Carl Burckhardt

«Und gebt der verdammten Stadt einen Tritt!»

Die Geschichte von Bildhauer Carl Burckhardt (1878–1923) und seinem ambivalenten Verhältnis zur Stadt Basel.

Kurz vor seiner Abreise nach Rom im Herbst 1899 verfasst Carl Burckhardt ein unveröffentlichtes Gedicht. Darin zieht Apollo, der griechische Gott der Kunst, in einem goldenen Wagen und im «Gedräng von weissen Rossen» über den blauen Himmel einer «Kleinstadt». Der Dichter fleht: «Haltet an ihr weissen Schaaren / Haltet! hört! und nehmt mich mit / Befreit den Griechen von den Barbaren […] Und gebt der verdammten Stadt einen Tritt!»

Vor allem in seinen Jugendjahren gibt Burckhardt abwertende, ja geradezu gehässige Urteile über die Stadt und ihre Bewohner ab. Er fühlt sich den Baslern, die seine Kunst scheinbar ablehnen und denen er mangelndes Kunstverständnis vorwirft, geistig und moralisch überlegen. Dennoch lebt er von 1883 bis 1920 in Basel, wenn auch mit Unterbrüchen, bedingt durch das Studium in München und lange Italien-Aufenthalte.

Von 1905 bis 1907 wohnt er in Arlesheim. In Basel liegt sein soziales Zentrum, hier hat er Freunde, seine Familie unterstützt ihn – und er bekommt immer wieder Aufträge, die ihn manchmal gegen seinen Willen in der Stadt festhalten.

Burckhardt vermutet überall Feindseligkeit und Missgunst

Als angehender Künstler glaubt Burckhardt, nur in Italien künstlerische Anregung zu finden, nicht aber in Basel. Aus Rom zurückgekehrt, kanzelt er in einem Brief an einen Freund die gesamte hiesige Architektur ab. Unter anderem behauptet er, die 1901 vollendete Pauluskirche, an deren Fassade er ein Relief schaffen soll, stehe «schief» und sei «bunt, wie aus einem Bausteinkasten hervorgeholt». Den Erweiterungsbau des Rathauses, eben fertig geworden, tadelt er als «geradezu ‹g’schähmig›!»

Burckhardt vermutet überall Feindseligkeit und Missgunst. Die Gemälde, die er aus Italien mitbringt und in der Weihnachtsausstellung 1904 in der Kunsthalle zeigt, seien absichtlich schlecht gehängt worden, sodass er nichts verkaufen könne.

In einem Brief an seine zukünftige Ehefrau Sophie Hipp klagt er: «Die roten Männer versteht kein Mensch.» «Fischer von Sorrent» – so der heutige Titel des Gemäldes – sei «das erste Bild an dem ich mich selbst erkenne u. zu dem ich ganz stehen kann. Ich suche auch mein Heil nicht fürder in Basel.»

Seine Venus: Zuerst abgelehnt, danach ein Skandal

Er überhäuft die Basler Kunstszene mit wütendem Spott. Er spricht von «baslerischen Winkelkunstmäcenen», regt sich über «heiser durch einen Koder redende Baslerherren im Zylinder» auf und fühlt sich unfähig, «gegen die Bosheit und das Gift und den Neid meiner Landsleute zu kämpfen».

Tatsächlich nehmen die Basler seine Kunst nicht immer gnädig auf. Sein Relief an der Pauluskirche wird wegen der muskulösen Körper der Figuren im Volksmund als «Steinenringkampf» bespöttelt.

Eine bittere künstlerische Niederlage ist die Ablehnung der «Venus», einer halb nackten, mehrfarbigen Marmorstatue. Burckhardt hätte die Skulptur gerne im Böcklin-Saal der öffentlichen Kunstsammlung – damals im Museum an der Augustinergasse – gesehen. Doch das Museum führt zunächst statische Probleme in den Ausstellungssälen ins Feld, später löst die Skulptur einen Skandal aus, weil das Modell, Charlotte Schmidt-Hudtwalcker, eine Basler Professorengattin war.

Nirgends war er so erfolgreich wie in Basel

Erst 1967 findet das Werk einen definitiven Standort in einem Böcklin-Saal, allerdings in demjenigen des Kunsthauses Zürich. Objektiv betrachtet war Burckhardt nirgends so erfolgreich wie in dieser in seinen Augen «grauen formenarmen protestantischen Stadt».

Es war der Basler Kunstverein, der die Verantwortlichen drängte, Burckhardt mit der Ausführung des Reliefs an der Pauluskirche – seinem ersten Auftrag im öffentlichen Raum, dem weitere folgten – zu betrauen. Von den in der Weihnachtsausstellung «ungünstig ausgestellten Sachen» konnte er wider Erwarten einige verkaufen. Die «Fischer von Sorrent» wurden von der Burckhardt’schen Familienstiftung erworben und dem Kunstmuseum Basel geschenkt.

Die Brunnen vor dem Badischen Bahnhof waren zwar ein Direktauftrag des Architekten Karl Moser, doch bezahlt wurden sie vom Baudepartement Basel-Stadt. Der «Ritter Georg» am Kohlenberg war ein Auftrag des Kunstkredits, die «Amazone, Pferd führend» an der Schifflände einer des Kunstvereins.

Die Situation vor dem heutigen Badischen Bahnhof müsste seine Meinung bestärken

Um den Bronzeguss der Amazone finanzieren zu können, wurde gar erwogen, auf eine Van-Gogh-Ausstellung zu verzichten. Auch seine Tätigkeit als Mitglied der Kommission des Kunstvereins wurde geschätzt: Als er 1920 mit seinem Wegzug nach Ligornetto seine Demission als Kommissionsmitglied einreichte, wurde er gebeten, zu bleiben.

Und heute? Die Verwandlung der ursprünglichen Situation vor dem Badischen Bahnhof, bei der die beiden Brunnenfiguren eine zum Haupteingang führende Treppe flankierten, zu einem chaotischen Veloparking um die völlig verschmutzten, grün und schwarz gefärbten Skulpturen müsste Burckhardt in seiner Meinung über die Basler als Kunst-Barbaren bestärken.

Und er hätte es vielleicht als Manko empfunden, dass seine Malerei – seine wahre Leidenschaft – weder in der umfassenden Ausstellung seiner Plastik, noch im Sammlungsteil des Kunstmuseums Basel zu sehen ist – auch nicht die Fischer von Sorrent.

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