Flucht

Vom Kindersoldat zum Mitarbeiter des Hotels «Les Trois Rois»: Der lange Weg des John K.

Mit viel Kraft, Geduld, Energie aber auch Unterstützung hat der 39-Jährige John K. in der Schweiz einen Neuanfang geschafft.

Sommer 2016. John K. sitzt gemeinsam mit anderen Menschen in einem maroden Boot, das von Libyen nach Italien unterwegs ist. Doch die Geschichte ist nicht wahr. John K. musste nie auf dem Mittelmeer sein Leben riskieren.

«This is not my Story», heisst das Stück der Theatergruppe «Niemandsland». Die Gruppe setzt sich zusammen aus Menschen mit verschiedensten Nationalitäten. Viele von ihnen sind Geflüchtete, die so ihre Erlebnisse verarbeiten.

Es ist das erste Stück, bei dem John K. mitspielt. Er schlüpft in die Rolle eines syrischen Flüchtlings. Er selbst ist zwar auch geflüchtet, aber nicht aus Syrien, sondern aus dem Südsudan.

Er wird zum Opfer und Täter gleichzeitig gemacht

Das ist seine Geschichte: Die Geschichte darüber, wie es ein Mann vom Kindersoldaten zum Mitarbeiter des Basler Nobelhotels Les Trois Rois geschafft hat.

John K. wächst in der Region des heutigen Südsudans auf. Als Achtjähriger wird er von der «Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung» als Kindersoldat zwangsrekrutiert. Dreizehn Jahre dient er als Kindersoldat, ist Opfer und Täter zugleich.

Der bz erzählt er, dass ihm irgendwann die Flucht gelingt, er die Region im Jahr 2002 verlässt. Danach habe er für zwei Jahre in der sudanesischen Hauptstadt Khartum und anschliessend zwei Jahre lang in Ägypten gelebt. Dort arbeitet er in einer Bierfabrik.

Doch die Reise ist noch nicht zu Ende. John K. verschlägt es weiter in Richtung Norden, nach Israel. Bis sein Aufenthaltsstatus geklärt ist, muss er für eineinhalb Jahre in Gewahrsam. Danach arbeitet er vier Jahre lang in einem Hotel in der Küche und im Service.

Ein Strich durch die Rechnung

Zum ersten Mal seit langer Zeit scheint es in seinem Leben Beständigkeit und mehr Ruhe zu geben. Doch die politische Grosswetterlage macht ihm einen Strich durch die Rechnung.
2011 erklärt sich der Südsudan offiziell unabhängig, Israel anerkennt den neuen Staat und beginnt damit, Menschen aus dem Südsudan in ihr Ursprungsland rückzuschaffen.

Der Präsident des neuen Staates, Salva Kiir Mayardit, ist der Chef der «Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung», also der Gruppierung, die unter anderem John K. als Kindersoldat rekrutierte.

«Eine Rückkehr war für mich nicht möglich», erklärt er. Sein Leben wäre im Südsudan akut bedroht gewesen, da er entweder wieder in die Armee gemusst hätte oder bestraft worden wäre.

Die Tage zählen

Er verlässt Israel in Richtung Ägypten. Von dort fliegt er nach Spanien und reist weiter in die Schweiz. Er landet im Bundesasylzentrum in St. Gallen, bleibt dort für zwei Wochen und wird danach dem Kanton Solothurn zugewiesen. In der Kantonshauptstadt bleibt er «für vier Monate und zehn Tage», sagt John K. Für ihn hat die Zeit des Wartens begonnen, er zählt die Tage. Solothurn weist ihn Himmelried zu.

Im 940–Seelen-Dorf wartet er seinen Aufenthaltsentscheid ab. In dieser Zeit darf er nicht arbeiten. Auch die Möglichkeit, Deutsch zu lernen, besteht nicht von Anfang an, weswegen er, mit Unterstützung einer befreundeten Familie, selbst Deutschkurse sucht.

Die befreundete Familie wird für ihn zur Ersatzfamilie. Er kennt sie durch einen Freund, der ebenfalls Kindersoldat im Sudan war. «Am selben Tag, als ich ihm gesagt habe, dass ich in der Schweiz bin, hat sich die Familie bei mir gemeldet», erzählt er und ihm ist anzuhören, wie dankbar er für diese Unterstützung und den Familienanschluss ist.

Nach vier Jahren und vier Monaten ist der Entscheid da

Zu seiner Familie im Südsudan hat der 39-Jährige keinen direkten Kontakt mehr. Seit Jahren sind im Bürgerkriegsland die Kommunikationsleitungen stillgelegt.
Zweimal die Woche hilft er im Rahmen eines Beschäftigungsprogrammes beim Werkhof in Himmelried mit.

Nach vier Jahren und vier Monaten bekommt John K. den Aufenthaltsbescheid: Er ist vorläufig aufgenommen, darf in der Schweiz bleiben. Für ihn ist klar: Er möchte nicht länger vom Staat abhängig sein, sondern selbst für sich aufkommen. Er bewirbt sich auf viele Stellen, bekommt nur Absagen.

Schliesslich hört er vom Arbeitsintegrationsprogramm der ORS (siehe Box) in Pratteln und bemüht sich, aufgenommen zu werden, um eine Ausbildung machen zu können. Da John K. zu diesem Zeitpunkt im Kanton Solothurn lebt, sich der Integrationsbetrieb «Engel» aber in Pratteln befindet, ist das nicht so einfach. Schliesslich gelingt es, die Zuständigkeiten zu klären.

Am Rheinufer angekommen

Im Frühjahr 2018 kann er im «Engel» beginnen. «Ich habe ja schon vorher in der Gastronomie gearbeitet, deswegen fiel mir die Arbeit leicht», erzählt er. Das fällt auch im «Engel» auf. Für die Verantwortlichen ist schnell klar: John K. soll möglichst bald auf den freien Arbeitsmarkt.

Das Programm bietet die Möglichkeit, Praktika in verschiedenen Betrieben zu absolvieren. Bereits nach wenigen Wochen ist es so weit: Er kann ein einmonatiges Praktikum machen. Und das nicht irgendwo, sondern im Basler «Les Trois Rois».

John K. überzeugt, muss aber nach einem Monat wieder zurück nach Pratteln. Zwei Monate später meldet sich das «Les Trois Rois» erneut: John K. kann im Nobelhaus anfangen zu arbeiten, wenn er möchte. Er möchte und beginnt im Stundenlohn in der Küche.

Die letzte Szene, bei der John K. im Theaterstück «Not my Story» mitspielte, hatte das Basler Rheinufer als Kulisse. Das Rheinufer spielt auch im echten Leben von John K. eine wichtige Rolle: Er hat inzwischen im «Les Trois Rois» eine Festanstellung.

Sobald er kann, möchte John K. eine definitive Aufenthaltsbewilligung beantragen. Er ist in der Schweiz angekommen. Das soll auch auf seinem Ausweis stehen.

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