Claude Cueni ist der Berserker unter den Schweizer Autoren. Seit Jahren veröffentlicht er im 12-Monate-Takt. Ein Vielschreiber, über den Langsamschreiber auch mal die Nase rümpfen. Mit Unterhaltungsromanen wie «Pacific Avenue» erreicht er ein breites Publikum. Mit Sachbüchern wie der «Kulturgeschichte der Scheisse» ebenso. Seine Produktivität steht diametral zu seinem Gesundheitszustand. Der heute 62-Jährige leidet seit Jahren an Leukämie. Der Tod steht vor der Tür. Da öffnet man besser nicht und schreibt.

In seinem neusten Buch verquickt der Basler zwei konträre Themen: ein Jugend-Comic mit der Reflexion über die Sterblichkeit. Die Hauptfiguren in «Warten auf Hergé» sind die weltberühmten Figuren des belgischen Autors, denen Cueni die Originalnamen lässt: Tintin und Filou, Kapitän Schellfisch, der Butler James, die beiden dusseligen Agenten von Pinkerton und der schwerhörige Professor.

Dass der Titel auf Becketts berühmtes Stück anspielt, legt der Autor offen, wenn James zu Tintin sagt: «Kommen Sie, wir müssen gehen.» «Wir können nicht.» «Warum nicht?» «Wir warten auf Hergé.»

Auf der Suche nach dem Autor

Das Warten und die Suche nach dem Autor ist die Heldenreise dieses Romans. Wir schreiben das Jahr 1986. Im Château Cheverny betrinkt sich Tintin und schaut in Endlosschlaufe einer Wetterfee zu. Hergé, sein Autor, hat ihn schon Jahrzehnte nicht mehr auf ein Abenteuer geschickt. Aber seit einiger Zeit geschieht Beunruhigendes. Tintin scheint zu altern, Filou leidet an Gebrechen. Der versoffene Kapitän, der mit einer Geliebten im Mittelmeer rumdümpelt, hat Potenzprobleme. Woran liegt es, dass sie, die unsterblichen Figuren, plötzlich der Vergänglichkeit anheimfallen?

Alle machen sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung. Die Detektive in der Klinik, wo Hergé zuletzt war, Tintin beim Psychiater in Zürich. Letztendlich müssen die Figuren feststellen: Ihr Schöpfer ist bereits 1983 gestorben. Beim Besuch seines Grabs finden sie dieses jedoch leer vor. Die folgende Suche nach Hergés Leiche führt auf eine klassische Tim-und Struppi-Reise nach Arizona.

Da es sich bei dieser Story um einen holzschnittartigen Comic handelt, sei hier das Ende auch nicht verraten. Verhandelt werden kann jedoch die Frage, ob Comic als Roman funktioniert. Nur bedingt, lautet die Antwort. Gerade dort, wo es lustig sein soll, wirkt das Wort plump. Figuren, die dauernd hinfallen oder in Torten treten, funktionieren visualisiert besser.

Wenn dann die dunkelhäutige Prostituierte wie «eine Gazelle durch die Schiffskoje» hüpft, wankt nicht nur das Boot, sondern auch die Stilsicherheit in der Beschreibung von Frauen. Und dass im Jahr 1986 Hummer-Cars rumfahren, die es erst seit 1992 gibt, und gegoogelt wird, obwohl Google 1998 gegründet wurde, mag der Comic-Ebene geschuldet sein, ist aber unschön ungenau.

Der zweifelhafte Monsieur Hergé

Ist das Buch also ein harmloses Experiment mit Kinderfiguren? Dass dem nicht so ist, ist einer anderen Ebene geschuldet, die wirklich interessant ist. Auf der Suche nach Hergé begegnen seine Figuren Menschen aus dem Leben des Autors. Den Ex-Frauen, den ehemaligen Co-Autoren, seinen Freunden aus dem Umfeld der Rexisten, den belgischen Nazis, denen Hergé angehörte.

Cueni zeichnet so, eingewoben in den Comic-Plot, die Biografie dieses Autors nach, der es geschafft hat, Abermillionen von jugendlichen Lesern zu finden, obwohl es während und nach dem Krieg klar war, auf welcher Seite er stand: ein Verehrer von Mussolini und Hitler, Holocaustleugner bis ans Lebensende. Ein Kollaborateur, der mit dem Zeichenstift auch mal den Juden als Gauner ins gewünschte Licht rückte. Ein Autor, der seine zahlreichen Co-Autoren verleugnete und sich weigerte, dass sein Werk jemand anders fortsetzt.

Mit dieser detaillierten, durch zahlreiche Quellenangaben abgestützten Biografie verliert Cueni zwar ab und an seine Figuren aus den Augen. Sie sind Vehikel, um die Geschichte Hergés zu erzählen. Diese ist aber ebenso spannend wie ungeheuerlich. Wir lesen: Die Vorlage für den Saubermann Tim war der belgische SS-Standartenführer Léon Degrelle. Diejenige für Struppi Hitlers Foxterrier Fuchsl.

 

Claude Cueni stellt heute Freitag, 9. November, um 19.30 Uhr sein neues Buch bei Orell Füssli in Basel vor. buchbasel.ch.