Sommerinterview
Telebasel-Chefredaktor Willy Surbeck: «Gefährlich über Glauben zu sprechen»

Chefredaktor Willy Surbeck spricht im Sommerinterview über das 20-Jahr-Jubiläum von Telebasel, wie er zum Fernsehen kam und welche Rolle der Glaube bei seiner täglichen Arbeit spielt.

Matthias Zehnder
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«Vollblutjournalist und Vollblutmusiker»: Telebasel-Chefredaktor Willy Surbeck im Regieraum. Roland Schmid

«Vollblutjournalist und Vollblutmusiker»: Telebasel-Chefredaktor Willy Surbeck im Regieraum. Roland Schmid

Willy Surbeck – wer sind Sie?

Willy Surbeck: Ich bin Vollblutjournalist und Vollblutmusiker. Von meinen Eltern bin ich sehr unterschiedlich geprägt worden: Mein Vater, Landwirt, Posthalter und Gemeinderat stammt aus Schaffhausen, meine Mutter, Lehrerin, aus Strassburg. Im kulturellen Clash dieser beiden Kulturen ist Basel meine Heimat geworden.

Sie sind in Oberhallau im Kanton Schaffhausen aufgewachsen. Wie hat es Sie nach Basel verschlagen?

Immer, wenn wir von zu Hause zu meinen Grosseltern mütterlicherseits gefahren sind, sind wir in Basel über die Dreirosenbrücke gefahren und da habe ich die grossen Rheinschiffe gesehen. Als Achtjähriger durfte ich zum ersten Mal an die Muba in Basel gehen. In Basel habe ich die ersten Zollbeamten gesehen. Kurz: Basel, das war für mich die grosse Welt. Ich wusste wenig über Basel, aber ich habe gespürt, dass hier die grossen Dinge abgehen. Zürich, das ist die Macht – in Basel, da ist die Innovation. Basel ist der Schnittpunkt der Kulturen. Erst dachte ich, dass meine nur Deutschland, Frankreich und die Schweiz, mittlerweile weiss ich, dass es noch hundert andere Kulturen sind, die sich in Basel treffen.

Sie sprechen immer noch reines Schaffhauserdeutsch.

In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, da redet man einen ganz extremen Dialekt. In meiner Kindheit haben fast alle Männer das Dorf nur fürs Militär verlassen. Man war immer in dieser kleinen Welt, das war sehr introvertiert. Gemessen an dem, was damals war, ist mein Dialekt nicht mehr extrem.

Haben Sie mit dem Schaffhauserdeutsch auf dem Sender keine Probleme?

Es hat es mir noch nie jemand vorgeworfen und es hat meiner Karriere nie geschadet. Ich glaube, ich weiss auch, warum. In Basel wird niemand des Dialekts wegen qualifiziert. In Basel zählt, ob man Verantwortung trägt für Kultur oder Wirtschaft. Wenn Basler spüren, dass jemand Verantwortung trägt, dann spielt die Nationalität oder die Herkunft keine grosse Rolle. Wenn jemand zum Ausdruck bringt, dass er das Stadtcasino, den Braunen Mutz oder den Tinguely-Brunnen nicht kennt, dann ist er weg vom Fenster, egal wie er spricht.

Ursprünglich haben Sie bei Georg Fischer in Schaffhausen Mechaniker gelernt. Warum sind Sie nicht bei der Technik geblieben?

Weil ich ein schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen habe und Mathematik zwar interessant finde, aber nicht wirklich beherrsche. Meine Begabung liegt im Bilden von Assoziationen, quasi Bildschnitte im Kopf. Das ist ein faszinierendes Talent, aber es schadet einem bei der Technik.

Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?

Als Hobby habe ich Musik gemacht. 1979 bin ich mit einem Produktionsteam in Berührung gekommen, das für Radio 24 auf dem Pizzo Groppera Sendungen gemacht hat. Jemand aus dem Team fragte mich, ob ich einsteigen möchte. Das hab ich gemacht und rasch gemerkt, dass die publizistischen Konzepte fehlen. Also habe ich drei Jahre lang mich selber zum Journalisten ausgebildet und mich dann selbstständig gemacht. Dafür bin ich nach Basel gekommen. Im Restaurant «Reblaube» in Allschwil im 4. Stock habe ich ein Pressebüro eröffnet und für Radio Raurach, für Radio Basilisk und das Schwarzwaldradio gearbeitet, später auch für Zeitungen, auch für die bz. Das hat sich weiter entwickelt, mit der Zeit arbeitete ich für fast alle Schweizer Zeitungen und wurde Nordwestschweiz-Korrespondent für Radio 24. Irgendwann kam der «Blick Basel», ein Grossprojekt, da waren wir sieben Tage die Woche auf der Piste. Als der «Blick Basel» schloss, habe ich das Blick-Büro in Basel mitbetreut und habe danach zum «Doppelstab» gewechselt.

Wie kamen Sie zu Telebasel?

Ich habe ein Interview gemacht mit dem Chefredaktor des Stadtkanals, das war 1996. Bis dahin hab ich im Journalismus fast alles gemacht, was man sich vorstellen kann: Zeitung, Agenturen, Radio. Alles, ausser Fernsehen. Im Interview liess der Chefredaktor durchblicken, dass Telebasel jemanden suche. Da ist der Funke gesprungen. Ich habe ein Bewerbungsvideo kreiert, um meine Kompetenz zu unterstreichen, danach ging es schnell.

Kamen Sie so zum ersten Mal mit dem Medium Film in Berührung?

Nein, ich habe schon als Kind gefilmt. Mein Vater hat eine Super-8-Kamera gekauft und mit mir Filmbücher durchgearbeitet. Was ich damals gelernt habe, ist zu 90 Prozent heute noch das Fernsehhandwerk. Als ich 14 Jahre alt war, sagte ich meinem Vater, dass ich Kameramann werden wolle. Er sagte, dann müsse ich filmen, was die Leute wollen, aber das sei meistens schlecht. Er wollte, dass ich etwas Richtiges lerne.

Sie sind Mitglied der Evangelischen Täufergemeinde. Welche Rolle spielt Ihr Glaube bei Ihrer Arbeit?

Mit dem Thema ist es wie mit Sex: Es ist gefährlich, darüber zu reden. Die Täufergemeinde ist weder Ausgangspunkt noch Angelpunkt meines Lebens, ich bin ja auch Mitglied der reformierten Landeskirche. Durch die Tabuisierung des Gottesbildes in unserer Gesellschaft ist das Nennen einer solchen Institution sofort mystisch. Es kommt zu einer starken Etikette, die zwar diffus, aber mit negativen Bildern behaftet ist und eine sehr konkrete Wirkung hat.

Das waren die negativen Seiten – was bringt Ihnen Ihr Glaube konkret?

Ich habe es primär mit Menschen zu tun und nicht mit Sachen. Menschen sind ein Geschöpf Gottes und nicht irgendwas. Sie gehen einen etwas an und machen mich behaftbar. Ein Kernbestandteil des Glaubens ist die Gleichwertigkeit aller Menschen. Nicht die Gleichheit, sondern die Gleichwertigkeit. Und dank meines Glaubens weiss ich: Es gibt Wahrheit. Das verpflichtet mich zu einem anderen Stil von Arbeiten, als wenn ich eine andere Sicht hätte.

Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Was bedeutet Ihnen Ihre Familie?

Ich habe seit einigen Tagen sogar ein Enkelkind. Familie bedeutet zuerst einmal eine Verpflichtung, die ich immer zu wenig wahrgenommen habe, was meine Frau kompensieren musste. Genau besehen ist das ein ungelöstes Problem. Ich habe das unverdiente Glück, dass es mir meine Familie nicht übel nimmt. Ich habe zu allen Familienmitgliedern eine herzliche Beziehung und bin dankbar, dass alle meine Kinder den Rank ins Leben gefunden haben. Besonders wichtig ist das im Fall meines Sohnes, er ist zu meinem wichtigsten Berater geworden.

Haben Sie noch Zeit für die Musik?

Ohne Musik wäre ich nicht mehr da. Musik ersetzt mir das, was für andere Männer in so einem Stressberuf die Kompensation ist: Alkohol, Koks, Liebschaften und Risikosport. Musik nimmt jeglichen Druck von der Psyche weg. Einen Abend Musik machen formatiert mich für den nächsten Tag neu, das braucht weniger Energie, als einen Abend fernsehen.

Telebasel hat heute ein Budget von 8,5 Millionen Franken – fast die Hälfte stammt aus Gebühren. Ist Telebasel heute eine kleine SRG?

Ja, schon ein bisschen. Mit zwei Unterschieden: Es ist institutionell schlank geblieben, es gibt keinen Wasserkopf, wie bei der SRG und im Zentrum steht im Gegensatz zur SRG das Machen, der journalistische Auftrag. Zudem: Telebasel ist viel überschaubarer. Das verhindert, dass Geld in Dunkelkammern verschwindet.

Ist die Nachrichtensendung «7vor7» immer noch die wichtigste Sendung von Telebasel?

Ja, da konzentrieren wir am meisten Geld. Vom Konzept her, wenn man von sechs bis acht das Programm anschaut, geht der Anspruch von Telebasel heute aber weit über «7vor7» hinaus. Wenn man zum Beispiel die Sendung «Was lauft» heute abstellen würde, gäbe es massiven Widerstand in der Basler Kulturszene. Die ist ein fester Bestandteil geworden. Das Konzept ist also nicht mehr einfach «7vor7». Von sechs bis acht wird die Region abgebildet wie sonst nirgends.

Welche Rolle spielt das Internet für Telebasel?

Das wird immer wichtiger. Von den Menschen, die uns heute schauen, sehen uns etwa 10 bis 20 Prozent über das Internet. Ich rechne damit, dass wir bereits mehr als 10 000 Menschen haben, die uns zeitverschoben oder live per Internet schauen.

Wer ist Ihr wichtigster Konkurrent?

Eine gute Frage. Das ist nicht eine Firma oder ein Medium, es ist die Addition der Medien, die in der Marktanteilskala mit «andere» auftaucht. Es ist die Summe von allen kleinen Sendern, die heute zusammen einen Marktanteil von 40 bis 50 Prozent haben. Die andere Konkurrenz ist die ganze «Youtubisierung» des Internets. Wir haben seit letztem Jahr die Ablehnung gegenüber Facebook, Youtube und Twitter aufgegeben. Wir beziehen diese Kanäle jetzt aktiv in unser Dispositiv mit ein – bei aller Bedenklichkeit. Wir versuchen, sie einfach nur anzuwenden und nicht zum Inhalt zu machen.

Wie beurteilen Sie die Mediensituation in Basel heute?

Meine Beurteilung ist unpopulär und politisch nicht korrekt. Der einzelne Medienrezipient ist heute besser gestellt als noch vor 10 oder 15 Jahren, weil er aus einer breiten Palette auswählen kann. Vor 20 Jahren bestand die Basler Medienszene vorwiegend aus der BaZ.

Sie sind jetzt 57 – welche Ziele haben Sie noch?

Am wichtigsten ist im Moment, dass wir das, was Telebasel erreicht hat, absichern können und die neuen Anforderungen im Bereich Digitalisierung und Diversifizierung erreichen können. Dazu gehört, dass das journalistische Kader, das herangewachsen ist, das Heft übernehmen kann. Das, was ein Mann unbedingt machen möchte, das habe ich erreicht. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass ich mein Know-how über Blues und Rhytm’n’Blues in die regionale Musikszene einbringen kann. Rhythmus und Musik, das ist die beste Alters- und Demenzprophylaxe. Ich träume davon, die französischsprachige Musikszene von New Orleans und die Szene von Basel miteinander zu verbinden und dafür zu sorgen, dass es zum Musikeraustausch kommt. Davon träume ich.

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