Louis Kahn
Vitra Design Museum widmet sich «der Kraft der Architektur»

Obwohl Louis Kahn zu den bis heute einflussreichsten Baumeistern weltweit zählt, ist er der Öffentlichkeit in Europa weniger bekannt als etwa Le Corbusier, Frank Lloyd Wright oder - in unserer Region - als Frank Gehry, Designer des Vitra-Baus. Dies soll sich nun ändern.

Susanna Petrin
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Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesch, 1962-83
8 Bilder
Das Vitra Design Museum widmet sich Louis Kahn, einem der grössten Baumeister des 20. Jahrhunderts
Porträt des grossen Architekten Louis Kahn von 1972
Alfred Newton Richards Medical Research and Biology Building, Philadelphia, 1957-65
Louis Kahn im Auditorium des Kimbell Art Museums, 1972
Bibliothek, Phillips Exeter Academy, Exeter, New Hampshire, 1965-72
Louis Kahn am Design des Fisher House arbeitend, 1961
Indian Institute of Management, Ahmedabad, 1962-74

Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesch, 1962-83

Raymond Meier

Licht zog Louis Kahn schon als Kind magisch an. Als Dreijähriger kam er im Elternhaus den Flammen im Kamin so nah, dass er selbst Feuer fing. Er überlebte, verbrannte sich aber Gesicht und Hände. Die Narben waren für immer. Sein Vater meinte, es wäre besser gewesen, wenn er gestorben wäre. Seine Mutter aber sagte: «Er wird zu einem grossen Mann heranwachsen, gerade deshalb.»

So überliefert der Dokumentarfilm «My Architect» diese Geschichte. Sie spielte sich 1904 ab, im heute zu Estland gehörende Parnow. Dort wurde Louis Isadore Kahn 1901 geboren. Er hiess damals - bis zur Emigration der Familie nach Philadelphia 1906 - Louis Isadore Leiser-itze Schmulowski.

Licht blieb Louis Kahns grösste Obsession. Licht vor allem als Element, das ein Gebäude erst zum Leben erweckt und dessen Charakter je nach Tages- und Jahreszeit stetig verändert. Und Kahns Mutter sollte Recht behalten: Ihr Sohn wuchs zu einem der grössten Architekten weltweit heran. Heute wird er «in einem Atemzug mit anderen Jahrhundert-Architekten wie Frank Lloyd Wright, Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe genannt», schreibt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, im Buch «Louis Kahn. The Power of Architecture».

Gestern wurde die gleichnamige grosse Louis-Kahn-Ausstellung in Weil eröffnet. Es ist die umfassendste Kahn-Retrospektive, die je in Europa gezeigt wurde. Sie entstand in Zusammenarbeit mit den «Architectural Archives der University of Pennsylvania» und dem «The New Institute» in Rotterdam, wo sie in etwas anderer Form bereits lief.

Die Essenz guter Architektur

Monumental, wuchtig, zeitlos - wer Kahns Werke beschreibt, kann nicht anders, als einfache, starke Worte zu brauchen. Kahn formt Zement und Ziegel zu geometrisch perfekten Formen in oft immensen Dimensionen. Daraus entstehen Gebäude von überwältigender, klarer Schönheit. «Er wollte moderne Gebäude mit der Ausstrahlung und Präsenz antiker Ruinen», lautet ein Filmzitat. Er ging der Essenz von Architektur auf den Grund, spürt man beim Anblick jedes seiner Werke.

Kontraste und Vielschichtigkeit machen die Qualität seiner Architektur aus. Dazu gehört der Einbezug der Umgebung und aller Elemente: Licht spielt auf seinen massiven Wänden, Luft füllt seine sakral anmutenden Innenräume; von jedem Labor im kalifornischen Salk Institute sieht man auf den Pazifik, sein Parlamentsgebäude in Bangladesch spiegelt sich in überschwemmten Feldern. Erde, Wasser, Wind, Licht - gleich mehrere Räume widmen sich der Bedeutung der Natur und der Landschaft in Kahns Werk.

Es ist eine schwierige Aufgabe, die Poesie und Kraft von Kahns Bauten in einer Ausstellung rüberzubringen. Die beiden Kuratoren Jochen Eisenbrand und Stanislaus von Moos scheinen dem Vorhaben in Weil noch ein Stück näher gekommen zu sein als ihre Vorgänger in Rotterdam. Neue, erstmals gezeigte Videos von Kahns Sohn Nathaniel zeigen vier seiner bekanntesten Gebäude im Wechselspiel mit der Umgebung.

Nathaniel Kahn ist es auch, der vor zehn Jahren mit seinem Film «My Architect - A Son's Journey» seinen Vater einem breiteren Publikum näher brachte. Und sich selber. Denn Nathaniel war ein verheimlichter Sohn, ein unehelicher Sohn. Seinen Vater bekam er selten zu Gesicht. Er hinterlasse eine Frau und eine Tochter, schrieb die New York Times, als Louis Kahn 1973 auf der Herrentoilette der Penn Station an einem Herzinfarkt starb. Gestern fanden sich zwei Töchter und ein Sohn zur Vernissage ein; Kahn hatte zu Lebzeiten heimlich drei Familien. Alle drei standen sie im Schatten seiner Arbeitswut.

Im Film geht der Sohn auf Spurensuche nach dem Vater. Wie gefällt ihm die Ausstellung? «Sehr, sehr, sie ist einzigartig», sagt Kahn junior auf diese wunderbar amerikanisch-überschwängliche Art. Die «Show» zeige all die Ambitionen und Träume, die sein Vater gehabt habe. Sie zeige ehrlicherweise auch, wie viel davon nie in Erfüllung ging. Sein Vater wollte es immer wieder noch besser machen. «Darum ist er für Künstler so inspirierend», sagt Kahn. «Er war bereit, jeden Tag wieder von Neuem anzufangen.» Und diese sei Kahns wichtigste Botschaft: «Finde die Talente, die du hast, und nutze sie!»

Obwohl Louis Kahn zu den einflussreichsten Baumeistern weltweit zählt, ist er der Öffentlichkeit in Europa weniger bekannt als etwa Le Corbusier, Frank Lloyd Wright oder - in unserer Region - als Frank Gehry, Designer des Vitra-Baus. In Weil kommen die beiden nun zusammen. «Kahn glaubte wirklich an das Bauen als Aspekt allen menschlichen Schaffens», sagt Gehry im Interview über Kahn. Diese und viele weitere Gespräche mit heutigen Stararchitekten bereichern die Ausstellung.

Kahns Biografie und seine Hauptwerke werden im Museum vorgestellt. Das ist die Basis. Hinzu kommen Dutzende von Zeichnungen, Modellen, Inspirationsquellen. Kahn interessierte sich für die Architekturgeschichte ebenso wie für Kunst und Naturwissenschaft - seine Bezüge zu diesen Disziplinen werden schön aufgezeichnet. Die Besucher können so den Prozess einer Idee bis zu ihrer Verwirklichung - oder auch nicht - nachvollziehen.

Gewagt ist, dass im Zentrum der Ausstellung das Modell eines Hochhauses steht, das nie gebaut wurde. Das City Tower Project hätte Kahn gern in Downtown Philadelphia gesehen. Es erinnert mit in seiner verschlungenen DNA-Struktur stark an Herzog und de Meurons erstes Modell des Roche-Turmes. Kahn war ein Träumer, ein Utopist. Oft war er seiner Zeit voraus: Gerne hätte er vor Philadelphias Zentrum ein Parkhaus in Kolosseums-Dimension gebaut, von dort hätten die Menschen die Innenstadt zu Fuss erleben sollen. Manche Amerikaner sind bis heute von dieser Idee schockiert.
Erst mit 65 kam der Durchbruch.

Kahn war ein Spätzünder. Erst mit 47 Jahren eröffnete er sein eigenes Architekturbüro. Erst mit 65 war er, so sein Sohn, wirklich glücklich mit einem seiner Gebäude, dem Salk Institute. Er sei, was man in Bangladesh «Guru» nenne, «eine kultivierte Seele», sagt ein Bangladeshi. Weil der Messias noch nicht erschienen sei, könne er sich nur durch die Werke eines Juden bemerkbar machen, meint ein anderer Architekt im Film und sagt: «Die Werke von Louis Kahn könnten die Werke Gottes sein.»

«Louis Kahn - The Power of Architecture», 23.2. bis 11.8. 2013 im Vitra Design Museum. Heute Samstag wird um 17 Uhr der Film «My Architect» gezeigt. Im Anschluss spricht Nathaniel Kahn.