Seit mehr als einem halben Jahrtausend feiert die Universität Basel einmal im Jahr sich selbst. Am 556. Dies academicus stellte Rektorin Andrea Schenker-Wicki Glück und Glücksgefühle in das Zentrum ihrer Dies-Rede. Vor den Zuhörern in der Martinskirche ging sie auch auf die stürmischen Zeiten ein, in denen sich die Universität aufgrund der Spardrohungen aus dem Kanton Baselland befindet. Dabei rief sie in Erinnerung: «Eine Forschungsuniversität, wie sie Basel hat, ist ein veritabler Glücksbringer.»

Appell an die Politik

Über die Glückseligkeit bei Aristoteles, die universitäre Glücksforschung (Schenker-Wicki: «Die Wissenschaft hat gezeigt, dass wir etwa zur Hälfte unseres Glücks selbst etwas beitragen können») und glückliche Länder («Die Schweiz liegt auf Platz 2») arbeitete sie sich zum Kern ihrer Rede vor: Die Universität trage zum Glück einer ganzen Region bei. Das schafft sie laut der Rektorin etwa, indem sie durch hochwertige Ausbildung die Chance auf ein gutes Einkommen und tiefe Arbeitslosigkeit erhöht. Zum Schluss ihrer gut 40-minütigen Rede appellierte sie an die Politik: «Tragen Sie Sorge zum Glück in der Region und zur Uni, die zu diesem Glück beiträgt.»

Schenker-Wicki redete nicht nur vom Glück, sie schaffte auch Glücksgefühle: Etwa bei den acht neuen Ehrendoktorinnen und -doktoren der Universität (siehe Kurzporträts). Oder bei den Olympia-Goldruderern Lucas Tramèr («Der macht daneben noch Medizin!») und Simon Niepmann («Sportwissenschaften und Geografie – das ist auch nicht ohne!»). Tramèr und Niepmann erhielten wie schon letztes Jahr, als sie Welt- und Europameister geworden waren, einen Sonderpreis. Zu Ehren kam auch Kurt Pelda. Der Basler Kriegsreporter und Absolvent der Nationalökonomie an der Uni Basel erhielt den Alumni-Preis der Ehemaligen-Vereinigung. Mit dem Amerbachpreis zur Förderung und Auszeichnung des wissenschaftlichen Nachwuchses zeichnete die Uni Nesina Grütter aus für ihre Doktorarbeit mit dem Titel «Quasi Nahum. Ein Vergleich des masoretischen Texts und der Septuaginta des Nahumbuchs» aus.

Faust für das Baselbiet

Nach der Feier wartete im Foyer des Theaters das Dies-Essen. Davor und dazwischen war am Rednerpult abermals die Lage der Universität das Thema, nun aber gemischt mit viel Humor. So zitierte Schenker-Wicki in Anspielung auf die Baselbieter Sparpläne aus Fausts Eröffnungsmonolog: «Ich sehe, dass wir nicht investieren können. Das will mir schier das Herz verbrennen.» Den Faust könne das Baselbiet indes trotz der knappen Mittel aufführen, denn es brauche dazu ja nur vier Schauspieler. Zum Schluss sandte sie ein Dankeschön Richtung Baselland: «Ohne euch hätte die Uni nicht zur Weltspitze aufschliessen können.»

Erziehungsdirektor Christoph Eymann wandte sich zum letzten Mal als Regierungsrat an die Dies-Gesellschaft. Er gab seiner Nachfolge drei Ratschläge mit. Er tue das durchaus selbstkritisch, merkte er an. Der erste Rat lautete: «Seien Sie glasklar und konsequent gegenüber den politischen Kräften im Nachbarkanton, welche meinen, eine Universität müsse eine Kosten-/Nutzenrechnung aufweisen.» Es gelte darüber hinaus aber auch, in der eigenen Regierung Kollegen für eine starke Uni zu gewinnen und von der Uni einzufordern, sparsam mit den Mitteln umzugehen.

Wer die Probleme der Universität zu lösen vermag, war für Thomas Bachmann, Meister der Akademischen Zunft, klar. In seiner Fassrede meinte er in Anspielung auf Donald Trumps Wahlmotto: «Ich wette ohne Zögern eins zu zehn, Frau Schenker makes the Uni great again!» Daneben handelte Bachmann auch andere aktuelle Basler Angelegenheiten mit viel Humor ab. Das tönte etwa so: «Wenn die verkehrsberuhigte Innenstadt den ihr diktierten inneren Frieden hat, dann ist es aus mit Shoppingmeile, an ihre Stelle tritt die Langeweile. Denn das, was man so täglich braucht zum Leben, wird’s in der Innenstadt dann nicht mehr geben: Rivella, Galakäse, Milch und Schoggi, Getreideriegel, Ovo, Tee und Stocki, (...) dies alles gibt es hier an einem Ort. Doch leider ist die Hauptpost bald schon fort.»

Thomas Hürlimann

Erforscher des Glaubens: Thomas Hürlimann (65), Ehrendoktor der Theologischen Fakultät. Der bekannte Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann (Fräulein Stark, Vierzig Rosen) hat die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Die Universität preist ihn für die Leistung, «die religiöse Grundierung der säkularisierten Schweiz» sichtbar gemacht zu haben. Ausserdem habe er sich in seinem Werk variantenreich mit der Frage der Theodizee (Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels) beschäftigt und ein feinsinniges literarisches Bild der Geschichte des Judentums in der modernen Schweiz gezeichnet.

Elisabeth Freivogel

Kämpferin für Gleichberechtigung: Elisabeth Freivogel (63), Ehrendoktorin der Juristischen Fakultät. Die Baselbieter Anwältin Elisabeth Freivogel setzt sich seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Dabei konnte sie einige Erfolge feiern. Ein Beispiel ist der in der Verfassung festgehaltene Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In diesem Bereich hat sie die Rechtsentwicklung entscheidend beeinflusst. Die Universität nennt sie eine engagierte und furchtlose Anwältin und ein Vorbild für junge Juristinnen und Juristen, die «für zahlreiche Frauen gerechtere Löhne erkämpft hat».

Hans-Rudolf Stoll

Pionier der Onkologiepflege: Hans-Rudolf Stoll (65), Ehrendoktor der Medizinischen Fakultät. Hans-Rudolf Stoll, ehemaliger Leiter der Pflege von Krebspatienten (Onkologiepflege) am Basler Unispital erhält die Ehrendoktorwürde für seinen Beitrag zu Innovationen in der Onkologiepflege sowohl im Spital als auch im häuslichen Bereich. Als sein grösstes Verdienst nennt die Universität die schweizweite Etablierung der Onkospitex, die spezialisierte Beratung und Pflege von Krebspatienten. Ausserdem hat Stoll durch Publikationen die evidenzbasierte Onkologiepflege national und international mitgestaltet und weiterentwickelt.

Barbara Duden

Historikerin des Körpers: Barbara Duden (74), Ehrendoktorin der Philosophisch-Historischen Fakultät. Barbara Duden ist Medizinhistorikerin und Geschlechterforscherin. Die emeritierte deutsche Professorin für Geschlechter- und Kultursoziologie gilt als Pionierin der internationalen Geschlechterforschung und als Mitbegründerin einer Kulturwissenschaft der Life Sciences. Sie war wesentlich daran beteiligt, den Körper als Gegenstand der Geschichtswissenschaft zu etablieren. Darüber hinaus verbindet die Nachfahrin von Konrad Duden, Schaffer des gleichnamigen Rechtschreibwörterbuchs, erfolgreich wissenschaftliche Forschung und gesellschaftspolitisches Engagement. Insbesondere hat sich Duden mit Fragen rund um Embryos beschäftigt, konkret mit der gesellschaftlichen und strafrechtlichen Beurteilung von Embryonenforschung und -nutzung.

Sam Keller

Meister der Kunstausstellung: Sam Keller (50), Ehrendoktor der Philosophisch-Historischen Fakultät. Sam Keller war acht Jahre Direktor der Art Basel und ist heute Direktor der Fondation Beyeler. Es sei ihm «in einzigartiger Weise gelungen», so die Universität, aus der Art Basel jedes Jahr ein «temporäres, international konkurrenzloses und in seinen Setzungen kanonisches ‹Museum› zeitgenössischer Kunst zu machen». Keller habe in all seinen Tätigkeiten die Kunst durch Auswahl, Hängung und Kombination zum «Sprechen» gebracht. Ausserdem lobt die Uni, Keller habe beispielhaft mit der akademischen Welt zusammengearbeitet.

André Gorsatt

Jäger der Mineralien: André Gorsatt (68), Ehrendoktor der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. André Gorsatt hat sich die Kenntnisse der Geologie und Mineralogie im Selbststudium beigebracht. Sein Beitrag zur Mineralogie besteht zum einen aus spektakulären Funden wie der einzigartigen Aquamarin-Ader am Wannigrat. Zum anderen lieferte Gorsatt eine nahezu lückenlose, systematische Sammlung und Beschreibung von Mineralien des Binntals im Wallis, wo er aufwuchs und noch heute lebt. Die Uni preist ihn als «international anerkannten Fachmann und wertvollen wissenschaftlichen Partner der Basler Mineralogie an der Universität und im Naturhistorischen Museum».

Stephen Cecchetti

Koryphäe der Geldpolitik: Stephen G. Cecchetti (60), Ehrendoktor der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Stephen Cecchetti ist gemäss der Uni einer der wichtigsten Experten für Finanzstabilität und internationale Geldpolitik. Von 2008 bis 2013 arbeitete er in leitender Funktion bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Davor und danach wirkte er als Professor an einer US-Universität. Die Ehrendoktorwürde erhält er für «hervorragende Sachkenntnis zu Fragen der Finanzstabilität», für seine «nicht fundamentalistischen» Beiträge zu Fragen der internationalen Währungspolitik und für seine Verdienste beim Aufbau einer dauerhaften Beziehung zwischen BIZ und Uni.

Norbert Schwarz

Revolutionär der Urteilsforschung: Norbert Schwarz (63), Ehrendoktor der Fakultät für Psychologie. Professor Norbert Schwarz gehört laut der Uni zu den einflussreichsten zeitgenössischen Sozialpsychologen. Seine Forschung fokussiert auf Prozesse der Urteilsbildung, die die Uni mitunter als «revolutionär» bezeichnet. Schwarz hat gezeigt, dass man Urteile nicht aufgrund Abwägens gesammelter Informationen fällt, sondern aufgrund von Gefühlen. Das entspreche den täglichen Anforderungen menschlichen Entscheidens viel eher als intensives Nachdenken. Ausserdem hat Schwarz entscheidende Beiträge zur Erforschung des subjektiven Wohlbefindens geleistet.

Sonderpreis für Olympia-Goldruderer von Rio

Die Universität Basel verleiht dieses Jahr erneut einen Sonderpreis, und erneut geht er an die Masterstudenten Simon Niepmann und Lucas Tramèr. Die Ruderer holten im Sommer in Rio de Janeiro Olympia-Gold im Leichtgewichtsvierer. 2015 wurden sie Welt- und Europameister. Niepmann studiert an der Uni Basel Sportwissenschaften und Geographie, Tramèr Medizin. Der Alumni-Preis der Ehemaligen-Vereinigung geht an Kurt Pelda. Pelda schloss 1993 sein Studium der Nationalökonomie in Basel ab und berichtet heute als Kriegsreporter aus Krisengebieten. Mit dem Amerbachpreis zur Förderung und Auszeichnung des wissenschaftlichen Nachwuchses zeichnet die Uni Nesina Grütter aus. Die Oberassistentin für Altes Testament und Semitische Sprachwissenschaft erhält den mit 5000 Franken dotierten Preis für ihre Doktorarbeit mit dem Titel «Quasi Nahum. Ein Vergleich des masoretischen Texts und der Septuaginta des Nahumbuchs». Den Sportpreis, gestiftet von den Basler Versicherungen, holt sich Kaspar Hägler, Masterstudent in Wirtschaftswissenschaften. Hägler gewann 2016 an der Studenten-WM in Miskolc (Ungarn) zwei Silbermedaillen im Orientierungslauf.

Die Fakultätspreise für Doktorarbeiten und Studien gehen an: Jonathan Stutz (Theologische Fakultät), Beat Jucker und Saskia Stucki (Juristische Fakultät), Kristina Affolter (Medizinische Fakultät), Julian Genner (Philosophisch-Historische Fakultät), Susanne Baumann und Christoph Klöffel (Philosophisch-Naturwissenschaftliche Fakultät), Kristyna Ters (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät), Olivia Manicolo und Klara Sifalakis-Spalek (Fakultät für Psychologie).

Für ihre Masterarbeiten erhalten Sophia Anna Joray den Emilie-Louise-Frey-Preis zur Förderung junger Wissenschafterinnen und Claudia Speiser den Nachwuchsförderpreis der Studentenverbindung «Schwizerhüsli».