Start-Up-Unternehmen
Universitäten sind wichtige Wirtschafts-Faktoren in der Region

Eine internationale Vernetzung macht Hochschulen attraktiver – auch für Jungfirmen. Dadurch profitiert wiederum die lokale Wirtschaft. «Die Uni selbst ist ein Wirtschaftsfaktor», erklärt Start-up-Fachmann Peter Burckhardt im Interview mit der bz.

Stefan Schuppli
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Ein typischer erfolgreicher Basler Start-up: Mitarbeitende von Hutman Diagnostics im Stücki-Business-Park.

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Kenneth Nars

Die Verzahnung von Universität und Wirtschaft wird ein immer wichtigeres Thema. Heute Mittwoch Abend befasst sich eine illustre Diskussionsrunde mit diesem Thema – dazu einige Fragen an den Start-up-Fachmann Peter Burckhardt.

Herr Burckhardt, die Uni ist ohne Zweifel ein Faktor für wirtschaftliche Entwicklung. Kann das durch Zahlen erhärtet werden?

Peter Burckhardt: Mir ist nicht bekannt, ob es eine solche Untersuchung gibt. Abgesehen davon ist eine derartige Erhebung schwierig, weil sehr viele «Soft Factors» mitspielen und man sich deshalb eine Statistik so zurechtbiegen könnte, wie es einem gerade passt.

Podiumsdiskussion: Uni als Wirtschaftsfaktor

Als Zentren für Lehre und Forschung sind Universitäten ein wichtiger Treiber der kulturellen und sozialen Entwicklung einer Region. Heute Mittwoch diskutieren diese Fragen Thomas Bieger, an der Uni Basel promovierter Ökonom und heute Rektor der Universität St. Gallen, und Eric Scheidegger, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik und stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), Peter Burckhardt, Geschäftsführer der Basler Start-up-Agentur für Life-Science-Unternehmen EVA und Dieter Scholer, Mitglied des Universitätsrats der Universität Basel und der Life-Science-Kommission der Handelskammer beider Basel. Organisiert wird der Diskussionsabend von drei der Uni nahestehenden Organisationen: der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, dem Förderverein Universität Basel und der Alumniorganisation der Universität Basel.

Veranstaltung: Hochschule für Gestaltung und Kunst auf dem Campus Dreispitz, Freilager-Platz 1, Münchenstein, heute Mittwoch, 18.15 Uhr.

Aber es gibt offenbar die Vermutung, dass eine Uni die Wirtschaft beflügelt.

Das ist nicht nur eine Vermutung. Das gesamte Ausbildungsangebot hat einen Einfluss auf die wirtschaftliche Leistung einer Region. Der stärkste Einfluss geht von den Hochschulen aus, weil diese über den Durchschnitt hinaus gehen. Sicher hat eine Region mit einer Hochschule die bessere wirtschaftliche Attraktivität als eine ohne.

In welchen Bereichen dürfte der Einfluss am deutlichsten sein? Bei den Naturwissenschaften?

Querbeet. Naturwissenschaften und Medizinwissenschaften sind gerade hier in der Region besonders wichtig, aber auch alle anderen Fächer spielen eine wichtige Rolle.

Sie befassen sich mit jungen Firmen, die teilweise auch aus dem universitären Umfeld kommen. Welche Erfahrungen machen Sie?

Früher befasste sich die Uni primär mit Grundlagenwissen. Das ist nach wie vor die Hauptaufgabe. Es werden jedoch vermehrt Initiativen ergriffen, es entstehen Start-ups.

Gibt es heute deutlich mehr Leute, die ein Unternehmen gründen wollen und entsprechendes Risiko auf sich nehmen?

Ich bin nicht ganz sicher, ob dem so ist. Aber das ist ein gesellschaftliches Phänomen und nicht der Universität anzulasten. Es geht uns hier sehr gut, wir haben ein überdurchschnittlich gutes Stellenangebot, das lockt, in eine Anstellung zu gehen. Ein grosses Risiko einzugehen – das braucht einen speziellen Charakter, der in einer satten Gesellschaft weniger gegeben ist. Aber es ist heute mehr als vor 40 Jahren ein Verständnis da, dass man selber ein Start-up lanciert.

Start-ups von der Uni sind noch nicht gerade zahlreich ...

Man muss die Verhältnisse sehen, es ist eine Frage der Perspektive. Die Uni-Start-ups darf man nicht unterschätzen. In Basel haben wir keine Technische Hochschule wie Zürich oder Lausanne, die klar anwendungsorientiert sind und deren Forschung deshalb logischerweise auf Jungunternehmen hinführen. Doch bezüglich Life-Sciences-Start-ups kann Basel absolut mithalten mit Zürich oder Lausanne. Die Hälfte der hiesigen Start-ups kommt aus der Uni oder der FHNW. In Basel, Zürich und Genf haben wir auf dem Gebiet der Life-Sciences je fünf bis zehn Start-ups pro Jahr, und das ist beachtlich. Wir vergleichen uns zum Beispiel gerne mit Boston. Boston ist aber grösser als die Schweiz.

Welche Bedeutung hat die internationale Vernetzung?

Die heutige Gesellschaft, nicht nur die Jugend, ist sehr viel mobiler und über das Internet vernetzter. Die Vernetzung ist in der Tat noch sehr viel wichtiger geworden, auch die wissenschaftliche. Es gibt zahlreiche Projekte zwischen verschiedenen Unis und Hochschulen, die sich gegenseitig befruchten und von denen man gegenseitig profitieren kann. Und deshalb ist es auch wichtig, dass die Uni Basel gut da steht, denn so ist sie eine interessante Partnerin.

Die Uni sollte aber auch quasi «interessenfrei» forschen können und eine kritische Instanz sein. Inwiefern kann es ein Ziel sein, dass die Uni ein Wirtschaftsmotor ist?

Die Uni steht nicht isoliert da. Sie treibt die Wirtschaft an, selbst wenn sie dies nicht als Ziel hat. Ich sehe als Naturwissenschafter auch überhaupt keine Gefahr darin, dass eine Forschungszusammenarbeit die Unabhängigkeit gefährdet. Dies auch, weil in der Industrie immer schon auch Grundlagenforschung betrieben wurde. Firmen missbrauchen die Uni nicht als ausgelagerte Forschungsstätte. Das sind echte Gesprächs- und Forschungspartner. Es ist im Gegenteil so, dass Firmen Forschung ermöglichen, für die die Uni nicht die Mittel hätte. Ein Professor, der nur Auftragsforschung betreibt, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Anwendungsorientierung soll ein Aspekt sein, aber nicht der einzige. Es ist gut, wenn versucht wird, die Grundlagenforschung der Uni in Anwendungen zu gebrauchen. Das ist nichts Böses.

Was müsste stattfinden, dass die Uni zu einem noch besseren «Wirtschaftsfaktor» wird – falls das überhaupt ein Ziel ist.

Die Uni ist selbst ein Wirtschaftsfaktor, es arbeiten hier viele hoch qualifizierte Gutverdiener, deren Einkommen auch wieder durch den Lebensunterhalt oder in Form von Steuern zurückfliessen. Weiter gibt es den soziokulturellen Einfluss der Universität, der den Standort attraktiv macht. Aber es kann nicht das Ziel sein, dass sich der Staat eine Uni aufbaut, um damit Profit zu erzeugen. Das soll nicht in den Zielsetzungen eines Kantons stehen. Es denkt auch niemand daran, dass eine Primarschule wirtschaftlichen Ertrag generieren soll. Zur Förderung der lokalen Wirtschaft könnte man versuchen, das unternehmerische Denken zu fördern, zum Beispiel durch fachübergreifende Seminare. Natürlich könnte eine Hochschule Eigenmittel generieren, indem Weiterbildung gegen Entgelt angeboten wird. Dies könnte auch in ausgelagerten Prestige-Instituten geschehen. Ob so etwas Aufgabe des Staates ist, ist allerdings eine andere Frage.

Die Uni kann auch von Patenten profitieren.

Ja, das ist schon seit einigen Jahren so institutionalisiert. Die Uni verwertet heute ihr geistiges Eigentum selbst. Es ist durchaus sinnvoll, dass die Patente, die die Erfinder nicht selbst nutzen wollen, gut auslizenziert werden. Andererseits sollen potenzielle Jungunternehmer durch günstige Konditionen ermutigt werden, ihre Erfindung zu einem Produkt weiterentwickeln. Und wenn jemand das Risiko auf sich nimmt und am Schluss Erfolg hat, fällt immer noch genug für die Uni ab. Hier ist die Starthilfe wichtiger als die eigene Gewinnoptimierung.

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