Performance

Tanz den David: ein seltsam anmutendes Geschehen, das verblüfft

Choreografin Alexandra Pirici verblüfft mit ihrer Performance an der Art Basel

Choreografin Alexandra Pirici verblüfft mit ihrer Performance an der Art Basel

Auf Einladung der italienischen Kuratorin Cecilia Alemani bespielt die rumänische Choreografin Alexandra Pirici während der Art den Messeplatz. Die Art Basel ist nach Berlin und Buenos Aires die dritte Station für «Aggregate», eine der, nach Aussage der Kuratorin, «ambitioniertesten Arbeiten Piricis».

Die Art Basel präsentiert diese Tage die neusten Trends in der Kunstwelt. Die Aufhebung der Grenzen zwischen den Kunstgattungen begann zwar schon in der Moderne. Seit einigen Jahren jedoch sind vermehrt Künstler aus dem Theater- und Tanzbereich in den Kunsthallen präsent. Choreografinnen wie die Genferin Maria Ribot oder die Baslerin Alexandra Bachzetsis bewegen sich leichtfüssig in beiden Sphären. Die Rumänin Alexandra Pirici tut es ihnen gleich.

Die 36-Jährige begann 2011, öffentliche Denkmäler mit menschlichen Körpern neu zu interpretieren. 2013 liess sie die 100 wichtigsten Werke aus der Geschichte der Biennale in Venedig von Performern nachstellen. Seither ist Piricis Arbeit international gefragt – und dies, obwohl sie sich dem Markt in gewisser Weise entzieht.

Von ihren Choreografien gibt es nicht Bleibendes, wie Fotos oder Videos, die handelbar wären. Die Künstlerin veräussert nur die Rechte an ihren Performances, was heisst, dass das Museum einfach eine genaue Gebrauchsanleitung für eine Wiederaufführung erhält.

Tönt abstrakt, ist aber sinnlich

Auf Einladung der italienischen Kuratorin Cecilia Alemani bespielt Pirici nun den Messeplatz. Die Art Basel ist nach Berlin und Buenos Aires die dritte Station für «Aggregate», eine der, nach Aussage der Kuratorin, «ambitioniertesten Arbeiten Piricis».

Sichtbares Zeichen sind die weissen Kuppeln des Pavillons, den ihr Mitarbeiter Andrei Dinu, ein rumänischer Designer und Bühnenbildner, konstruiert hat. Im Innern versammeln sich das Publikum und 63 Performerinnen und Performer. Zu unterscheiden sind diese auf den ersten Blick kaum. Was die zumeist jungen Frauen und Männer tun, umschreiben die Kuratoren so: «Sie realisieren eine symbolische Manifestation der Geschichte sowie der individuellen und kollektiven Vorstellungen körperlicher Präsenz und Machstrukturen.»

Was im schönsten Kunst-Sprech abstrakt tönt, ist in Realität ein sinnliches Erlebnis. Auch wenn beim Betreten des Pavillons die Frage mitschwingt, ob das auf Dauer interessant ist: Das Nachstellen von Meisterwerken der Kunst, wie Michelangelos «David» oder Wilfredo Lams «Lisa Mona», durchmischt mit der Darstellung von Tierkörpern, dem Zitieren von Popsongs, Volksliedern und -tänzen, angereichert durch Texte und Referenzen an Bollywood- Filme.

Die eklektizistische Vielfalt des Materials ist Konzept. Cecilia Alemani sagt: «Am besten beschreibt man das als Zeitkapsel, die Vieles davon enthält was dieses Jahr 2019 und unseren Planeten ausmacht. Wir sehen Elemente aus unserer Kultur, der Natur, aus Tanz, Musik, aus der Kunst, die repräsentativ für unsere Zeit sind.» Und sie betont, dass dies natürlich ein beinah hoffnungsloses Unterfangen sei, aber genau darum gehe es der Choreografin.

Tempel der Entschleunigung

Es ist still im Innern, das helle Weiss löscht das Bildflimmern, das noch vom Besuch der Messhallen nachklingt. Diejenigen Menschen, die zu den Performern gehören, bewegen sich in Zeitlupentempo um die Zuschauer herum, treten nah heran, entfernen sich wieder, wie ein Schwarm, der sich immer neu formiert, vier Stunden, non stop.

Die Zuschauer dürfen bleiben, so lange sie wollen. Es empfiehlt sich, zu verweilen und sich auf das seltsam anmutende Geschehen einzulassen: Da eine Gruppe, die sich als Sphinx hindrapiert, dann auf allen vieren herumschleicht, dort Hände, die wie Schwalben kreisen, Arme, die rudern. Ein Pfeifen ist hörbar, später Meeresrauschen.

Und kaum hat sich das Auge an eine Formation gewöhnt, fliesst diese in eine andere über. Körper an Körper liegend singt ein Chor Depeche Modes Liedzeilen «All I wanted, all i needed, here in my arms», und schon verwandelt sich der Menschenschwarm in eine liegende Kette, in knieende Gorillas, und ja, da stehen urplötzlich zwei Dutzend «Davids», während einer irgendwo einen Text spricht, um den Engelsflügeln Platz zu machen, die sich wiederum senken, wenn das rumänische Volkslied ans Herz geht.

Pirici und ihre Crew kreieren einen Sog, dem hinzugeben sich lohnt. Dieses «Aggregate» ist eine kraftvolle Batterie und behauptet seinen Platz als Entschleunigungsprogramm inmitten des Messerummels.

 

«Aggregate», Messeplatz, Fr., 16-20 Uhr, Sa., 13 bis 17 Uhr. Eintritt frei.

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