Anina Mutter hat viele Facetten. Sie ist ausgebildete Tänzerin, Schauspielerin, Bloggerin, Instagrammerin. «Eine digitale Nomadin», so beschreibt sie sich selber. Neu ist sie auch Autorin: Vergangene Woche hat sie ihr erstes Buch «ekko» veröffentlicht. In diesem stellt sie ihre Lieblingsorte in der Deutschschweiz vor – Restaurants, Cafés, Kleidergeschäfte, Hotels. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind nachhaltig, biologisch und fair.

Die Nachhaltigkeit hat sich Anina Mutter, aufgewachsen in Beinwil SO und nun wohnhaft in Zürich, zum Herzensthema gemacht. So schreibt sie auf ihrem Blog darüber und teilt ihre Ansichten auf Instagram mit ihren Followern. Reist sie in andere Städte, versucht sie sich im Vorfeld darüber zu informieren, wo sie ökologisch schlafen, einkaufen und essen kann. «Das nimmt viel Zeit in Anspruch», so Mutter. Sie habe sich lange eine Liste solcher Orte gewünscht. «Dann dachte ich mir: Ich schreibe sie einfach selber», sagt sie und lacht. Es ist ein ehrliches, herzhaftes Lachen, das ihre dunkeln Locken zum Hüpfen bringt.

Im Alleingang verlegt

Hält man das fertige Produkt in den Händen, wirkt es auf den ersten Blick relativ schlicht. «Bewusst nordisch, minimalistisch designt», erklärt Mutter. Ein graues Taschenbuch aus Recyclingpapier, 12,5 auf 16,5 Zentimeter, ein schwarzes «Ø» auf dem Cover, darunter eine kurze Beschreibung des Inhalts. Doch blättert man durch das Buch, sieht es anders aus: Liebevoll zusammengetragene und sortierte Inhalte begleiten ästhetische Bilder von Essen, Menschen und Orten. «Es war ein unglaublich anstrengendes Jahr», blickt sie auf die Entstehung zurück.

Anfangs hatte sie einen Vertrag mit einem Verlag. «Ich musste aber merken, dass ich das Projekt alleine durchziehen muss», sagt Mutter. «Kratzbürstenstyle», nennt sie das und lacht. Ihre Visionen seien beim Verlag nicht so umsetzbar gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte. «Ich will authentisch sein und nur Dinge machen, hinter denen ich stehen kann», betont sie. Recherchearbeit, Designideen und das eigenständige Verlegen des Buchs haben sie ein Jahr beschäftigt. «Das ist jetzt das Substrat, meine 64 allerliebsten Perlen», fügt sie an, legt das Buch von einer Hand in die andere, dreht es um, betrachtet es und lächelt sanft. Von den 300 Exemplaren der ersten Auflage sind kaum noch welche verfügbar.

Plaketten für die Lemuren

Mit dem Thema Nachhaltigkeit trifft Mutter den Nerv der Zeit. Dass sie mit ihrem Lebensstil einem Trend folgt, findet sie jedoch nicht. «Klar, es gibt diesen Trend zurzeit. Und das finde ich super», betont sie. «Ich hoffe einfach, dass es ein Trend ist, der anhält. Denn es ist die einzige Lösung, die ich für unseren Planeten sehe.» Mutter selber haben die Themen bereits in der Kindheit begleitet. «In der Primarschule habe ich WWF-Etiketten für Lemuren verkauft und bin in Peace-Fahnen gewickelt an Demonstrationen», erzählt sie und lacht wieder fröhlich.

Von ihren Eltern sei ihr der Respekt für Mitmenschen, Natur und Tiere schon früh mitgegeben worden. Achtjährig habe sie sich entschieden, vegetarisch zu leben. Ihre Bachelorarbeit hat sie über «Fair Fashion» verfasst. Sie kauft ihre Kleider meist Second Hand ein, Lebensmittel holt sie im Bioladen. Ausserdem lebt sie möglichst minimalistisch: «Ich habe kürzlich gemerkt, dass das, was ich verdiene, als Armutsgrenze gilt», sagt sie erstaunt. «Aber ich komme wunderbar durch», fügt sie an. Ihr letzter Langstreckenflug liegt zwölf Jahre zurück, für den Job fliegt sie nur, wenn es zwingend nötig ist und kompensiert dies jeweils.

Vegan soll es sein

Mit dem Veganismus führte Mutter jahrelang eine On-Off-Beziehung, bis sie sich vor vier Jahren entschloss, auf eine komplett pflanzenbasierte Ernährung zu setzen. «Je mehr ich wusste, desto weniger konnte ich zurück», erklärt Mutter. Sie habe sich mehr über Ernährung informiert, bis sie zum Schluss kam: «Aus ökologischen, ethischen und gesundheitlichen Gründen ist Veganismus die einzige Lösung für mich.»

Mutter betitelt sich selber aber als eine nichtextreme Veganerin. «Wenn eine Oma mal einen feinen Kuchen backt, in dem etwas Butter ist, esse ich trotzdem ein Stück», erklärt sie die Aussage. Ausserdem missioniere sie nicht. «Ich verurteile niemanden für das, was er isst. Ich finde aber, jeder sollte wissen, was er konsumiert und wie es hergestellt wird», sagt sie bestimmt. Balance sei in jeder Angelegenheit die richtige Lösung, findet sie. «Jedes Extrem hat etwas Unflexibles an sich, das möchte ich nicht», betont sie. Es geht für Mutter um die Einstellung und darum, eine Linie zu haben. Auch die sei nicht perfekt, erklärt sie. «Mein Lebensstil ist auch nur eine Möglichkeit von vielen und keinesfalls die einzig richtige», sagt sie.

Inspirieren, nicht aufzwingen

Ebendiese Einstellung verfolgt Mutter auch mit ihrem Buch und dem Blog. «Ich will meinen Lebensstil niemandem aufzwingen», so die 30-Jährige. Sie wolle lediglich Möglichkeiten aufzeigen, wie man Nachhaltigkeit mit kleinen Schritten in sein Leben aufnehmen kann. Sie sehe sich auch oft in der Rolle der Vermittlerin: «Es gibt viele Menschen, die ihren Lebensstil gerne anpassen würden, aber nicht wissen, wie», so Mutter. Oder sie haben die Zeit nicht, um sich darüber zu informieren. «Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Flut an Information zu kuratieren», erklärt sie. Auch wolle sie das verstaubte Image aufräumen: «Das Klischee und der ‹Öko-Mief›, die der Nachhaltigkeit anhaften, sind nicht wahr», sagt Anina Mutter.

Anina Mutter lacht viel, wirkt aussergewöhnlich glücklich. Auch auf Instagram: Ihr Profil zeigt sie lachend in einer Hängematte, kopfüber beim Yoga, mit der Gitarre in den Händen am Boden sitzend. Ist das Leben wirklich so perfekt, wie es auf Instagram scheint? Sie sei zu 95 Prozent tatsächlich so glücklich, wie sie auf Instagram wirke.

Das ist nicht ihr ganzes Leben

Aber: «Das ist bei weitem nicht mein ganzes Leben.» Sie ziehe bewusst Grenzen für Dinge, die sie nicht mit ihren 15'000 Followern teilen möchte - so beispielsweise ihre Familie. Ihr sei es aber wichtig, menschlich zu bleiben und verschiedene Facetten zu zeigen. So sind auch Videos zu finden, in denen sie wie wild durch die Wohnung tanzt, oder Beiträge, in denen sie sich traurig oder krank zeigt. «Ich möchte für meine Follower Positivität versprühen und sie nicht beeinflussen – ‹influencen› – sondern inspirieren.»

Trotz aller Positivität: «Ich bin ein sehr sensibler Mensch», erzählt Mutter. Was ihr während der Arbeit an «ekko» gefehlt habe, sei die Natur. «Früher ging ich oft wandern, in den letzten Monaten fehlte mir aber die Zeit dazu.» Auch ihre Familie in Beinwil besuche sie nicht so oft, wie sie gerne würde. «Manchmal buddle ich auf meinem Balkon in den Blumentöpfen rum, um wieder etwas Erde unter den Nägeln zu haben», erzählt sie. Und lacht wieder herzlich.