Schuldunfähig

Urteil nach Mord am Obdachlosen Georg: Täter wird vom Vorwurf des Mordes freigesprochen

Der 22-jährige Mann, der 2017 in der Dreirosenanlage einen 60-jährigen Obdachlosen erstochen hatte, ist wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf des Mordes freigesprochen worden. Das Strafgericht ordnete am Dienstag eine stationäre Massnahme an.

Der Brasilianer, der im vergangenen Dezember unter der Dreirosenbrücke einen 60-jährigen Obdachlosen erstach, muss in die Psychiatrie. Am Mittwoch wurde der 22-Jährige zwar vom Dreiergericht für schuldunfähig erklärt: Formell gab es deshalb Freisprüche. Das Basler Strafgericht ging allerdings bei der Bluttat nicht von vorsätzlicher Tötung, sondern von Mord aus: Der Missionar habe sich in seiner Ehre verletzt gefühlt, weil sich das Opfer von ihm nicht zum Glauben bekehren lassen wollte.

Seltsamer Landesverweis

«Während der Untersuchung sagte er auch, das Opfer habe den Tod deswegen verdient», begründete Gerichtspräsident Roland Strauss die juristische Einstufung als Mord. Auch Facebook-Posting des Mannes sowie Aussagen eines Gemeindeleiters deuteten darauf hin, dass er sich etwa im Vergleich zu Frauen und Homosexuellen als «etwas Besseres» sieht. «Der Zweck der Tötung war, das Opfer für den Nichtglauben zu bestrafen – mit dem Ziel, dass er selbst von Gott als Auserwählter bestätigt würde», führte Strauss weiter aus.
Aufnahmen von Überwachungskameras in den Trams bestätigten, dass der junge Brasilianer damals schon vor Mitternacht bei der Dreirosenbrücke war, vor der Tat aber nochmals nach Hause zurückfuhr. Dieser Ausdruck von Ambivalenz ist laut Gutachten im Krankheitsbild begründet und spreche nicht für Gewissensbisse. «Er hatte vor der Tat nie Zweifel darüber, ob die Tat richtig ist oder nicht», betonte der Gerichtspräsident. Schuldunfähig war der Mann laut Gericht auch fünf Tage später beim Angriff auf einen Gefangenenbetreuer im Waaghof.
Keine Anzeichen für eine Schuldunfähigkeit hingegen sahen Gutachter und Gericht weder bei einem Einbruch in einen Lebensmittelladen noch bei einem weiteren Einbruchsversuch in ein Restaurant etwa zwei Monate vor dem Mord: Das Gericht verhängte deshalb eine bedingte Freiheitsstrafe von 90 Tagen, man geht von einem geringem Verschulden aus.
Doch damit war zwingend ein Landesverweises verbunden: Dafür ist nicht das verhängte Strafmass massgebend, sondern lediglich das Delikt an sich; hier die Tatbestände Diebstahl und Hausfriedensbruch. Da der Mann lediglich seit vier Jahren in der Schweiz ist, sei er klarerweise kein Härtefall. Das Gericht sprach am Mittwoch einen Landesverweis mit der Minimaldauer von fünf Jahren aus. Das war nur möglich, weil der Mann in diesem Anklagepunkt für schuldfähig erklärt worden war.

Schwierige Behandlung

Verteidiger Sandro Horlacher meinte dazu, sein Klient müsse nun entscheiden, ob er deswegen das Urteil weiterziehen wolle. Gleichzeitig räumte er ein, dass es eh fraglich sei, ob das Migrationsamt nach einer späteren Entlassung aus der Psychiatrie überhaupt eine Aufenthaltsbewilligung ausstellen und sein Mandant dann nicht sowieso nach Brasilien ausgeschafft würde. Völlig offen ist aber auch, wie es nun in der Psychiatrie weitergeht: Als im April 2018 das Gutachten vorlag und die Behandlungsbedürftigkeit von allen Seiten unbestritten war, wurde dem Mann sofort der vorzeitige Massnahmenvollzug gewährt. Dennoch sitzt er seither im Waaghof.
Laut Verteidiger Horlacher gab es bisher noch nicht einmal ein Vorstellungsgespräch in einer Klinik. Thomas Hahn von der Basler UPK sagte als Gutachter, eine eigentliche Therapie sei wegen der mangelnden Sprachkenntnisse des Mannes schwierig.
Damit wird die Auswahl eng, denn entsprechend gesicherte und spezialisierte Abteilungen sind rar. Nebst der Basler Universitären Psychiatrie käme sonst nur noch die Klinik Rheinau im Kanton Zürich infrage. Doch dort sind die Wartelisten lang. So bleibt der 22-jährige Mann weiterhin im Gefängnis, wo er eifrig in der Bibel liest.

Meistgesehen

Artboard 1