«La Bohème»

Theater-Basel-Dirigentin Kristiina Poska: «Je mehr Dimensionen, desto besser»

Kristiina Poska dirigiert «La Boème».

Kristiina Poska dirigiert «La Boème».

Die estnische Dirigentin Kristiina Poska ist für dieses Jahr ad interim Musikdirektorin am Theater Basel. Aktuell dirigiert Poska Puccinis Oper «La Bohème» und im Neujahrskonzert schwelgt sie in den Klängen der Wiener Operette.

Sie sind am Theater Basel Chefdirigentin für ein Jahr. Was kann man bewirken in so kurzer Zeit?

Kristiina Poska: Natürlich sind alle Fragen, die die zukünftige Planung betreffen, ausgeschlossen. So gesehen sind die Möglichkeiten natürlich begrenzt, aber darum geht es für mich auch nicht. Ich war bisher zurückhaltend beim Annehmen von Chefpositionen. Jetzt habe ich zum ersten Mal wirklich verantwortungsvolle Stellungen, zum einen hier in Basel für ein Jahr, zum anderen beim Sinfonieorchester Flandern. Ich wollte immer dahin kommen, Verantwortung zu übernehmen, aber die Bedingungen müssen stimmen für mich. Erst wenn man sich wohl fühlt und Lust auf eine Aufgabe hat, dann kann man gut arbeiten. In Basel konnte ich schon Strawinskys «Rake’s Progress» dirigieren. Und da habe ich mich verliebt in Basel, in diese Verbindung von geografischer Kleinheit und kultureller Grösse, eine Balance, die einfach zum Verlieben ist.

Sie dirigieren Puccinis «Bohème» und Brittens «Peter Grimes», zwei sehr unterschiedliche Stücke des 20. Jahrhunderts.

«Peter Grimes» ist ein Wunschstück von mir, das ich noch nie dirigiert habe. Die «Bohème» hingegen war damals mein erstes Operndirigat, aber ich habe sie seither nie mehr geleitet. Man sollte diese Partitur wirklich ernst nehmen. Das Stück ist allgemein zwar tragisch und endet traurig, aber es hat auch sehr viele komische Seiten. Das sind ganz normale Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen, und die Musik bringt das sehr brillant zum Ausdruck. Natürlich werden die Gefühle ausgekostet, aber nicht, um möglichst extrem zu sein, sondern als Teil des realen Lebens.

Welche Rolle spielen in «Peter Grimes» die Emotionen aus dem Orchester, im Gegensatz zu Puccini?

Auch bei Puccini kommt vieles aus dem Orchester. Es ist nicht nur ein roter Teppich, der den Sängern ausgerollt wird. Dieser Teppich ist ein Perser mit einem wunderschönen Muster. Bei «Peter Grimes» kommen tatsächlich essenzielle Aussagen aus dem Orchester. Vieles, was von den Personen nicht ausgesprochen wird, sagt das Orchester, und die berühmten «Sea Interludes» sind wirklich musikalische Schwerpunkte dieser Oper. Aber das ist ja auch gerade das, was ich an der Musik liebe, dass sie Dinge sagen kann, die nicht so deutlich und eindeutig sind, die man hinterfragen kann und bei denen auch nach langem Nachdenken immer noch Fragezeichen bleiben. Je mehr Dimensionen, desto besser.

Wie gehen Sie an ein Basler Neujahrskonzert, das vor allem Operetten-selige gute Laune verbreiten soll?

Das scheint ein Widerspruch zu sein, aber ich muss gestehen, dass ich die Wiener Operette einfach ganz tief und innig liebe. Ich suche nie Unterhaltung in der Musik. Existenzielle Fragen, die Psychologie komplizierter Charaktere, das sind eigentlich meine künstlerischen Themen. Und dennoch packt mich ein Dreivierteltakt irgendwo ganz tief drin. Vielleicht hat das mit dem Tanz zu tun, der meiner Meinung nach eine ganz wichtige Ausdrucksform der menschlichen Seele ist. Ich bin, glaube ich, auch ein wenig eine verloren gegangene Tänzerin.

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