Geständnis
Täter stellt sich in Basel 28 Jahre nach brutalem Sexualmord

Vor 28 Jahren wurde die Italienerin Antonella B. in der Nähe von Karlsruhe auf grausame Art ermordet. Nun gestand der mittlerweile 48-jährige Paul P. die Tat. Er lebte in der Zwischenzeit in Basel, doch die Bilder des Mordes liessen ihn nie mehr los.

Volker Knopf, Karlsruhe
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Der Angeklagte Paul P. mit seinem Verteidiger Alexander Kist beim Prozessauftakt vor dem Karlsruher Landgericht.

Der Angeklagte Paul P. mit seinem Verteidiger Alexander Kist beim Prozessauftakt vor dem Karlsruher Landgericht.

Knopf

Es ist eine Tat, an die sich die Menschen aus Karlsruhe und Region mit Schrecken erinnern. Am 21. Juni 1987 wurde die 25-jährige Italienerin Antonella B. im Hardtwald auf grausame Weise ermordet. Zunächst wurde ein Ritualmord vermutet, die Leiche war schrecklich zugerichtet und mit Kordeln an Bäumen befestigt.

Der Täter wurde trotz Überprüfung von rund 600 Verdächtigen nie gefasst. 18 Monate suchte eine Sonderkommission vergebens. Nach gut 28 Jahren dann plötzlich die überraschende Wende: Anfang dieses Jahres meldete sich ein 48-Jähriger auf einer Polizeiwache in Basel und gestand die Tat. Seit gestern steht dieser Mann nun vor Gericht. Die Medien drängten sich im Karlsruher Landgericht, denn es ist selten, dass ein Fall nach mehreren Jahrzehnten auf derart spektakuläre Weise doch noch gelöst werden könnte. Der Angeklagte, ein hagerer, unauffällig wirkender Mann mit dunklen, halblangen Haaren und Brille, machte ein umfangreiches Geständnis und offenbarte detailgenaues Täterwissen.

Unfähig, zu vergessen

Warum er sich nach so langer Zeit zu diesem Schritt entschloss, wollte der Vorsitzende Richter wissen. «Es sind immer die gleichen Bilder. Ich kriege sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie kommen fast jede Nacht. Ich will, dass das aufhört, dass ich bestraft werde», sagte Paul P., der in Heidenheim geboren ist und mehrere Jahre in Heimen in Karlsruhe und Pforzheim untergebracht war. Den Grossteil seines Lebens verbrachte er jedoch in Basel. Nicht vergessen kann er die Szene, die der Staatsanwalt in der Anklageschrift mit «roher, gefühlloser Gesinnung» beschrieb, mit dem «Willen, einen Menschen auf grausame Weise aufgrund seines Sexualtriebs zu töten».

Wie der Beschuldigte einräumte, hatte er Antonella B. gewürgt, bis sie sich nicht mehr rührte. Insbesondere die folgende Szene, die der Mann beschrieb, sorgte für Schockmomente im Gerichtssaal. Er habe einen Stock genommen und ihr in den Hals getrieben. Mit einem Stein habe er ihr den Pflock immer tiefer in ihren Rachen gerammt. Er könne sich an nichts mehr erinnern – nur noch an diese eine Szene. «Ich bin ein Mörder. Ich habe mich nicht mehr wiedererkannt. Ich hatte Angst vor mir selbst», sagte der Mann in Schweizer Dialekt und stockender Stimme.

Begegnung bei Tina Turner

Die für das Opfer unheilvolle Begegnung am Nachmittag des 21. Juni 1987 beschrieb er so: Er sei von einem Heim in der Nähe von Karlsruhe, wo er damals lebte, in den Schlosspark gefahren. Im benachbarten Wildpark-Stadion fand ein Konzert von Tina Turner statt. Dieses habe er vom Park aus mit anhören wollen. Er habe einige Bier getrunken, als eine junge Frau ihn nach «Cavallo» fragte. «Sie sprach gebrochen Deutsch, ich wusste, dass mit Cavallo Pferde gemeint sind. Ich deutete in eine Richtung und sie fuhr mit dem Rad los.» Er sei, wie er es ausdrückte, «spitz» gewesen.

«Sie gefiel mir, ich wollte sie haben, um jeden Preis», sagte Paul P., der zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alt war. Er sei ihr mit dem Rad gefolgt, habe zu ihr aufgeschlossen und mit der Hand an ihre Brust gefasst. Dadurch sei die junge Frau gestürzt. «Sie hat mich beschimpft und als Hurensohn bezeichnet. Da habe ich rot gesehen, habe sie gewürgt und ins Unterholz gezogen.» Antonella B. habe sich nach Kräften gewehrt, hatte aber keine Chance. Die junge Frau aus Trient in Norditalien war erst wenige Monate zuvor nach Karlsruhe gekommen, um in einer Gelateria zu arbeiten.

Flucht nach Basel

Nach der Tat hatte sich der Angeklagte in die Schweiz abgesetzt. Dort lebte er damals und lebt nach wie vor seine Verwandtschaft. Zu seiner Vita machte der Beschuldigte umfangreiche Angaben. Bereits mit zwei Jahren sei er von der Schwäbischen Ostalb mit den Eltern nach Basel gezogen. Immer wieder ging es zwischen Südwestdeutschland und der Nordwestschweiz hin und her.

Paul P. berichtete von zerrütteten Familienverhältnissen, Schlägen vom Stiefvater, Trennung der Eltern, Diebstählen und Alkoholmissbrauch. Die Hauptschule schaffte er nicht, eine Ausbildung hat er nie abgeschlossen. In Basel schlug er sich nach der Tat mit Gelegenheitsjobs durch. Der Angeklagte arbeitete als Aushilfe auf dem Bau, als Fensterputzer, bei der Brückenreinigung und der Schlammaufbereitung. Nach einem Unfall seien sein Rücken und die Knie «kaputt». Er habe Steuerschulden im fünfstelligen Bereich in der Schweiz. Seine Wohnung in Basel wurde wegen Vermüllung geräumt. Nun habe er «reinen Tisch» machen wollen. Nach der Haft möchte er so schnell wie möglich wieder zurück in die Schweiz, wo seine Freundin lebt. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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