BVB-Krise
Umdenken bei den BVB: Leitung will doch keine Stellen abbauen

Der neue BVB-Verwaltungsratspräsident Kurt Altermatt nimmt im Interview Stellung zum umstrittenen Sparprogramm Avanti, zum schlechten Betriebsklima und zur Million fürs Elsass.

Benjamin Rosch & Jonas Hoskyn
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Kurt Altermatt ist seit zwei Monaten Verwaltungsratspräsident der BVB.

Kurt Altermatt ist seit zwei Monaten Verwaltungsratspräsident der BVB.

Nicole Nars-Zimmer niz

Herr Altermatt, vergangene Woche wurde definitiv entschieden, dass die BVB die umstrittene Beteiligung von einer Million Euro für Frankreich übernehmen. Haben Sie das Geld bereits überwiesen?

Kurt Altermatt: Nein, aber wir werden dies sicher noch vor der Eröffnung der Tramlinie am 9. Dezember machen.

Zur Person

Über Nacht zum Präsidenten

Kurt Altermatt ist seit 2014 Verwaltungsrat der BVB. Als Ende Juni die Geschäftsprüfungskommission (GPK) ihren Bericht zur BVB vorstellte, gaben am gleichen Tag der Verwaltungsratspräsident Paul Blumenthal und sein Vize Paul Rüst ihren sofortigen Rücktritt bekannt. Wenige Tage später ernannte der Regierungsrat Kurt Altermatt als interimistischen Präsidenten. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler (Dr. oec. HSG) amtete von 1986 bis 2000 als Finanzverwalter des Kantons Solothurn. Anschliessend arbeitete er an der Universität Basel als Verwaltungsdirektor. Ab 2005 war er für die Verselbstständigung der Solothurner Spitäler verantwortlich und leitete diese anschliessend bis zu seiner Frühpensionierung 2013 als CEO. Der heute 66-Jährige wohnt in Solothurn. (hys)

Gibt es noch Hindernisse, die der Überweisung im Wege stehen?

Wir haben vor einem Jahr eine Rahmenvereinbarung und vor zwei Wochen die konkrete Betriebsvereinbarung unterzeichnet, welche die Grundbedingung für die Beteiligung der BVB war. Es gibt noch ein paar Detailfragen, die noch nicht ganz finalisiert sind. Das wird in den nächsten paar Wochen passieren. Aus unserer Sicht sind eigentlich alle Vorbedingungen erfüllt. Unser Fahrpersonal fährt zu Ausbildungszwecken bereits auf der Linie.

Woher nehmen Sie eigentlich die Million? Die BVB sind ja kein privates Unternehmen mit eigenem Vermögen. Das Unternehmen und damit auch allfällige Gewinne gehören dem Kanton. Sie haben faktisch gar kein Geld, das Sie überweisen können.

Das ist ein Missverständnis. Wir haben wie alle anderen Unternehmen eine Bilanz, welche die ganze Vermögenssituation darstellt. Wir haben eine Betriebs- und eine Erfolgsrechnung. Wenn es gut läuft, machen wir einen Gewinn, den wir dann ins Eigenkapital übernehmen. Was damit passiert, darüber kann dann der Regierungsrat befinden.

Also zahlt am Ende doch trotzdem der Kanton. Entweder via Nachtragskredit oder indem er die fehlende Million halt später einschiesst.

Wir sind als öV-Unternehmen defizitär. Es ist so, dass die Billette nicht kostendeckend sind. In diesem Sinn haben Sie Recht: Wenn wir nicht effizient sind, muss der Kanton mehr zahlen. Im laufenden Jahr sind wir aber deutlich besser als budgetiert. Wir rechnen heute damit, dass wir Ende Jahr zweieinhalb Millionen Franken Gewinn haben werden. Die Einnahmen sind höher als prognostiziert, und gleichzeitig konnten wir Kosten einsparen. Daraus nehmen wir die Million.

Führen Sie dieses gute Abschneiden bereits auf Ihr Effizienzsteigerungsprogramm Avanti zurück?

Nicht unbedingt. Avanti ist erst dieses Jahr so richtig gestartet.

Trotzdem hat das Sparprogramm schon für viel Unmut in der Belegschaft gesorgt.

Wir haben vor ein paar Jahren festgestellt, dass die BVB nicht wirklich konkurrenzfähig sind. Wir haben zu viel Aufwand für unsere Leistung. Unsere Kosten pro gefahrenen Kilometer sind zu hoch. Da stehen wir dem Steuerzahler gegenüber in der Pflicht. Ein anderer Bereich ist die Frage des Unterhalts der Schienen und des Rollmaterials. Auch die Bauabteilung ist unter Druck. Da sind wir zu teuer. Wir haben durchgerechnet, wie viel wir effizienter sein müssten und sind auf eine Grössenordnung von rund 20 Millionen Franken gekommen.

Diese hohe Summe hat Ängste und Sorgen ausgelöst. Wieso halten Sie an dem umstrittenen Sparziel fest, das auch deutlich über die Sparvorgaben hinausgeht, die Ihnen die Regierung gemacht hat?

Die 20 Millionen Franken machen nicht einmal zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Geplant war, dies bis 2020 zu erreichen. Heute sagen wir: Am Ziel wollen wir festhalten, aber nicht so schnell. Wir müssen den Zeitraum sicher um zwei, drei Jahre verlängern.

Geschah dies auf Weisung des Eigners?

Nein, der Entscheid lag bei uns. Es war aber sicher auch die Meinung von Hans-Peter Wessels.

Die Klagen über Avanti sind schon seit Monaten zu hören. Warum reagiert man erst jetzt?

Im Unternehmen war es schwierig, mittendrin einfach zu sagen, wir machen langsamer. Man hat sich ein Ziel gesetzt und viel Engagement reingesteckt, um die Leute zu überzeugen. Man hat beispielsweise mit den Mitarbeitern der Instandhaltungswerkstatt, die den Combino warten, geschaut, wie man effizienter werden kann. Die Hoffnung war, dass die Mitarbeitenden selber erleben, wie sie sich verbessern können und dann auch überzeugt sind davon.

Das hat aber nicht geklappt. Wir haben mit mehreren Mitarbeitern aus den Werkstätten gesprochen. Der Tenor: «Auf unserem Rücken werden untaugliche Konzepte durchgestiert.»

Es gibt sicher Leute, die Ängste haben. Wir hatten aber auch begeisterte Rückmeldungen.

Das Sparprogramm...

Ich möchte von einem Effizienzsteigerungsprogramm sprechen. Das ist ein Unterschied.
Erklären Sie uns den.
Bei einem Sparprogramm stehen Kürzungen vom Aufwand im Vordergrund. Bei Avanti geht es darum, die Prozesse zu verbessern und zu verschlanken. Dass man das Ziel mit weniger Kosten erreichen kann, ist quasi ein Nebenprodukt.

Das tönt ja schön und gut, aber verschlanken bedeutet unter dem Strich auch nichts anderes als Stellenabbau.

Es ist sicher so, dass wir bei gewissen Prozessen künftig weniger Personal brauchen. Die Frage ist, wie wir als Arbeitgeber mit dieser Situation umgehen. Gelingt es beispielsweise durch neue Aufträge die frei werdenden Kapazitäten zu füllen? Es kann sein, dass ein Job wegfällt, aber der Arbeitnehmer dann neu eingesetzt werden kann. Wir sind ein zuverlässiger Arbeitgeber.

Konkret: Können Sie garantieren, dass es in den nächsten Jahren nicht zu einem Stellenabbau kommt?

Ja, wir werden sicher genügend Arbeit haben, sodass wir all unsere Leute brauchen.

Viele Mitarbeiter machen für das schlechte Betriebsklima auch die aktuelle Geschäftsleitung, die Avanti gestartet hat, direkt verantwortlich. Klappt der von Ihnen skizzierte Neustart mit dieser Besetzung, oder wurde schon zu viel Geschirr zerschlagen?

Ich glaube, das geht. Die Geschäftsleitung lernt auch aus diesem Prozess. Sie schätzt die Situation auch nicht mehr gleich ein wie vor drei Jahren. Der Direktor sieht heute auch, dass wir langsamer vorgehen müssen als geplant.

Ein Thema sind auch die überdurchschnittlich vielen Krankheitstage, namentlich im Fahrdienst. Wie werden Sie das angehen?

Ich führe die hohen Zahlen auch als Reaktion auf die Unzufriedenheit zurück. Man muss die Ursachen mit den Leuten direkt anschauen.

Die Aussagen, die wir von BVB-Mitarbeitenden gehört haben sind erschreckend: Da ist von Psychoterror, Mobbing und Angstmache die Rede. Wie kriegt man da wieder eine Vertrauensbasis hin?

Ein wichtiger Teil ist, dass man diesen Ängsten auf den Grund geht. Daran müssen wir stärker arbeiten. Als ich vor zwei Monaten Verwaltungspräsident geworden bin, bin ich als erste Amtshandlung mit der Personalkommission und den Verbänden zusammengesessen und habe mir angehört, was sie für Probleme haben.

Ihre Ernennung kam sehr überraschend. Nach dem abrupten Abgang von Paul Blumenthal und seinem Vize Paul Rüst wurden Sie innert kurzer Zeit zum Verwaltungsratspräsidenten bestimmt. Wie lief dies genau ab?

Für mich war der Abgang dieser beiden eine Überraschung, die ich sehr bedauere. Es stellte sich dann die Frage, wer von den verbleibenden sechs Verwaltungsratsmitgliedern die Arbeit weiterführen könne. Ich wurde angefragt und hatte die Kapazitäten dafür, da ich pensioniert bin.

Sind Sie ein Interimspräsident, oder wollen Sie weitermachen?

Es wurde ganz klar kommuniziert: Ich bin Verwaltungsratspräsident ad interim bis Ende Jahr. Danach stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Ich hätte Freude, weiterhin diese Rolle auszuüben. Ich glaube an die BVB und dass wir gut unterwegs sind. Aber ich sehe auch die Rahmenbedingungen der Regierung bei der bevorstehenden Wahl des Verwaltungsrats: Es gibt eine Frauenquote, es braucht einen Anteil von Verwaltungsräten, die in Basel wohnen. Diese Kriterien erfülle ich beide nicht. Dazu kommt das öV-Know-how: Auch das bringe ich nicht mit.

Wie beurteilen Sie den Umstand, dass weder Verwaltungsratspräsident, noch Vizepräsidentin, noch Direktor in Basel wohnen?

Ich denke, das sollte kein Hindernis sein.

Aus dem linken Lager gibt es Bestrebungen, die BVB wieder in die Verwaltung zu integrieren. Wie stehen Sie dazu?

Das ist eine ganz schlechte Idee. Ich bin seit 2014 dabei. Wenn ich sehe, wie die Prozesse hier funktionierten: nicht am Markt orientiert, nicht dem Wettbewerb ausgesetzt. So kann ein öV-Unternehmen nicht laufen.

Also ein Teil jenes Fetts, das man mit Avanti versucht loszuwerden, ist dem Umstand geschuldet, ein Verwaltungsbetrieb gewesen zu sein?

Sicher, ja.

Umgekehrt könnte man auch sagen: Seit der Auslagerung stehen die BVB in den Negativ-Schlagzeilen.

Ich kann das schwer vergleichen. Ich denke aber nicht, dass das mit der Auslagerung zu tun hat. Ich kann nicht beurteilen, ob Frankreich auch eine Million versprochen worden wäre, wenn das Unternehmen ganz in Händen der Verwaltung wäre. Immerhin hat man ja nach Weil auch eine Million bezahlt.

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