müssen, um unseren eigenen Truppen und der zivilen Bevölkerung den bestmöglichen Schutz zu bieten.»

Begonnen hat die Geschichte des ISL bereits im August 1945. Damals gelang es den Franzosen, den deutschen Ballistik-Spezialisten Hubert Schardin mit seinen Mitarbeitern nach Frankreich zu holen. Dort sollte er nach dem Zweiten Weltkrieg für die französische Armee weiterforschen. Schardin war vorher Direktor der «Technischen Akademie» der deutschen Luftwaffe in Berlin Gatow und hatte dort auch an Raketentechnologie gearbeitet. Anstatt wie geplant in Paris begannen 32 deutsche Forscher ihre Arbeit in einer alten Aluminium-Fabrik in Saint-Louis – Schardin hatte sich für einen Standort in Grenznähe ausgesprochen.

Im Überschall-Windkanal werden Lenkflugkörper und Geschosse getestet.

Im Überschall-Windkanal werden Lenkflugkörper und Geschosse getestet.

zVg/ISL

Mit verdunkelten Scheiben

Ende 1946 sollten 77 Deutsche und 87 Franzosen in dem Institut arbeiten, das vorerst Laboratoire de Recherches de Saint-Louis (LRSL) hiess. Die Deutschen wohnten in Weil am Rhein in von den Franzosen für sie gebauten Häusern. Weil sie die doppelte Essensration wie die Einheimischen erhielten und gut bezahlt waren, wurden sie beneidet. Jeden Morgen fuhren sie per Bus mit verdunkelten Scheiben und verschlossenen Türen über eine Behelfsbrücke von Weil nach Huningue.

Um die Mitfahrt von blinden Passagieren zu verhindern, wurden die Busse vor jeder Fahrt von unten gespiegelt. «Einmal hat man jemanden gefunden», berichtet Thomas Czirwitzky, der deutschen ISL-Direktor. Fror der Rhein zu, musste man den Weg über Basel nehmen.

Czirwitzky betont: «Das war bekannt und mit den Schweizer Behörden abgesprochen.» ISL-Mediensprecherin Magdalena Kaufmann sagt: «Wir sind das einzige von zwei Staaten betriebene Forschungsinstitut, das für die Bereiche Verteidigung und Sicherheit forscht.» Deshalb hat es einen deutschen und einen französischen Direktor und untersteht Abteilungen der französischen Armee oder des deutschen Verteidigungsministeriums. Das jährliche Budget von 48 Millionen Euro teilen sie sich. «Auf die Ergebnisse haben beide Zugriff», präzisiert Czirwitzky.

Schweizer sind ausgeschlossen

Bei den Wissenschaftlern ist die Parität nicht ganz erreicht: 60 Prozent sind Franzosen und 40 Prozent Deutsche. Vielleicht es das ein Hinweis darauf, dass es in Deutschland traditionell eine starke pazifistische Bewegung gibt. Zehn Prozent der 400 Mitarbeiter stammen aus der EU. Schweizer sind ausgeschlossen. Es war der erste deutsch-französische Staatsvertrag, vor dem Elysée-Vertrag 1963. Vorbild war der französisch-schweizerische Staatsvertrag zum Euro-Airport von 1949.

Laut Direktor kooperiert das ISL unter anderem mit der ETH Zürich, der Fachhochschule Nordwestschweiz und Rüstungsfirmen wie Ruag. Das ISL sieht seine Stärke selber in der Vielfalt der Forschungsgebiete, die komplementär seien. Da geht es um Detektion von Sprengstoffen, Heckenschützen und Kleindrohnen, um neue Schutzmaterialien und Panzerungen, elektronische Wachposten und die Analyse von Bedrohungssituationen oder eine elektromagnetische Kanone für die Artillerie.

Aktuelle Nachrichten